Diesen Blog haben wir 11/2016 neu gestaltet und führen ihn im Team weiter. Das verspricht mehr Vielfalt - wie man wohl schon an unseren Gesichtern ablesen könnte.
Allen Besuchern - herzliches Willkommen und viel Vergnügen bei/mit unseren Gedichten!
Im NOVEMBER 2017 würdigen wir einen Mundart-Dichter aus dem Thüringischen früherer Zeit. Als eines der letzten (hier noch nie gezeigten) "Gedichte großen Formats" stellen wir die Sestine vor. Und sonst - mal sehn!

Mittwoch, 12. Juli 2017

Mundart-Verse (4) – Westerzgebirgisch (Matthias Fritzsch als Gast)


Notabene: Fortsetzung der losen Folge von Gedichten, die ihre Verfasser/Innen in Mundart schreiben. Der Begriff mag für Sprachwissenschaftler etwas unscharf sein – hier steht er für Gedichte, die man in solcher "Würze" nur in "Regionalsprachen" findet. Auch sind sie den formalen poetischen Auflagen durch das Hochdeutsche weit weniger (oder nicht) verpflichtet.
Für Unkundige, die gar manches Mal "begriffsstutzig" sein würden, gibt es heute und hier zwar keine hochdeutsche Übertragung, aber doch eine ganze Reihe Worterklärungen.
Blick von der Joachimsthaler Straße auf Breitenbrunn im Erzgebirge; 660 m ü. NHN
Autor: Hejkal, Mai 2004; Quelle: Wikimedia.commons; Liz.: CC BY-SA 3.0
 Matthias Fritzsch …
… begrüßt auf der Seite "Literatur im Erzgebirge" Leser und Autoren mit den Worten:
"Neies schaffen un des Alte bewahrn / is unner Aliegn un innigster Drang,
du mei arzgebirgische Haamit / in Mundart und Gesang."
Er selbst stellt uns neben zwei Mundartgedichten aus Paarreimen einen Liedtext vor, der zum Repertoire von Volksmusik-Gruppen gehört.
Wir übertragen die Verse nicht ins Hochdeutsche – erklären aber Dialektworte:
???  "allaa dorham" - "e mol e weng" – "ka fei" – "Haisle" – "Schänners"  ???
Jeweils neben den Originalen stehen rechts die Lösungen zu diesen Rätseln!


De Kur
oder de Fried un dor Kar

De Fried, die is zor Kur gefahrn, allaane nauf zor See.
Vierzehn Tog, e lange Zeit, dor Abschied tat fei weh!
Dor Kar, dar blieb allaa dorham, des is nu halt mol su,
de Zeit ging aber fix vorbei, de Fried, die war fei fruh!
Mit ihrn Gepacks do fuhr de Fried is Dingel wieder ro,
zun Bahhuf nauf, do stärzt dor Kar un hult se dort'n o.

Von weiten hot de Fried gewedelt aus'n Fanster raus,
dor Kar winket net zerück, er mahnt, 's sieht albern aus!
Dor Zug hielt a un mit de Koffer steigt se aus, de Fried
un läft in Richtung Ausgang hie, dort wu ihr Kar rümstieht.
Nu endlich hot sich aah dor Kar e mol e weng bewegt,
er schnappt de Koffer un hot Na, wie war's?" gefregt.

Ganz entsetzt sat glei de Fried: Nu des ka fei net sei!
Ich war zor Kur, bie endlich do, fällt dir nischt wetter ei?
Guck nüber, of'n Bahsteig drübn e Ma un seine Fraa,
die schmatzn do in aaner Tour; schie, denne zuzesah.
Worüm, frog iech, machst du's net su wie die zwee dort?"
Dor Kar: Ne, du kimmst aah eham un die drübn fährt fort!"
Die Kur oder
Frieda & Karl

an die See
sehr
allein |mal so
froh
Weg zurück
holt sie ... ab

gewunken
meint
hielt an
läuft
ein bisschen
gefragt

kann doch
weiter
ein Mann
küssen |zu-
       \zusehen
ja heim


Kumm fahr miet nauf ins Arzgebirg

De Woch die gieht ze End
un jeder schafft un rennt.
Is Wochenend kimmt ra;
was stell ich wieder a?
Su mancher hot sei Plog,
für mich gibts do ka Frog.
Ich find des halt mol schie,
naus Wannern ze gieh.
In Rucksack pack ich ei,
tu was ze Assen nei.
De Wannerschu fix na,
dos endlich lus gieh ka.
Ich hob e gruße Frad,
is Wannern agesat.
Ich find des halt mol schie,
naus Wannern ze gieh.

Refrain:
Kumm fahr miet nauf ins Arzgebirg, mir wolln dort wannern gieh.
Im Schriet un Triet am Faldwag lang, an Bachle wunner schie.
Kumm fahr miet nauf of Bargeshöhn, durch Täler weit zengst hie,
durch unner schienes Arzgebirg, kumm lasst uns wannern gieh.


Of'n Barg stieh

Wenn ich ubn of'n Barg stieh un ins Land nei saah,
is des, wos mich bedrückt, of aamol nichtig un klaa.

Su weit mor saah ka: Mei Arzgebirg, su wunnerschie,
mit Täler un Höhn, Falder un Wiesen im saftigen Grü.

De Stroßen, de Haisle im Tol wie Spielzeig su gruß
un de Barg ringsrüm, dor Blick lässt mich nimmer lus.

Su of'n Barg ze stieh, wos ka's noch Schänners gabn!
Aber mor stieht halt net immer of'n Barg in senn Labn.
Auf dem Berg
              \stehen
oben auf |schau
klar

man sehen kann
Felder

Häuser
los

Schönres geben
in seinem Leben

© Matthias Fritzsch
"Mit enn herzlichen "Glück auf!" aus'n westlichn Arzgebirge!"
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Unsere heutiger Gast, Matthias Fritzsch, wurde 1956 geboren, ist in Raschau aufgewachsen und lebt seit 1988 in Zwickau. Er begann 1992 in westerzgebirgischer Mundart gereimte lustige Gedichte, darunter singbare, und Kurzgeschichten zu schreiben. Er tritt damit bei zahlreichen Lesungen in Vereinen, Schulen und öffentlichen Veranstaltungen im gesamten Erzgebirge, im Vogtland und auch darüber hinaus auf. Er hat Veröffentlichungen in einer Reihe von Zeitungen, Zeitschriften, Heimatblättern und Kalendern. Matthias Fritzsch hat sechs Bücher herausgebracht und ein Dutzend Mundartlieder getextet und komponiert. Seit 2010 ist er Mitorganisator der Erzgebirgischen Mundarttage des "Erzgebirgsverein e.V." und gehört zur Erzgebirgsgruppe "De Rödelbachtaler" aus Kirchberg (s. Abb., rechts).
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"Erzgebirgisch (oder auch Aarzgebèèrgsch) ist ein deutscher Dialekt, der vor allem im mittleren Erzgebirge, aber auch im Oberharz in Niedersachsen, gesprochen wird. Er ist bisher nur wenig sprachwissenschaftlich erforscht. Aufgrund der hohen Mobilität der Bevölkerung und des damit verbundenen starken Kontakts zum Obersächsischen, der großen Abwanderungsrate und nicht zuletzt auch aufgrund seiner geringen Verständlichkeit gegenüber anderen Dialekten verringert sich die Sprecherzahl immer mehr.
Das Erzgebirgische wird heute in den Landkreisen Mittelsachsen (hier nur noch im Süden), Zwickau (im Südosten sowie in Lichtenstein) sowie hauptsächlich im Erzgebirgskreis gesprochen." (zitiert nach institut-sks; die kartografische Darstellung zeigt, dass im Erzgebirge die Naturräume und die mundartlichen Gebiete
nicht deckungsgleich sind!)

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