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Dienstag, 27. Juni 2017

Villon / im ehem. Greifenverlag (1) – Von der Wiege bis zur Bahre

Diese Folge aus Einleitung und vier Gedichten ist einem ehem. Verlag gewidmet,
dem Greifenverlag zu Rudolstadt und seinen Buchkünstlern,
anhand des historischen Romans "Villon, den ganz Paris gekannt"
von Autorin Johanna Hoffmann; illustriert von der Grafikerin Erika Müller-Pöhl
 
Illustration: Erika Müller-Pöhl, 1973 im Greifenverlag; zu Buchseite 39
– z. Z. sind keine weiteren Angaben verfügbar –  *)

Villon / im ehem. Greifenverlag
(1) – Von der Wiege bis zur Bahre
          (Canzone toscana)

Das Bübchen, das ihr planschen seht im Zuber,
gebändigt durch der Mutter ganze Kraft,
zeigt unbeugsam schon seinen starken Willen.
Die spätren Verse sind nicht für den Schuber,
sie hat er oft nur schnell zum Bund gerafft –
man liest ihn nicht im Kämmerlein, dem stillen.
Im Mund den Ruf, den schrillen,
geballte Faust, gestampft voll Leidenschaft.
So steht er, armer Eltern Sohn, zur Welt,
die ihm sein Leben lang in Ohren gellt.

Von da bis hin zum Schluss – gar viel Stationen,
die er durchmisst: er lernt mit Wissbegier,
spielt listig argen Schabernack den Reichen.
Wie es Begüterte den Armen lohnen,
klingt mal das Geld, mal droht der Fusilier;
den Häschern kann der Barde nicht entweichen.
Dann setzt er seine Zeichen
und reimt das Fassbare zur Verse Zier!
Was da zusammenkommt, wird nachmals Schatz
und bleibt – wie gnadenlos auch sei die Hatz.

Der Mann, hinabgesunken auf die Erde.
Er hockt dort stumm, gelehnt an eine Wand,
ist barfüßig und in zu kurzer Hose.
Er friert und denkt in seiner Sprache "Merde
was bin ich hungrig in solch reichem Land."
Hebt dann den Kopf, versteinert in der Pose:
Steht eine Herbstzeitlose,
holt ihn zum Mahl mit einem Wink der Hand. –
Paris verstößt ihn. Unbekannt der Flecken,
wo Gräser das Gebein des Barden decken.

Wolfgang H. (elbwolf, Juni 2016; durchgesehen Juni '17)

Illustration: Erika Müller-Pöhl, 1973 im Greifenverlag; zu Buchseite 321
– z. Z. sind keine weiteren Angaben verfügbar –  *)
*) Disclaimer
Der Blogger dieser insg. 5-teiligen Folge hat große Anstrengungen unternommen, den evtl. Rechteinhaber für die reproduzierten Illustrationen ausfindig zu machen, jedoch ohne Ergebnis. Er gibt hiermit seiner Überzeugung Ausdruck, dass es der Künstlerin lieber sein würde, dieser bescheidenen Ehrung auch ungefragt zuzustimmen, bliebe doch sonst nur die ungenannte Präsenz auf Wühltischen von Trödelmärkten.
Auf begründete Forderung hin würden die Abbildungen natürlich gelöscht.

1 Kommentar:

  1. "Die lasterhaften Lieder" besitze ich auch in einer Ausgabe vom damaligen Greifenverlag (sehr, sehr freie Nachdichtung von Paul Zech. Dann besitze ich die nachdichtung von K. L. Ammer Verlag Reclam 1967 mit Zeichnungen von Hans Grundig.
    Deine Verse- (ich glaube ich hab sie schon früher (vor der Umstellung) hier gelesen und etwas dazu geschrieben) werde ich mir nach meinen Urlaub gönnen. Interessant, was K. Tucholsky zu den freien Nachdichtungen von Paul Zech schrieb. Man vergleiche die "Ballade an den Herzog von Burgund bei Ammer und Zech.
    B.G.
    Willy Rencin

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