Hier schreiben Hobbydichter für Lyrik-Freunde – meist Gereimtes und nur Druckreifes! Willkommen also, viel Vergnügen mit unseren Gedichten und deren Bebilderung!

Aufrufe unseres Blogs erfolgen automatisch mit Sicherheitsprotokoll "https". Am 18. Mai 2022 hatten wir unseren 600. Beitrag in den Blog gestellt!

Bereits seit Jahresbeginn bringen wir neue Folgen an Kalenderblättern und Monatsbildern. Darum herum dann das, was sich an Einfällen so ergibt – man wird sehen! Nun ja, was man auch sieht: wir "unterschlagen" seit einer ganzen Weile auch einen gewissen Anteil an sanfter Erotik nicht länger - die Zeiten sind eben so ...

Wir teilen den Lesern unseres Versbildners mit und bitten um Verständnis, dass wir auch weiterhin das monatliche Angebot auf 6 Beiträge beschränken - die Kontaktarmut dieser Zeit bringt leider auch eine gewisse Ideenarmut mit sich. Neueinstellungen erfolgen damit um die Kalendertage des 1., 6., 11., 16./17., 21./22., 25.-27. eines Monats.

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Donnerstag, 20. Juni 2024

Die Liebe zeigt sich ... später

 

Foto Glenn Loos-Austin (Madison, WI) : ″Body Language″
Aufnahme: 29.09.2005. via Wikimedia commons; Liz.: CC BY-CA 2.0

 

 

Nanu! Im ″Weg in den Sommer″ war die Reimerei in den Strophen
so angelegt, dass sich auf einen Vers in der ersten Hälfte erst
der vierte Vers danach reimt. Das ist zwar gegen die Auffassung
unseres ″Reinpapstes″ Stummer (S. 122), aber ich will es auch
mal versuchen ….

 

Die Liebe zeigt sich … später!

Du bist empfänglich, guter Mann,
und das nicht nur im Wonnemond,
dass dich die Sehnsucht überkommt
im öden täglich‘ Einerlei;
so dass dich Eine schlägt in Bann
und dich dann nirgendwo verschont –
dem Manne dieses sicher frommt:
es steht doch allemal ihm frei.

Gefühl entsteht meist irgendwann;
ist hoffnungsvoll, oft ungewohnt;
braucht Zeit, bis es dann unterkommt
und führt zu einer Liebelei;
ob‘s Liebe wird, das zeigt sich dann 
bei beiden, das sei hier betont;
ob‘s Liebe bleibt, die nie verkommt,
ergibt sich später… denk ich frei.

© Luzie R..

Donnerstag, 22. Juni 2023

Ständige Wiederholung

Jean-Leon Gérôme (1824-1904): An Idyll (Daphnis and Chloe; 1852)
Standort: Musée Massey, Tarbes (Frankreich);
via Wikimedia Commons; gemeinfrei.

 

Ständige Wiederholung
(Perpetuum mobile)

Die Nacht lag noch in ihren blauen Kissen,
vom Duft der Leidenschaft bedeckt,
da hat die Zeit, die junge Schöne
den Jüngling Morgen schon geweckt.

Die lockte ihn mit ihren Zaubertönen,
Dem Ticktackgleichmaß, das die Zeit bestimmt.
Er wünschte sich, sie würde ihn verwöhnen,
jedoch, sie zeigte sich verstimmt.

Sie scherzte wohl, sie drehte sich und lachte,
Sie spottete und lief voran.
Auch wenn er noch so innig flehte,
sie war in Eile, keiner hielt sie an.

Der Tag erschien, der Abend kam ganz leise.
Der Morgen war jetzt müde, still und  brav.
Die Nacht umfing ihn, diese schöne Weise
Und sang den Liebsten in den Schlaf.

So wiederholten Nacht und Morgen
Das Spiel in stetiger Manier.
Die Zeit lief weiter, war nicht aufzuhalten
Und so erleben es auch wir.

© A. Weinhart

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Hinweis:
Den nächsten Beitrag stellen wir erst zum 1.7.2023 ein!

Donnerstag, 1. Juni 2023

Kalenderblatt 06/2023 – Erster Kuss

Hans Christiansen (1866-1945),
führender Wegbereiter und Protagonist des Jugendstils in Deutschland;
Titelblatt der "Jugend", Ausgabe Nr. 14 vom 3. April 1897;
Standort: Bibliothèque des Musées, Strasburg; Foto: Mathieu Bertola;
via Wikimedia Commons; gemeinfrei 

Der erste Kuss

So sagt man es ... obwohl der Zweifel viele;
wir sind durchaus geneigt, uns einzureihn:
hier deuten an sich intensivre Spiele,
als ganz am Anfang vom Einander-Frein.

Da ist dies Lechzen nach Geschmack der Lippen
beinah schon Ahnung von Willfährigkeit;
nicht mehr nur jenes bloße, flüchtig Nippen –
nein, Vorgefühl von neuer Seligkeit.

Und erst die Haut – berührt von Fingerspitzen,
nicht abzusehen wo, an welchem Ort;
das mag schon recht die Phantasie erhitzen
und setzt sich in der Wirklichkeit dann fort.

Was strebt nach dem vollendeten Genuss
das fing einst an ... mit einem ersten Kuss!

 


Kalenderblatt 06/2023 –"Der erste Kuss"; zu:  "Jugend" Nr. 14 von 1897;
Englisches Sonett: © Wolfgang Herrmann

Donnerstag, 17. November 2022

Ballade vom trefflichen Ratgeber

  

Baby / 07.07.2015 / Liz.: CC0
Though she be but little, she is fierce./ Noch klein, aber leidenschaftlich.
(Quelle: https://pixabay.com/photos/baby-sleeping-baby-baby-girl-784608/)


Ballade vom trefflichen Ratgeber

Viel Freude macht, wie hinlänglich bekannt
für Mann und Frau der heilge Ehestand...
Auch Wilhelm Busch beschrieb es schon beizeiten,
dass Babys machen Freude würd bereiten.

Im Ehestand, dies wusste er genau –
dass, wenn ein Mann sich nähert seiner Frau,
sie bald schon hält ein Kindlein auf dem Schoß;
trotzdem bleibt manche Ehe kinderlos.

Man nimmt nun an den Rat von hohen Herren;
die sich herfür tun und auch gern belehren:
doch hilft der Rat nicht einer jeden Frau –
es macht nur Sinn, befolgt sie ihn genau!

Begab sich einstens eine Frau zum Pater
und sah in ihm geeigneten Berater;
Der sprach zu ihr: „"Folg Pilgern in der Spur,
dann kommst Du zu der Wiege Mon Amour.

Dort ruh dich aus, denn mancher Pilgersmann
der rührt aus Unbedacht die Wiege an
und weiter einvernehmlich eine Weile,
denn Pilger haben Zeit, sind nicht in Eile."

So sprach der fromme Mann und ging von dannen;
die Freudentränen bei der Frauen rannen.
Und sie begab sich zu dem Ort der Wunder,
wo bald ein Pilgersmann gab den Erkunder …

Er ging ans Werk nach seinem bestem Wissen.
Und sie? Sie ruhte ganz in ihren Kissen
Es zeigte sich nach nur sehr wenig Wochen,
dass alles eintraf, wie zuvor versprochen.

Wird jemandem ein guter Rat gegeben,
dann ändert das gar manches Mal sein Leben:
Und damit sei auch Euch ein Trost beschieden:
setzt Kinder in die Welt und lebt in Frieden.

© Luzie Rudde

Montag, 11. Juli 2022

Indische Spruchweisheit – "verlimerickt"


"Wohl kaum ein anderes Gebiet der
Literatur vermag ein so farbenreiches
Bild vom Leben, Denken und Fühlen
der Inder zu vermitteln wie die
Spruchdichtung.
Die hier zitierte Sammlung vereint etwa
tausend Sprüche aus einem Zeitraum
von mehr als 12 Jahrhunderten.
Viele der Strophen sind zudem in ihrer
poetischen Bildhaftigkeit oder ihrer
lakonischen Kürze, in ihrer bisweilen
lyrischen Zartheit oder ihrer starken
Gefühlskraft kleine Meisterwerke
der Dichtkunst."
In Deutschland ist die indische
Spruchdichtung schon früh bekannt
geworden – dank des Wirkens von
Herder, Heine und vor allem von
Friedrich Rückert.
Im Beitrag werden einige Sprüche als
Quelle für eine Wiedergabe im Limerick-Format gewählt.

[nach dem Klappentext der Buchausgabe]


 Indische Spruchweisheit – "verlimerickt"

Frauenschönheit
Weil man vor allem, was verborgen                                               gehalten wird
besondere Achtung hat,          
pflegen die Frauen ihren Busen
mit einem seidenen Tuch zu verhüllen.


                                                           № 338
  Auf Verborgenes hat man sehr acht
  und versteckt die bezaubernde Pracht.
          Die Frau hüllt den Busen –
          außer eben fürs Schmusen –
  in ein seidenes Tuch mit Bedacht.

Begehren
Wer einer sich nach Liebe verzehrenden                                                     Frau,
die selbst zu ihm, dem Mann, gekommen,
nicht ihr Verlangen stillt,
fährt von ihren Seufzern getötet zur Hölle.


                                                           № 354
  Wenn die Frau sich vor Liebe verzehrt
  und den Mann durch ihr Kommen beehrt,
          sei er ihr auch zu Willen,
          das Verlangen zu stillen –
  eh ihr endlos Geseufz' ihn entehrt.

Liebe
Die Eule sieht nichts am Tag,
die Krähe nichts in der Nacht,
ein von Liebe Geblendeter aber
sieht weder Tags noch in der Nacht.


                                                           № 459
  Die Eule am Tage nichts sieht,
  die Krähe das Nachtschwarze flieht.
          Wer sein Herze verpfändet,
          weiß – von Liebe geblendet –
  weder nachts noch am Tag was geschieht.

Weiberart
Nimmer lässt sich bewahren
Wasser in einem ungebrannten Krug,
feines Mehl in einem Sieb
und eine Neuigkeit im Herzen einer                                             Frau.


                                                           № 470
  Kein ungebrannt Krug hält das Wasser,
  feines Mehl rinnt durch Siebe noch krasser
          doch erzähl einer Frau
          etwas Neues genau
  und ihr Herz plaudert aus ... den Verfasser.

Für die vorgenommene Auswahl:
elbwolf, 11-7-2022

Mittwoch, 16. März 2022

Dein Blick

Otto Mueller (1874-1930): Sitzendes Paar, (Gemälde, ~1920);
Urheber: The Bridgeman Art Library, Obj. 825303; Standort: Privatsammlung;
via Wikimedia Commons; Liz.: gemeinfrei.

 

Dein Blick – dein Atem – deine Arme

Der Blick von Dir sagt mehr als viele Worte;
ein Wort von Dir – und wären es auch mehr,
das Du mir sprichst, ist leis und von der Sorte,
dass es den Abschied macht auch nicht so schwer.
Doch deine Blicke bringen mich zum Träumen;
sie wärmen, und ich möcht' sie nie versäumen.

Dein Atem, wenn er mein Gesicht umweht -
lass mich ihn trinken wenn ich durstig bin.
ich hoffe, dass der Wind sich niemals dreht,
den Atem stiehlt, denn er ist weiterhin,
was meinen Sinn berauscht, gefügig macht,
und immer wieder – nicht nur eine Nacht.

Wenn deine Arme zärtlich um mich liegen
und sie mich wiegen wie ein kleines Kind;
dann möcht' mit dir ich zu den Sternen fliegen –
ich seh nur Dich, für andres bin ich blind.
So lass mich noch ein Weilchen weiter träumen;
ich spüre dich, ich will Dich nicht versäumen.

© Luzie R.

Mittwoch, 16. Februar 2022

Geschichte eines Sonetts, Teil 2(2) – nach Azevedo (Übertragung aus dem Portugiesischen)

 Rückblick auf Teil 1 (siehe 11. Februar):

Der 23-jährige Ludgero Baptista hatte sich Hals über Kopf in die noch junge stadtbekannte Schönheit Laura Rosa verliebt, die Kommandanten-Gattin. Um ihre Aufmerksamkeit zu erringen und die Verehrer auszustechen, schrieb er ein gefühlvolles Sonett – setzte aber in unverzeihlicher Weise Lauras Namen in eine der Strophen und seine Initialen darunter. Die Verse erreichten zwar ihr Ziel, aber für den jungen Mann folgte gar nichts weiter. Nach langer Wartezeit schlug er sich die Sache aus dem Kopf, erlernte einen Beruf und wurde erfolgreicher Fabrikant.

’∕‚

Mit 37 Jahren verspürte Ludgero dann doch den Wunsch, eine eigene Familie zu gründen. Bei Freunden lernte er Blandina kennen, eine interessante, etwas romantische junge Frau von 23. Kurz – sie heirateten. Nach über zehn sehr glücklichen Jahren begann Ludgero, nun fast 50, sein einsetzendes Alter gegen Blandinas anhaltende Jugendlichkeit kritischer zu sehen, er "wurde unruhig und beobachtete mit eifersüchtigen Augen, was um ihn herum geschah".
Und tatsächlich fand er heraus, dass um sein Haus ein sehr junger Mann herumlungerte. Zufällig sah er auch, wie der an einer Hausecke dem Koch einen Brief übergab. Ludgero versteckte sich und "fing das Schreiben genau in dem Moment ab, in dem es aus den Händen des Vermittlers an seine Frau überging". Blandina erschrak, brach in Tränen aus, beteuerte ihre Unkenntnis, wer der Absender sei und schwor, "dass sie diesen Brief ungeöffnet zurücksenden würde!" Aber Ludgero durchkreuzte – zitternd vor Aufregung – dieses Ansinnen: er zerriss den Umschlag – und fand darin ... ein Gedicht, dessen erster Vers so ging:

Seit jenem Tag, als ich voll Glück und Staunen ...

Auf einen Blick und mit unfassbarem Erstaunen erkannte Ludgero sein eigenes Sonett, das er vor über 25 Jahren Laura Rosa hatte zukommen lassen und das nie beantwortet worden war. Und natürlich lautete der seinerzeitige Vers des Anstoßes nun

Oh schöne Blandina, den erbet'nen Kuss, ...

was den Rhythmus störte – ein Poet war der junge Mann also auch nicht!

Ludgero lachte befreit auf, kramte sein Sonett aus einer alten Schublade vor, zeigte es seiner Frau und eröffnete ihr, dass er "früher" selber Verse geschrieben habe. Damit war die "Affäre" aus der Welt, ehe sie zu einer geworden wäre; nun aber kam auch noch der Schalk zu seinem Recht.

Ludgero dichtete für seine Blandina ein Antwort-Sonett an den "Kopisten", ließ es von ihr in ihrer Handschrift abschreiben und übergab es dem jungen Mann persönlich, als er ihn das nächste Mal ums Haus schleichen sah:

’∕‚

RESPOSTA

Para satisfazer ao seu pedido,
Na parte da denúncia e não do beijo,
Revelei a meu dono o seu desejo.
Os versos entreguei a meu marido.

Este em vez de ficar enfurecido,
E de agarrar um ferro malfazejo,
Tomou a coisa á conta de gracejo,
E pôs-se a rir como um perdido!

Pois se e ele o autor do tal soneto!
O senhor copiou-o da Nova Aurora,
Estragando-lhe apenas um quarteto...

Ele, que a Musa já mandou embora,
Cede-lhe os versos (discrição prometo),
Mas não quer sociedade na senhora.



ERWIDERUNG

Bei dem Ersuchen, das Sie an mich stellen,
erübrigt sich die Bitte nach dem Kuss;
und weil ich meinem Mann nichts beichten muss,
wollt' er nach Ihrem Vers ein Urteil fällen.

Um sich die Laune selbst nicht zu vergällen
jedoch zu knacken diese harte Nuss,
nahm er's für einen Scherz – so sein Entschluss;
befreites Lachen hört ich gleichsam quellen.

Er dichtete vor Jahren dies Sonett –
das Sie zu Unrecht lediglich kopierten.
Nun drängt er Sie zu eigenem Quartett!

Die Muse zählt ihn nicht als Motivierten;
Ihr Vers entschädigt ihn – ich schweig honett.
Auch wünscht er nicht, dass wir uns je liierten!

© W. Herrmann (12.02.2022), für die freie
Übertragung aus dem brasilianischen Portugiesisch

’∕‚

Die Androhung einer Tracht Prügel, falls sich der Jüngling nochmals blicken lassen sollte, tat ihre Wirkung – er tauchte nie wieder auf. Ludgero zog für seine Person den Schluss, "dass ein Mann früher oder später durch die Waffe, die er mit böser Absicht schmiedet, verletzt werden kann, selbst wenn diese Waffe ein schlichtes Sonett wäre."
Ach ja: Ludgero entdeckte, dass der junge Mann Laura Rosas Sohn war; das alte Sonett hatte er sicher unter den Papieren seiner Mutter gefunden.

’∕‚

Liebe Leserinnen und Leser unseres Blogs!
Ludgero liebte seine Blandina (und sie ihn), wie die Liebe größer nicht sein und nicht werden könnte.Mir will scheinen, dass diese Geschichte an das Ende vieler Märchen unserer Gebrüder Grimm erinnert: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute!"
Dennoch schwingt im Hintergrund das Gefühl der Eifersucht irgendwie mit und ist Anlass, hier eine der Darstellungen des Malers Munch von diesem Thema beizugeben:


Edvard Munch (1863-1944): Jealousy, 1913-15;
Quelle: Munch-Museum Oslo; via Wikimedia Commons; Liz.: gemeinfrei.

© elbwolf, für Nacherzählung und Gestaltung des Beitrags.

Anm.: Entgegen der Ankündigung wird der obige Teil-2 des Beitrags
sofort im Anschluss an Teil-1 zum Posten freigegeben, nicht erst Mitte März.

Freitag, 11. Februar 2022

Geschichte eines Sonetts, Teil 1(2) – nach Azevedo (Übertragung aus dem Portugiesischen)


 Zur Einführung:

Zum zweiten Mal wendet sich dieser Blog dem Brasilianer Artur de Azevedo (voller Namen: A. Nabantino Gonçalves de A.; 1855-1908) zu, der mehr als ein Jahrhundert nach seinem Ableben weiter als vielseitiger und beliebter Schriftsteller gilt. Er vereinte neben zahlreichen Talenten offenbar auch diese beiden Züge in sich, die man speziell der brasilianischen Schriftstellergilde nachsagt:

-      Hang zur Erotik in der Poesie (s. "Versbildner" vom 11.6.2021!)

-      Ausschmücken eigener Erzählungen mit eigenen Versen (wie bei uns etwa in Lion Feuchtwangers Roman "Goya" zu finden).

Hier geht es um eine Erzählung Azevedos, die nicht nur den Titel "Geschichte eines Sonetts" trägt, sondern in der besagtes Sonett selbst auch "das Salz in der Suppe" ist. Dabei stellt es der Autor so raffiniert an, dass nach hundert Jahren und von fern (d. h. ohne Zugriff auf das Archiv der Brasilianischen Akademie für Literatur) wir nicht entscheiden können, was an seinem Text alles Wahrheit und was doch eher ... "Dichtung" ist.

’∕‚

Ein 23-jähriger junger Mann namens Ludgero Baptista begegnet im Jockey-Club der stadtbekannten Frauenschönheit Laura Rosa, die ihr Mann, Kommandant Rosa, überallhin ausführt. Sie genießt es sehr, ständig "einen Haufen männlicher Herzen hinter sich herzuschleppen".
Ludgero bildet keine Ausnahme und verliebt – nein: verknallt – sich heftig in Laura und denkt intensiv darüber nach, wie er diesen platonischen Zustand "in eine positivere Situation bekäme".
Er, der schon seit längerem "harmlose Lyrik" verfasst, nimmt sich ein Sonett vor, mit dem er leider, vielleicht aber auch bewusst, weit über das moralisch Vertretbare hinausschießt: er nennt darin Laura beim Namen und setzt seine Initialen darunter– eine unverzeihbare Indiskretion.
Trotzdem versteht es Ludgero, der Dame seine Verse zuzuspielen. Er veröffentlicht das Sonett in den Neuesten Nachrichten einer speziellen Literaturzeitschrift und lässt Laura ein Heft vom Verlag schicken, am Kommandanten vorbei und direkt zu ihren Händen!
Danach tut sich von ihrer Seite ... rein gar nichts. Nicht einmal Nachteile ergeben sich für den erfolglosen Liebhaber, den ein ins Bild gesetzter Kommandant ja auch zum Duell hätte fordern können – nichts!
Dann beruhigt sich Ludgeros Gemüt allmählich. Statt weiter zu hoffen und es mit Lyrik zu versuchen, rüstet er sich für den "endgültigen Eintritt ins praktische Leben" und wird ein erfolgreicher Fabrikant.

’∕‚

Das Sonett befand sich zwar tatsächlich in Lauras Händen, andererseits aber war es von ihr auf die sprichwörtliche lange Bank geschoben worden und damit so gut wie untergegangen. Um dieses Sonett handelt es sich:

’∕‚

SÚPLICA

Desde o dia feliz em que, pasmado,
Pela primeira vez te vi, senhora,
Um sentimento no meu peito mora
Feito de angústia e feito de pecado.

Não creias que ninguém houvesse amado
Tão loucamente como eu te amo agora,
Nem mesmo, oh! linda Laura, no de outrora
Cavalheiresco tempo celebrado!

Para que finde o meu suplício airoso,
Ou me concede o mendigado beijo,
Este martírio transformado em gozo,

Ou revela ao teu dono o meu desejo:
Talvez ele me faça venturoso,
Dando-me a doce morte, enfim, que almejo!

L. B. (?)

 

FLEHENTLICHE BITTE /nach Azevedos SÚPLICA/

Seit jenem Tag, als ich voll Glück und Staunen
zum ersten Male dich erblickte, Frau,
nagt ein Gefühl an mir, dem ich nicht trau:
ich höre angstvoll ständig Sünden raunen.

Wie ich dich liebe – das sind keine Launen:
dich liebte man so nie! Ich weiß genau,
selbst wenn ich auf der Ritter Zeiten schau,
als im Turnier noch schmetterten Posaunen.

Oh schöne Laura, den erbet'nen Kuss,
den gib mir Bettler; lös' mich von der Folter
und wandle so mein Leiden in Genuss!

Erwartet sonst mich deines Manns Gepolter?
Bringt er mir dann aus lauter Überdruss
den süßen Tod – wär' mir ein sehr gewollter.

© W. Herrmann (10.02.2022), für die freie
Übertragung aus dem brasilianischen Portugiesisch

’∕‚

Lieber Leser – wie hättest Du als Mann einer so begehrten Frau gehandelt?
Liebe Leserin – hättest Du das Ansinnen ignoriert, wie Laura es tat?
Das Geheimnis, wie dieses Sonett doch noch ein zweites (Sonett!) nach sich zog, lüftet der Teil 2 des Beitrags ... schon am 16.2. (und nicht erst in vier Wochen).

© elbwolf , für Nacherzählung und Gestaltung des Beitrags.

Freitag, 11. Juni 2021

"Nur zum Schein" – Liebessonett, aus dem brasilianischen Portugiesisch

Foto Dan Carp: Sunrise Lovers (07.05.2018)
via Wikimedia Commons; Liz.: CC BY-SA 4.0

 

Zum Dichter und seinen Versen:

Das originale Sonett "Por Decoro" ist ein Jugendwerk des späteren brasilianischen Dramatikers, Journalisten, Kurzgeschichtenschreibers und Dichters Artur Azevedo (1855-1908). Er veröffentlichte es mit 21 Jahren in seinem Bändchen "Sonetos". Danach ging es offenbar nur noch in die Anthologie "Einhundert der besten brasilianischen Sonette" ein (1951, 3. Aufl.), die kaum bis nach Europa gelangte Und das, obwohl es mit dem portugiesischen Nationaldichter Luís de Camões (1524-79) das Vorbild eines herausragenden Sonettschreibers in dieser Sprachgruppe gibt (Ibü 264). Und dann, weil Azevedo zu den 40 Gründern der 1897 ins Leben gerufenen ABL (Academia Brasileira de Letras) gehörte, die sich die Académie française zum Vorbild nahm und heute als höchste Instanz für das brasilianische Portugiesisch gilt.
Azevedos Sonett ist intim und romantisch zugleich. Der Dichter rät seiner Geliebten für den Fall, sie könne auch in der Öffentlichkeit ihre Gefühle für ihn nicht im Zaum halten, doch wenigstens die Augen zu verbergen – hinter einem Rebenblatt ...
Die Probleme einer Übertragung fremdsprachiger Lyrik beginnen oft mit den Titeln … wie hier auch. Um den deutschen Leser nicht zu verblüffen, steht hier nicht "Als Dekor/Dekoration" oder populär "Tun als ob", sondern das, was der Dichter wirklich gemeint hat: "Nur zum Schein". Azevedos Reimschema "abba abba cde cde" (mit der schwächsten Reimung in den Terzetten – jeweils erst in der dritten Folgezeile!) bleibt erhalten. Dagegen ist der trochäische Rhythmus auf die seinerzeit für Sonette in Deutsch schon eingeforderten fünffüßigen Jamben umgestellt.

 

Artur Azevedo (1855-1908):

Por Decoro
(1876)

Quando me esperas, palpitando amores,
e os lábios grossos e úmidos me estendes,
e do teu corpo cálido desprendes
desconhecido olor de estranhas flores;

quando, toda suspiros e fervores,
nesta prisão de músculos te prendes,
e aos meus beijos de sátiro te rendes,
furtando às rosas as purpúreas cores;

os olhos teus, inexpressivamente,
entrefechados, lânguidos, tranquilos,
olham, meu doce amor, de tal maneira,

que, se olhassem assim, publicamente,
deveria, perdoa-me, cobri-los
uma discreta folha de parreira.


Nur zum Schein

Wenn vor Erwartung du schon bebst, mein Leben,
mir deine Lippen bietest, feucht und prall,
dein warmer Leib verströmt in vollem Schwall
die Düfte fremder Blüten – macht mich schweben;

wenn Seufzer deine Leidenschaft erheben,
die du nicht mehr verbirgst durch einen Wall,
wenn Satyrs Küsse finden Widerhall
und Rosen ihres Purpurs sich begeben;

und deine Augen ausdruckslos erscheinen,
nur träge, ruhig, einen Spaltbreit offen,
wenn alles dies, mein Lieb, du zeigen wolltest

vor Leuten. Würden die noch Gutes meinen?
Nur falls die Augen du – verzeih! will's hoffen –
diskret mit einem Weinblatt decken solltest.

© W. Herrmann (10.06.2021), für die freie
Übertragung aus dem brasilianischen Portugiesisch

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Links:
Die Biografie des Dichters            Das Sonett Por Decoro

Montag, 9. November 2020

Der Seele Atem

Edward Poynter (1836-1919): Psyche in the Temple of Love (1882); Public Domain;
Walker Art Gallery (Liverpool); via Wikimedia Commons & Google Art Project.


  Der Atem der Seele

Dem Eros, Gott der Liebe, immerzu begehrlich,
steht Psyche als der Seele Atem gegenüber;
sie stellt auch niemals etwas anderes darüber,
verhielte sich nur immer Eros zu ihr ehrlich.

Ach zügle, Eros, die Begier, gib Seele Raum –
im wilden Sturme wird die Buhle nicht erglühen;
lass ihr noch Zeit und bald schon wird sie Funken sprühen –
für sie sind Liebeswonnen mehr als nur ein Traum.

Sie will, wenn du sie hast so ganz für dich gewonnen,
dir Labsal sein und dich vor Ärgernis bewahren.
Sie ist dir gut, ihr Lebenshauch schützt vor Gefahren –
und mit der Zeit ist sie dir ewig wohlgesonnen.

Der Seele Atem ist ein Teil der Ewigkeit –
wer das erkennt, dass Atem ist der Psyche Kleid,
der hastet nicht; er nimmt sich ganz bewusst die Zeit.

© lillii (Luzie-R)

Samstag, 24. Oktober 2020

Eros heute

Egon Schiele (1890-1918): Liebespaar (1913; Aquarell)
Privatsammlung; via Wikimedia Commons; gemeinfrei

Masken – Eros heute

Masken, Masken, sieht man heute wieder;
die Gesichter tragen sie nicht strahlend;
selbst Gott Eros reißt sie nicht hernieder –
Liebende, mit der Gesundheit zahlend …

Sind bewusst sich möglicher Gefahren,
die so leicht und schnell nicht sind zu bannen;
zeigt sich dies im üblichen Gebaren,
das sie aus Erkenntnissen gewannen.

Zeiten ändern menschliches Verhalten –
sind doch Götter fern und unpersönlich.
Lassen wir doch unsre Einsicht walten
und gestalten uns die Welt versöhnlich.

© lillii (Luzie-R)

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Anmerkung:
Das Gedicht bezieht sich auf Rainer Maria Rilkes Gedicht
 'Eros'' in der Abteilung 'Letzte Gedichte und Fragmentarisches'
https://www.textlog.de/22418.html      .

Freitag, 9. Oktober 2020

Eros verbunden

© Die Verfasserin: Tuschezeichnung

  

Eros verbunden

In Träumen hat sie sich verfangen.
Gelöst von jeder Erdenlast
genießt sie eine kurze Rast,
Gedankenfreiheit zu erlangen.

Erlebt nochmals die letzten Stunden.
Wie es der Frau bestimmt als Los
war sie für Eros gänzlich bloß
und innig mit dem Gott verbunden.

Im Sinnenrausch ganz aufgegangen.
Nichts anderes das Paar empfand,
nun miteinander wahlverwandt,
als endlich stillen das Verlangen.

© Luzie-R.

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Anmerkung:
Wir vom Versbildner haben uns darauf verständigt, künftig einen Beitrag/Monat aus dem Themenkreis von Erotik & Mythologie zu veröffentlichen.
Seit September bis Ende 2020 bestreitet Luzie-R. zunächst eine vierteilige Folge.


Mittwoch, 9. September 2020

Latin-Lover-Limericks

Die sog. Kapitolinische Venus in Rückansicht ("a tergo“).
Antike Kopie nach Praxiteles’ Aphrodite von Knidos (4. Jh. v.u.Z.).
Im Jahr 1752 von Papst Benedikt XIV. den Kapitolinischen Museen gestiftet.
Standort: Rom; Quelle: Wikipedia Commons; © Sailko, Liz.: CC BY-SA 3.0

Latin-Lover-Limericks
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Parodistische Limericks erotischen Einschlags

Pietrificato (Versteinert)
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Kapitol heißt ein Hügel - bloß wo?
Eine Venus, ganz nackt, zeigt Popo.
Sie ist völlig aus Stein.
Wär mit der man allein …
Gäb es doch ein Problem – und wieso? *)

I Cesari (Die Cäsaren)
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Es hatten in Rom die Cäsaren
Wohl alle das gleiche Gebaren:
Statt sich Mädchen zu leisten
wollten Knaben die meisten:
Das galt einst als Nießbrauch-Verfahren.

Il Poeta (Der Dichter)
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Boccaccio blieb stets in Italien,
Berichtet von Dame Eulalien:
Deren Acker war klein,
Eine Furche – doch fein.
Das pflügt man sehr gern in Italien!

L'avventuriero (Der Abenteurer)
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Casanova gefiel's in Venedig,
Denn die Frauen sind dort ziemlich gnädig.
Im Kasino, beim Dreier,
Spielte gern er den Freier,
Danach türmt er schnell aus Venedig.

Gli attori del cinema (Filmschauspieler)
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Vor Marcello, im Brunnen von Trevi,
Schwamm Anita, als wär sie die Navy.
Sein Traum von der Lust
Wich bitterem Frust:
Kein Sex mit Anita in Trevi!

Il cavaliere (Der Kavalier)
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Cavaliere hat Models in Menge –
'Ne Junge trieb ihn in die Enge:
Besonderes Happi:
Sie rief ihn nur Pappi.
Drauf kriegt er von Vroni noch Senge!

Ragazzo docile (Gelehriger Bub)
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Und zum Schluss noch ein Bursch aus Abruzzen:
Ja, den holen die Frau'n gern zum Putzen.
Gar hitzig ihr Dank –
Er wienert so blank!
Das befriedigt die Frau'n in Abruzzen.  

© elbwolf (2012-20; bearbeitet)
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Erstveröffentlichung:
im Almanach "Liebe, prickelnd wie Sekt";
Edition Wendepunkt, Weiden, ISBN 978-3-938728-21-5

*) Nun … man müsste dann selber Pygmalion sein, damit die Galatea-Figur sich einem öffnete.

Ein Wort zu den Limericks:
Es gäbe, sagt man, folgende Klassifikation für diese Gedichtform: 2% wären für jedes Publikum geeignet; für weitere 3% gäbe es bei einer Beichte wegen Lesen und/oder Anhören noch die Absolution; der Rest sei nur für Herrenabende gedacht. Wir bewegen uns hier anfangs der "mittleren Stufe" und gedenken, auch bei anderen Erotika nicht darüber hinaus zu gehen.
Danke!

Samstag, 5. September 2020

Der Kuss

Auguste Rodin (1840-1917): "Le Baiser"; 1898, Musée Rodin, Paris;
Sculpture (plâtre, moulage du marbre), 1916, Donation Rodin; Public domain.
Foto+© Thibsweb: 09.03.2014; Liz.: CC BY-SA 4.0

Der Kuss

Die Lippen, das geheime Tor zur Seele –
sie künden dir mit Küssen von der Liebe;
erwecken so unheimlich süße Triebe;
sodass Erotik dir dabei nie fehle.

Was gäbe es denn noch an Parallele,
dass glücklich sein für Menschenkinder bliebe
und nicht wie Atem in der Luft zerstiebe –
wenn hoch die Liebesglut in ihnen schwele.

Ein zartes Lippenpaar löscht das Begehren;
Umarmung lässt die Lebenslust erwachen –
der wollen Liebende sich nicht erwehren.

Beschrieben wird es oft – ist wie Erwachen.
Manch Künstler schuf die herrlichsten Skulpturen
der Liebe – Sprache steckt in den Figuren.

© Luzie-R.
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Anmerkung:
Wir vom Versbildner haben uns darauf verständigt, künftig einen Beitrag/Monat aus dem Themenkreis von Erotik & Mythologie zu veröffentlichen. Bis Ende 2020 bestreitet Luzie-R. zunächst eine vierteilige Folge.

Donnerstag, 21. Mai 2020

Liebe aus der Ferne (Nachdichtung)

Japanerin mit den Malen der Akupunktur.
(aus dem Forschungsbericht von Engelbert Kaempfer, erschienen postum ab 1727)

Engelbert Kaempfer (1651-1716)

gilt als der erste deutsche Forschungsreisende, war Arzt und vornehmlich Botaniker. Eine fast zehnjährige Forschungsreise (1683-93) führte ihn über Russland, Persien, Indien, Java, Siam bis nach Japan. Er sammelte zahlreiche Kenntnisse und Artefakte in diesen Regionen. Seine Schriften waren wichtige Beiträge zur frühmodernen Erforschung der Länder Asiens, prägten das europäische Japanbild des 18. Jh. und dienten selbst Anfang des 19. Jh. der Feldforschung noch als Referenzwerk. [nach Wikipedia]

Am 29.3.1691 gewährte der herrschende 5. Tokugawa-Shogun Tsunayoshi in der Residenz (dem heutigen Tokio) Kaempfer eine Audienz. Im Verlauf des Festmahls wünschte sich der Shogun allerhand praktische und künstlerische Einlagen von seinen Gästen. Als die Reihe an Kaempfer kam, stimmte der ein deutsches Liebeslied an, das er selbst zu Ehren seiner "ihm in allen Ehren treu gebliebenen Florimene" verfasst hatte und das in Stil und Sprache bis auf uns gekommen ist.
Wie aus Kaempfers weiterer Biografie ersichtlich, hat ihn sein treues Gedenken an diese Jugendliebe wohl manches Mal getröstet. Heiraten aber hat er nach der Rückkehr eine andere müssen, von der er sich nach unglücklicher Ehe scheiden ließ, um sein Leben in Einsamkeit – und im Kampf um die Drucklegung seiner Reiseberichte – zu beenden.
Da selbst der in die Buchausgabe von 1937 und in ein jüngeres Lesebuch eingegangene Liedtext in größeren Teilen nur schwer verständlich ist, wird hier eine Nachdichtung vorgelegt – in gleicher Metrik und verknappt um eine Strophe.

Liebe aus der Ferne
Nachdichtung eines Liebeslieds von
Engelbert Kaempfer (1691 oder früher)
– mit 4 statt ursprünglich 5 Strophen –

Meine angenehmste Pflicht
selbst in diesen fernen Welten,
wo ich dir nichts kann entgelten,
während mir das Herz fast bricht –
da will einen Eid ich schwören
ohne Zögern, ohne Scheu;
will auf ewig dir gehören;
bleiben dir für immer treu.

Was heißt Pflicht und was Entgelt?
Sollt' ich all das Schöne loben,
das du ließest mich schon proben
dort in unsrer Heimatwelt?
Solche Redlichkeit zu finden,
suchte ich geraume Zeit;
sie alleine könnte binden –
dieses Band tät' mir nicht leid.

Zu bezähmen meine Sucht
und dich, Engel, zu vergessen,
stürzte ich mich wie besessen
wider Willen in die Flucht.
Hindernisse, die nun scheiden,
Berge und der Flüsse Flut,
sind dabei nicht zu vermeiden –
sie befeuern meine Glut.

Hier, wo herrscht der Himmelssohn,
hier, in Chinas großem Reiche,
sah ich endlich beim Vergleiche,
welch ein Engel war mir schon!
Ach, du holde Florimene,
bleibst die einzige Begier –
so, wie ich mich nach dir sehne,
sehnst du sicher dich nach mir …

© elbwolf (für die Nachdichtung)
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● Quellen:
(1) Karl Meier-Lemgo: Engelbert Kaempfer - der erste deutsche Forschungsreisende, Stuttgart 1937, S. 176 (Abbildung; ebenfalls bei Wikimedia Commons) und S. 150/51 (Liedtext).
(2) Nylands Kleine Westfälische Bibliothek 45: Engelbert Kaempfer – Lesebuch ; zusammengestellt und mit einem Nachwort von Lothar Weiß. → S. 101/02 (Liedtext).

● Wenigstens diese halb-medizinische Abbildung einer fernöstlichen Schönheit hat uns der Forscher hinterlassen – wir würden aus heutiger Sicht das Bild einer Geisha oder einer Kurtisane aus jener Zeit wohl bevorzugen. Die Glanzzeit des japanischen Farbholzschnittes begann erst drei Generationen nach Kaempfers Japan-Aufenthalt.
Ein schönes und frühes Beispiel ist → Isoda Koryusai_Zwölf Kämpfe auf dem Weg der Liebe_(1776)