Hier schreiben Hobbydichter für Lyrik-Freunde – meist Gereimtes und nur Druckreifes! Willkommen also, viel Vergnügen mit unseren Gedichten und deren Bebilderung!

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Bereits seit Jahresbeginn bringen wir neue Folgen an Kalenderblättern und Monatsbildern. Darum herum dann das, was sich an Einfällen so ergibt – man wird sehen! Nun ja, was man auch sieht: wir "unterschlagen" seit einer ganzen Weile auch einen gewissen Anteil an sanfter Erotik nicht länger - die Zeiten sind eben so ...

Wir teilen den Lesern unseres Versbildners mit und bitten um Verständnis, dass wir auch weiterhin das monatliche Angebot auf 6 Beiträge beschränken - die Kontaktarmut dieser Zeit bringt leider auch eine gewisse Ideenarmut mit sich. Neueinstellungen erfolgen damit um die Kalendertage des 1., 6., 11., 16./17., 21./22., 25.-27. eines Monats.

Donnerstag, 12. April 2018

Lebenssinn und Lebensinhalt

Hamlet, mit Yoricks Schädel; /5. Aufzug, 1. Auftritt *)/
Zeichner: Henry Courtney Selous (1803-90; Zeichnung ~1868?)

Lebenssinn

Manch einer möchte dauernd
den Lebenssinn ergründen,
und fragt sich dann, erschauernd,
worin wird das noch münden.

Wer kann schon Wahrheit künden,
sei Suchen selbst beständig –

erst wenn Gedanken zünden,
dann wird der Sinn lebendig,

Gesucht wird meist vergeblich.
Der Sinn ist: einfach "leben";
nimm's leicht, dann wird erheblich
Gewinn sich draus ergeben.

Dein Leben, leicht ob schwer,
nimm's an, wie's ist: leger.

© Luzie -R. (lillii, 9.3.2018)


Lebensinhalt

Wer wollte es dir denn verübeln,
dass du den Lebenssinn ergründest,
mit anderen, die auch so grübeln,
zu diesem Zwecke dich verbündest.

Ist man mit weiteren im Bunde,
verfällt man nicht so schnell in Trance;
das wäre eine gute Kunde
und gäbe dir manch neue Chance.

Verbringst du Zeiten auch mit Suchen,
erfüllst du trotzdem dir dein Leben
und kannst es als Erfolg verbuchen,
denn schließlich wird sich eins ergeben:

Dein Dasein hat zum Lebenssinn,
dass du es ausfüllst mit Gewinn!

© Wolfgang H. (elbwolf; 10.3.2018)
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Anmerkung:
Beide kleinen Gedichte sind in der Art des englischen Sonetts abgefasst, weisen aber weniger Versfüße auf. Zudem ist die Reimstellung mit Kreuzreimung in allen drei Quartetten und immer neuen Reimsilben einfach auszuführen. Es wäre aber ein Anreiz gegeben, die Gedichtinhalte in die vollständigen Sonettformen umzuschreiben, deren Reimschemata deshalb hier angefügt sind:

altitalienisch: abababab – cdecde         (nur jambische Elfsilber)
englisch:       abab – cdcd – efef – gg
deutsch:       abba – abba – {ccd-eed, cdd-cee, cdc-dee, cdc-ede, cde-cde}

*) Die Stelle, auf die sich die IIlustration bezieht, lautet:
Erster Totengräber. … Dieser Schädel da war Yoricks Schädel, des Königs Spaßmacher.
Hamlet. Dieser? (Nimmt den Schädel.)
Erster Totengräber. Ja, ja, eben der.
Hamlet. Ach, armer Yorick! – Ich kannte ihn, Horatio, ein Bursche von unendlichem Humor, voll von den herrlichsten Einfällen. Er hat mich tausendmal auf dem Rücken getragen, und jetzt, wie schaudert meiner Einbildungskraft davor! Mir wird ganz übel. Hier hingen diese Lippen, die ich geküsst habe, ich weiß nicht wie oft. Wo sind nun deine Schwänke, deine Sprünge, deine Lieder, deine Blitze von Lustigkeit, wobei die ganze Tafel in Lachen ausbrach? Ist jetzt keiner da, der sich über dein eigenes Grinsen aufhielte? Alles weggeschrumpft? Nun begib dich in die Kammer der gnädigen Frau und sage ihr, wenn sie auch einen Finger dick auflegt: so ’n Gesicht muss sie endlich bekommen; mach sie damit zu lachen! – Sei so gut, Horatio, sage mir dies eine.
Horatio. Und was, mein Prinz?
Hamlet. Glaubst du, dass Alexander in der Erde solchergestalt aussah?
Horatio. Gerade so.

Sonntag, 8. April 2018

Die drei Siebe des Sokrates

rechts: Sokrates, Philosoph und Lehrer von Platon;
links: Zuordnung nicht eindeutig - Aeschines oder Xenophon.
.                                                         ▼ Figur des Sokrates •1•
Raffael (1483-1520): Die Schule von Athen (1509, Detail).
Wandfresko in den Stanzen des Vatikan; via The Yorck Project; gemeinfrei

Gewidmet den Besuchern und Anhängern
der Kleinen Kneipe (KK)
im Forum der Seniorentreff.Community,
die am 8. April 2002 eröffnet wurde,
heute also 16 Jahre besteht und moderiert wird
von der ST-Freundin Chris aus Franken. (•4•)

Die drei Siebe des Sokrates

Einst sprach ein einfacher Athener Bürger
den Sokrates, den jeder kannte, an,
um etwas, das ihm auf dem Herzen lag,
dem hochberühmten Manne mitzuteilen.
Ob er gelegen käme – schien ihm nichtig,
dass man ihm zuhörte – dagegen wichtig!

Der Weise unterbrach seine Gedanken
und wandte dem Besucher sich dann zu,
hob geichsam wie in Abwehr eine Hand,
um, wie es schien, den Ankömmling zu zügeln.
"Halt ein! Hast du die Rede durch drei Siebe
gesiebt, zu sehen, was am Ende bliebe?

Du scheinst gar das Verfahren nicht zu kennen?
Das erste Sieb lässt nur das Wahre durch –
Erfundenes hängt in den Maschen fest.
Hast du das so geprüft, statt loszureden?
Ach nein – du hast es irgendwo erfahren …
Was wird das zweite Sieb da erst gewahren?

Das prüft als nächstes nämlich jetzt auf Güte.
Es ist doch gut, was du erzählen willst?"
"Nein … leider eher schon das Gegenteil."
"Dann geht das dritte Sieb nicht einzusparen:
was du mir mitzuteilen bist erbötig,
das sollte dringlich sein, ja eher – nötig!"

"Notwéndig ist es eigentlich nicht wirklich … "
"An deiner Rede, meinst du also selbst,
ist nichts, das wahr noch gütig oder drängt?
Dann solltest du's am einfachsten begraben!
Wir würden uns ganz nachhaltig entlasten,
wenn wir uns damit gar nicht erst befassten!"

© Wolfgang H. (elbwolf; März 2018)
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•1• Sokrates wurde um 470 v. Chr. in Athen geboren und 399 v. Chr. zum Tode durch Vergiften (Schierlingsbecher) verurteilt. Er gilt als Urvater der Philosophie. Da Sokrates selbst keine Schriften hinterlassen hat, verdanken wir seine Überlegungen  und Ideen vorwiegend den Mitteilungen seines Schülers Platon, darunter wohl auch diese auf uns überkommene Legende. Es war leider für mich nicht zu ermitteln, wer die verbreitete Standardversion der "3 Siebe" als Erster ins Deutsche übertragen und editiert hat.
•2• Wer sich näher mit dem philosophischen Gehalt auseinandersetzen möchte, findet Anregungen in den beigelinkten Arbeitsblättern.
•3• Es zeigt sich, dass diese "philosophische Schnurre" sehr verbreitet ist und vor allem Rechtsanwälte darauf zu stehen scheinen und als Motto in ihren Kanzleien verwenden – wohl hoffend, von ihrer Klientel damit Wahrheit, Güte und Notwendigkeit (für die rechtliche Auseinandersetzung) einfordern zu können.
•4• Die Freunde der KK haben Sokrates' 3 Siebe zu einem ihrer Lieblingstexte erkoren, vielleicht weil sie im Reben- und Hopfensaft das Wahre, Gute und auch das Notwendige sehen!?

Mittwoch, 4. April 2018

Der Gesang (3) – Sopranistinnen, die "BBW" der Musik

Mitte: Montserrat Caballé (*1933, Barcelona) auf dem Festival
in Aix en Provence 1980 in der Rolle der Sémiramide von Rossini.
links: Anna Aglatova; Martina Serafin 2015 als Tosca;
rechts: Denise Leigh; Stephanie Blythe 2013 am Metropolitan Opera House.
(alle Abb. in Ausschnitten; via wikimedia.commons; Details s. Anhang!)

Der Gesang (3) – Sopranistinnen,
               die BBW *) der Musik

Was wäre ohne sie die Opernbühne?
Die Sopranistin ist wie stets Garant
für volles Haus und darum oft bekannt
als wohlbeleibte Dame, durchaus kühne
Beherrscherin von heißem Minnesang –
gleich fühlt sich manch Tenor ums Herze bang.

Wenn sie erst lieblich lässt die Stimme klingen
aus wohlgeformtem Leib und voller Brust,
fühlt angeregt sich des Verehrers Lust,
mit ihr vereint ein Liebeslied zu singen.
Die zwei vereinen sich drauf im Duett –
erst auf der Bühne, dann im Kabinett.

Das Publikum erlebt sie auf den Brettern;
sie als Soubrette, ihn als stolzen Held,
und beider Oberkörper brustgeschwellt,
wenn sie die Arien herunterschmettern:
sie treffen selbst die höchsten Töne rein –
erweichen muss das einen Marmelstein!

Der Sopranistin ist die Kunst zu eigen,
dass ihre Stimme andere entzückt
und deren oft profanen Alltag schmückt,
wie Zuhörer mit Ovationen zeigen.
Ich schließe mich mit Beifall einfach an –
und singe selbst so gut ich eben kann.

Luzie R. (lillii, 2.4.2018)


Nach einer Zeichnung von Olaf Iversen (1902-59) zu:
W. Deneke: "50 Jahre jung verheiratet", Hesse & Becker Verlag, 1938, Leipzig.
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Nachweise für die Aufnahmen + Autoren/© + Liz.:
  • Aglatova: 9.9.2014; Franz Johann Morgenbesser, Wien; CC BY-SA 2.
  • Serafin: 6.7.2015; Christian Michelides (Opernfestival St. Margarethen); CC BY-SA 4.0
  • Caballé: 1980; germanuncut77; CC BY-SA 2.0
  • Leigh: 5.9.2009; Garry Knight; CC BY-SA 2.0
  • Blythe: 21.12.2013; Ralph Daily; CC BY-SA 2.0
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Wir fanden es unwiderstehlich, die Iversen'sche Zeichnung zum Schluss anzufügen: Es handelt sich um … keine Operndiva, die gerade zu einer Arie anhebt, vielmehr um eine erboste Hausfrau, die den betrunken heimkehrenden Gatten an der Haustür mit einem Riemen (wegretuschiert!) in der Hand erwartet. Eine Gestattung können wir leider nicht beibringen, da der ehem. Simplizissimus-Zeichner und der Buchautor lange verstorben sind und Buchverlag wie Satirezeitschrift nicht mehr existieren. Aber ein Buchexemplar ist in unserem Besitz.
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*) Die Abkürzung BBW steht für "Big Beautiful Women" (wohlbeleibte schöne Frauen) und ist die Benennung für eine Subkultur im Internet, bei welcher das Augenmerk auf die Attraktivität von übergewichtigen Frauen gerichtet wird.

Sonntag, 1. April 2018

Kalenderblatt 04/2018 (Renate Totzke–Israel a. G.)



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©  Renate Totzke-Israel
(Illustration zu Branstners
Die Ochsenwette, 1982³)
 ©  Wolfgang H. (Verse)

Ein Geizhals begleicht eine Rechnung /japanische Anekdote, Nr.41/
Zwei Händler bieten ihre Waren
als Nachbarn auf dem Markte feil.
Der Kaufmann gibt sich welterfahren,
der Fischkoch bruzzelt alldieweil –
doch zeigen beide im Gebaren,
dass Geiz bestimmt ihr Seelenheil.

Zu Mittag geht der Kaufmann essen,
setzt sich zur Pfanne dicht beim Koch,
isst Brot und schnuppert selbstvergessen
den Duft, der aus dem Fischpott kroch.
Der Koch schreibt Rechnung zu ermessen,
wieviel des Dunstes jener roch.
Und reicht sie dann – auf gut Gelingen –
dem Kaufmann für genoss'nen Duft.
Der lässt ins Kästchen Münzen springen;
schwenkt dieses kraftvoll in der Luft:
"Hörst du die Münzen lieblich klingen",
fragt er den Fischkoch. "Ach du Schuft!

Bloß Duft genoss ich von den Fischen
zu meinem mitgebrachten Brot;
Hör du den Münzenklang, den frischen,
der ist von gleichem Korn und Schrot.
Da liegt kein Unterschied dazwischen:
wie stets ist das Geschäft im Lot!"