Hier schreiben Hobbydichter für Lyrik-Freunde – meist Gereimtes und nur Druckreifes! Willkommen also, viel Vergnügen mit unseren Gedichten und deren Bebilderung!

Aufrufe unseres Blogs erfolgen automatisch mit Sicherheitsprotokoll "https". Am 18. Mai 2022 hatten wir unseren 600. Beitrag in den Blog gestellt!

Bereits seit Jahresbeginn bringen wir neue Folgen an Kalenderblättern und Monatsbildern. Darum herum dann das, was sich an Einfällen so ergibt – man wird sehen! Nun ja, was man auch sieht: wir "unterschlagen" seit einer ganzen Weile auch einen gewissen Anteil an sanfter Erotik nicht länger - die Zeiten sind eben so ...

Wir teilen den Lesern unseres Versbildners mit und bitten um Verständnis, dass wir auch weiterhin das monatliche Angebot auf 6 Beiträge beschränken - die Kontaktarmut dieser Zeit bringt leider auch eine gewisse Ideenarmut mit sich. Neueinstellungen erfolgen damit um die Kalendertage des 1., 6., 11., 16./17., 21./22., 25.-27. eines Monats.

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Dienstag, 16. Januar 2024

Luises Abendlied

Foto: Stephan Czarnowski: Brocken, Sonnenuntergang (16.01.2012);
via Wikimedia Commons; Liz.: CC BY-SA 3.0

 

In memoriam – zum Gedächtnis


Luise Pinc geb. Seifert,
aus dem Ort Satzung (südlich Marienberg/Erzgebirgskamm)
* 15.12.1895; † 24.10.1982

Sie war zu ihrer Zeit bekannt als ″Tischer Mad″; war Tochter eines Maurers. Sie besuchte in Satzung die Schule und arbeitete anschließend als Hausgehilfin. 1920 verheiratete sie sich mit dem Schuhmacher Anton Pinc. Sie schrieb Gedichte und Erzählungen in erzgebirgischer Mundart. Zu ihren Gedichten hat sie teils selbst eine Weise verfasst, teils sind die Verse von regionalen Liedermachern vertont worden, und sie hat mit ihren Töchtern diese Lieder selber auf Veranstaltungen vorgetragen.
Zu ihrem 60. Geburtstag wurden Luise Pinc als „Heimatdichterin“ Ehrungen und Anerkennungen ausgesprochen. Eine kleine Bibliographie ist im Buch ″Stimmen der Heimat″ des Musikverlags Friedrich Hofmeister, Leipzig, 1965, enthalten. Das Buch enthält auch zwei von Luise Pincs Gedichten, von denen eines hier in der ursprünglichen Mundartform wiedergegeben wird; daneben ist eine hochdeutsche Nachdichtung gestellt.
                                                      Quelle: s. das angegebene Buch auf S. 159, 377, 390, 410


Luise Pinc (1956):
Obndlied

Nachdichtung (2024):
Abendlied


Dr Wald is schlofen gange –
zenstrüm is friedliche Ruh,
un meine gruße Sehnsucht
deckt aah de Nacht mit zu.

Vom Dorf haar Glockenlaiten,
de Starn ziehe auf zer Nacht,
un übern Barg haar lechten
viel Lichter aus’n Schacht.

Es rüsten sich de Bargleit
derham zer nachtlichn Schicht,
Glückauf! Glückauf! mög scheine
racht hall ihr Grubenlicht.

Un hinnern Baam dr Monden,
daar guckt zun Fanster rei –
ganz ruhig ward’s in Haisel,
mei Kindel schlöft aah ei.

             
Mundartdichtung: Luise Pinc


Der Wald ist eingeschlafen –
Ringsum herrscht friedlich Ruh,
und mein so großes Sehnen
deckt auch die Nacht mit zu.

Vom Dorf klingt Glockenläuten,
am Himmel Sterne stehn;
die Lichter jedes Schachtes
sind klar am Berg zu sehn.

Es rüsten sich die Bergleut
daheim zur Abendschicht
Glückauf! Glückauf! Es leuchte
recht hell ihr Grubenlicht.

Der Mond hinter den Bäumen,
der schaut zum Fenster rein –
ganz ruhig wird’s im Häuschen,
jetzt schläft mein Kleines ein.

     Nachdichtung: W. Herrmann/elbwolf


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Anmerkungen:
Nachdichtung? Aber ja, denn einige Mundart-Bestandteile lauten völlig anders als in der Hochsprache. Ein Baier oder ein Friese (nur zum Beispiel) sollen doch nicht leer ausgehen müssen!
Insgesamt ist eine Übertragung zwischen zwei Hochsprachen (bzw. eine Nachdichtung) sozusagen ‘einfacher‘, weil man über Möglichkeiten einer breiteren Wortwahl verfügt, als zwischen Volksmund und Hochsprache, zumal wenn man beide Versionen – wie hier – nebeneinanderstellt und dem Leser einen direkten Vergleich ermöglicht.
In ‘Obndlied‘ wird eine gewisse Belebung der Strophen durch immer wieder andere Gestaltung der zweiten Verse erreicht; in der Nachdichtung sind alle vier Strophen rhythmisch völlig gleich, was der im Text beschriebenen Ruhestimmung entspricht.
Für die Ermittlung des Sterbedatums von Luise Pinc anhand der Kirchenbücher bedanken wir uns bei Herrn Pfarrer Freier vom Pfarramt Marienberg.

Samstag, 16. Dezember 2017

Mundart-Verse (9) – Oberlausitzisch (Hommage auf Herbert Andert, 1910-2010)

Notabene: Fortsetzung der losen Folge von Gedichten, die ihre Verfasser/Innen in Mundart geschrieben haben. Der Begriff mag für Sprachwissenschaftler etwas unscharf sein – hier steht er für Gedichte, die man in solcher "Würze" nur in "Regionalsprachen" findet. Auch sind sie den formalen poetischen Auflagen durch das Hochdeutsche weit weniger (oder nicht) verpflichtet.
Für Unkundige, die gar manches Mal "begriffsstutzig" sein würden, gibt es eine hochdeutsche Übertragung oder eine Reihe von Worterklärungen.
Spreequelle ("Spreeborn") in Ebersbach im Lausitzer Oberland (aus: wikimedia.commons)
links: Postkarte von 1907, Zenodot Verlagsgesellschaft; Urheber: H. Richter, Zittau; gemeinfrei.
rechts: Aufnahme von Frank Lehmann, 23.10.2016; Liz.: CC BY-SA 4.0
 
Herbert Andert (Ebersbach, 1910-2010; verdienter Mundart-Forscher)

Musike an Kraatschn
(Quelle: Greifenverlag-Anthologie, S. 328)

Musik im Kretscham
(= in der Schenke)

An Kraatschn is heute Musike,
kumm, Maajdl, do gih mer mit hie!
Iech tanz ju fersch Labm su garne
mit dir und mit kenner sunst mih.

Ann Walzer, dan warrn mer schunnt breetn.
Irscht raajchts, derno links tu mer'ch drähn.
Und 's Käppl, doas muß de ganz nohnde
a miech, a mei Harze droaa lähn.

Und blosn se goar Pfaarewechsl,
do tu mer, oas wenn mer'sch ne hiern.
Mir lussn'ch vu kenn andern Karln
a unsn schinn Walzer do stihrn.

An Kraatschn is heute Musike.
Kumm, Maajdl, sunst krieg mer kenn Ploatz!
Und heemzu, doas soi'ch derr schunnt itze,
do krigs de ann ganz soaaftchn Schmoatz.
Im Kretscham ist heute Musike,
komm, Madl, da gehen wir mit hin!
Ich tanz ja fürs Leben so gerne
mit dir und mit keiner sonst noch.

~, den werden wir schon bringen.
~, danach links tun wir uns drehn.
Und 's Köpfchen, ~ ganz nahe
an mich, an mein Herz anlehnen.

Und blasen sie gar "Pferdewechsel",
da tun wir, als wenn wir's nicht hören.
Wir lassen uns von keinen ~ Kerlen
bei unserm ~ Walzer doch stören.

Im Kretscham ist heute Musike.
Komm, Madl, sonst ~ keinen Platz!
Und heimzu, ~ sag ich dir schon jetzt,
da kriegst du ~ saftigen Schmatz.


Oalls minander
(Quelle: Greifenverlag-Anthologie, S. 328/9)

Alles miteinander
(= gemeinsam)
Mir gihn a de Foabrike,
de Frooe und iech.
Mir wabern a enn Sticke,
's wabt kees für siech.

Minander wird geurbert
und feste gewurgt,
minander wird derheeme
de Wirtschoaft besurgt.

Minander wird gefeiert,
's gehirrt mit derzu,
weil's derno lechter leiert –
doas woar schunnt immer su.

Ju, beede tu mer wabm,
de Frooe und iech.
Und be ann sickn Labm
denkt kees oack a siech.
Wir gehen in die Fabrik,
die Frau und ich.
Wir weben an einem Stück,
es webt keiner für sich (allein).

Miteinander wird gearbeitet
und feste geschuftet,
Miteinander wird zu Hause
die Wirtschaft besorgt.

Miteinander wird gefeiert,
's gehört mit dazu,
weil's danach leichter (= besser) läuft –
das war schon immer so.

Ja, beide weben wir,
die Frau und ich.
Und bei einem solchen Leben
denkt keiner nur an sich.


Zum neu'n Juhre
(s. Rhein-Neckar-Zeitung-Anthologie, S. 225)

Zum neuen Jahr

A neues kimmt – a aales gitt.
Und wenn'ch's ees amol raajcht besitt:
Woaas is gewaast? – Woaas woar'schn
Do sois de goar ne vill derrzu.           \ nu?

De Juhre gihn, de Juhre kumm,
und wie se senn, warrn se genumm.
Moanchmol, do leeft die Fuhre gutt,
a andrmol wird imgeschutt.
Und tut dar Plautz o noa su wieh,
oack wetter gitt's mit "Hutte-hüh"!

Fängst weder'sch Juhr vu vurne oaa,
machs dch a de neue Fuhre droaa
und weßt ne, wenn's de Drähe nimmt,
ob schunn de letzte Fuhre kimmt.

Drum hill dch derrzu! Mach derr an Spoaß!
Wenn's raajnt, wird's vu oalleene noaaß.
Oack immer munter roaa a'n Spaajk,
kenn Arger ieber jedn Draajk.
's is uff dr Walt genung schunn schlaajcht,
mach du oack deine Sache raajcht!
Ein neues kommt – ein altes geht.
Und wenn man's mal recht besieht:
Was ist gewesen? – Was war's nun?
Da sagst du gar nicht viel dazu.

Die Jahre gehen, die Jahre kommen,
und ~ sind, werden sie genommen.
Manchmal läuft die Fuhre gut,
ein andermal kippt sie um.
Und tut der Plauz auch noch so weh,
geht’s weiter doch mit "hott und hü"!

Fängst wieder 's Jahr von vorne an,
machst dich an die neue Fuhre dran,
und weißt nicht, wenn's zu Ende geht,
ob schon die letzte Fuhre kommt.
                                                 / Spaß!
Drum halte dich dazu! Mach dir 'nen
Wenn's regnet, wird 's von allein nass.
Nur immer munter ran an den Speck,
keinen Ärger über jeden Dreck.
's ist auf der Welt genug ~ schlecht,
mach du nur deine Sache recht! 

Gestattungsvermerk statt eines förmlichen ©:
Die Wiedergabe aller drei Mundart-Gedichte erfolgt mit Kenntnis und ausdrücklicher Zustimmung der Tochter und Erbin von Herbert Andert.
./.
Der verdiente Mundart-Forscher Herbert Andert ist auch der Autor dieser drei Mundart-Gedichte. Er wurde 1910 in Ebersbach geboren, dem heutigen Ebersbach-Neugersdorf im Kreis Löbau in der Oberlausitz (Sachsen), und erreichte ein Alter von fast hundert Jahren.
Sein Interesse für mundartliches Sprechen und Sprachgut rührt aus der Familie – vom Vater und vom älteren Bruder. Er studierte Pädagogik an der Leipziger Universität und arbeitete als Lehrer in Ebersbach. Zu seinen Pionierleistungen gehört u. a. die Veröffentlichung der ersten Schallplatte in Oberlausitzer Mundart 1938. Mit seinem Bruder zusammen arbeitete er an Sammlung und Kartierung des Oberlausitzer Wortschatzes.
Herbert Andert wurde 1983 mit dem Kunstpreis der Oberlausitz ausgezeichnet und 1994 zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt ernannt; 2003 erhielt er das Bundesverdienstkreuz für sein Lebenswerk und den Lausitz-Dank in Gold. Seine umfangreiche Liste von Veröffentlichungen endet erst 2002: "Oallerlee aus unser Heemte – a unser Sproche" (ehem. Lusatia-Verlag, Bautzen). Andert ist ein personeller Artikel in der Wikipedia und ein Eintrag im "Biographischen Lexikon der Oberlausitz" gewidmet.
Zu den Quellen, die das Andenken an Herbert Andert wach halten, gehören zwei verbreitete Mundart-Anthologien: die in unserer vorherigen Folge genannte von 1990 aus dem kurz darauf untergegangenen Greifenverlag zu Rudolstadt (für die ersten beiden Gedichte oben) und die der Herausgeber B. J. Diebner und R. Lehr (s. Abb. links) im Verlag der Rhein-Neckar-Zeitung, Heidelberg 1995 (für das dritte Gedicht).
./.
Die Oberlausitzer Mundart, Äberlausitzer Sproche, ist ein Dialekt, der im Süden der Oberlausitz gesprochen wird. Er gehört zu den mitteldeutschen Dialekten, genauer klassifiziert zur lausitzischen Dialektgruppe – seine Herkunft und die Beziehungen zu anderen Dialekten sind recht schwer einzuordnen. Einen Überblick über die Verbreitungsgebiete geben ein Beitrag in der Wikipedia und im Detail eine Verbreitungskarte der Oberlausitzer Mundartgebiete (dort als Südlausitzisch bezeichnet) wieder. Zu den Besonderheiten zählt vor allem das Vorhandensein vieler sich vollkommen von der Standardsprache unterscheidender Begriffe, die häufig aus den benachbarten slawischen Sprachen entlehnt sind.

Samstag, 25. November 2017

Mundart-Verse (8) – Südthüringer Itzgründisch (Arthur Schmid †; Günter Langhammer als Gast)

Notabene: Fortsetzung der losen Folge von Gedichten, die ihre Verfasser/Innen in Mundart geschrieben haben. Der Begriff mag für Sprachwissenschaftler etwas unscharf sein – hier steht er für Gedichte, die man in solcher "Würze" nur in "Regionalsprachen" findet. Auch sind sie den formalen poetischen Auflagen durch das Hochdeutsche weit weniger (oder nicht) verpflichtet.
Für Unkundige, die gar manches Mal "begriffsstutzig" sein würden, gibt es eine hochdeutsche Übertragung oder eine Reihe von Worterklärungen.
Sonneberger Panorama im Herbst, Aufnahme: 10.10.2008.
Urheber: Holger Mohaupt; Quelle: wikimedia.commons; Liz.: CC BY-SA 3.0


Arthur Schmid (Heßberg b. Hildburghausen; 1898-1952)


Die Hauptsach
(Quelle: siehe die nachfolgend angegebene Anthologie, S. 113)

Guck! Namm dirsch net so arg ze Harzn:
Es wärd schö widdr warn.        
Es gitt halt net bloß süße Mandl,
es gitt ah bittre Karn!

Denn siehste, wenn ichs racht bedenk
un mei Betrachtns hah:
Es greuft än jedn von uns armn
Karl manchmal richtig ah!

Ich mään: Es hat a jeder was,
was  ne so richtig wörcht!
Ich aber denk: Nu grade net!
Nu grad wärd sich net gförcht!

Was hilfts denn ah? M'r könne uns
gekümmer un gehärm;
un wenn m'r alles zammeschlagn
un 's gitt än Heidenlärm:

Davoh, da ändert sich doch nix!
Mir müssn annerscht mach!
Vonn inne raus – v'rstehste mich? –
da wärds ä annre Sach!

Drüm sag ich: Namms net gar so arg!
Es wärd schö widder warn:
Die Hauptsach bleit, daß du net bloß
ä Schaln hast – ah än Karn.
Schau! Nimms dir nicht so sehr zu
Es wird schon wieder werden.   \ Herzen:
Es gibt halt nicht bloß süße Mandeln,
es gibt auch bittre Kerne!

Denn siehst du, wenn ich's recht bedenk
und meine Ansicht habe:
Es setzt einem jeden von uns armen
Kerlen manchmal richtig zu!

Ich meine: Es hat jeder was,
das nicht so richtig läuft!
Ich aber denke: Nun erst recht!
Jetzt grade wird sich nicht gefürchtet!

Was hilfts denn auch? Wir können uns
bekümmern und härmen;
und wenn wir alles zusammenschlagen
und 's gibt einen Heidenlärm:

Davon, da ändert sich doch nichts!
Wir müssen 's anders machen!
Von innen raus - verstehst du mich? -
da wird’s eine andere Sache!

Drum sage ich: Gib nicht so viel drauf!
Es wird schon wieder werden:        / bloß
Die Hauptsache bleibt, dass du nicht eine Schale hast – auch einen Kern.

Anm.: siehe den Disclaimer am Ende des gesamten Beitrags!


Günter Langhammer (Haselbach, jetzt OT von Sonneberg; geb. 1937)


Wos mir ells ham
(Quelle: Anthologie, S. 134)

Was wir alles haben


Wir ham uns en Winter eigefange
un in weiße Gefriertruhn gesperrt.
Er liefert uns fresche Erdbeer un junge Erbsen raus
und Fläsch, Fläsch, sehr viel Fläsch.
Jetzt brauchen wir en Weihnachtsbroten nimmer
vursch Fanster zu hänge, deß er sich ja hält.

Wir ham en Bach a neis Bett gegossen.
Es is schnurgerod un aus Beton.
Jetzt brauchen mer kä Angst mehr zu ham,
deß Hochwasser die Wies ieberschwemmt.
Die drei Kopfweiden stunne ower im Wag.

Wir ham uns Farbfernseher gekäft.
Jetzt brauchen wir ner nuch auf Tasten zu drecken
un sahn, wenn se in Amerika boxen un in
                                                  Japan Fußball spieln.
Unnern Spartplatz mißten se meh
un die zwee Tor reparier.

Mir ham's besser.
Ower hammersch ah schänner?
den Winter eingefangen


Fleisch
Weihnachtsbraten
vors Fenster zu hängen

dem Bach ein neues Bett
schnurgerade
keine Angst

standen aber im Wege

gekauft
nur noch ~Tasten zu drücken
und sehen

Unsern Sportplatz müssten
                              \ sie mähen

Wir haben es besser.
Aber haben wir's ~ schöner?

© Günter Langhammer; Wiedergabe erfolgt mit ausdrücklicher Erlaubnis des Autors!

./.
Die Autoren unseres November-Beitrags haben uns auch viele Jahre nach der Erstveröffentlichung ihrer Verse noch etwas zu sagen – kluge Worte wirken eben lange nach!
Leider sind manche Spuren der Dichter – bis eben auf die durch das gedruckte Buch übermittelten – verblasst. Für eine Mundarten–Anthologie, verlegt 1990 im Greifenverlag (s. Abb.!), konnte der Mitarbeiter der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Erforscher thüringischer Mundarten, Heinz Sperschneider (1927-2009), damals schon als Herausgeber nur wenige Lebensdaten erheben.

Arthur Schmid (1898-1952) war in Heßberg bei Hildburghausen ansässig. Er war Lehrer an verschiedenen Schulen in der Umgebung. Ihn führt der heutige  Thüringer Literaturrat im Verzeichnis seiner Autoren mit einer ansehnlichen Reihe von Werken auf.

Günter Langhammer wurde 1937 im heutigen OT Haselbach der Kreisstadt Sonneberg geboren. Er war Fachlehrer für Deutsch, ging 1990 in Vorruhestand. Er veröffentlichte Beiträge in itzgründischer Mundart, meist in Anthologien, zuletzt in einer von 2007, die in Sonneberg erschien, und 2014 in einem Band des Arbeitskreises "Mundart Südthüringen e.V." Der Thüringer Literaturrat führt Günter Langhammer ebenfalls in seinem Autorenverzeichnis.
./.
Einen Überblick über die Verbreitungsgebiete der thüringischen Mundarten, darunter des Itzgründischen um Hildburghausen und Sonneberg, gibt ein Beitrag in der Wikipedia wieder. Namensgeber für diesen mainfränkischen Dialekt ist die Itz, ein rechter Nebenfluss des Mains in Thüringen und Oberfranken; gesprochen wird der Dialekt in den Tälern der Itz und ihrer Zuflüsse.

Disclaimer
Die Betreiber von "Versbildner" erklären, dass angesichts der beiden Umstände – (1) der Greifenverlag hörte 1992 nach Insolvenz auf zu exstieren und sein Verlagsarchiv wurde auf der Heidecksburg/Rudolstadt eingelagert und (2) der Anthologie-Herausgeber Sperschneider verstorben ist – eine Gestattung für das erste der zwei wiedergegebenen Gedichte nicht beizubringen war. "Versbildner" würde aber auf einen berechtigten Anspruch hin das Gedicht unverzüglich von seiner Webseite entfernen – wenn auch mit Bedauern.

Montag, 16. Oktober 2017

Mundart-Verse (7) – Ein Dankeschön an unsere Autoren

Notabene: In bisher sechs Folgen haben verschiedene Autor/innen Mundart-Verse in unserem Blog "Versbildner" veröffentlicht. Der Begriff mag für Sprachwissenschaftler etwas unscharf sein – hier steht er für Gedichte, die man in solcher "Würze" nur in "Regionalsprachen" findet. Auch sind sie den formalen poetischen Auflagen durch das Hochdeutsche weit weniger (oder auch gar nicht) verpflichtet.
Um der scheinbaren Kurzlebigkeit im Internet zu begegnen, nennen wir hier unsere Autoren noch einmal in einer Zusammenfassung – jeweils auch mit einer kleinen Zugabe an Versen.
Für Unkundige, die wohl manches Mal "begriffsstutzig" sein würden, gibt es auch heute und hier die Übertragungen ins Hochdeutsche.
Den jeweiligen Originalbeitrag findet man am einfachsten, wenn das Label "Mundart-Verse" angeklickt wird; sonst klickt man im Blog-Archiv den entsprechenden Monat von 2017 an und dort dann den Titel selbst.

(1) Gisela Gesang – Rostocker Platt

 Aus: Weihnachtserinnerungen (2004):

Hüt häw ick allens bi de Hand:
kann äten, drinken wat ick will;
häw warmet Water ut de Wand;
wenn ick nich lopen mag, sit'k still.

Gisela Gesang lebt in Rostock. Ihre Gedichte und Beiträge in Platt werden von örtlichen Zeitungen und vor allem dem Warnemünder "Tidingsbringer" gern veröffentlicht. Sie wird manchmal von Leuten auf der Straße angesprochen, die ihr für den Gebrauch  des heimatlichen Platt danken möchten.
Ihr Beitrag "Mien leiwste Plag" steht unter April 2017.

(2) Ernst Blumenstein – Höchstalemannisch/Schwyzerdütsch

Aus: Weniger wäri meh (1991):

Mängmol macht's mer Angscht
well emer meh Wohlstand
d'Umwält belaschtet –
weniger wäri meh.

Ernst Blumenstein lebt in Tägerig/Reuss im Kanton Aargau – südlich vom Hochrhein. Er schreibt schon seit längerem Gedichte auf "Schwyzerdütsch", mit denen er seine Nächsten bedenkt. Er selbst führt einen Internet-Blog, stellt mit anderen zusammen alemannische Mundart-Lyrik auf eine Webseite.
Ein Gedicht und fünf kleine Bonmots stehen unter Mai 2017.

(3) Jean-Louis Kieffer – Moselfränkisch

                    Dau (prämiiert 2010)
                   
                    Eich vergehn wéi en Greiw in der Pann
                    Wenn dau mich aakuckscht.
                    Un mein Blout spruddelt von Freed
                    Wenn dau géer wellscht.
                    Et ganz Wasser von der Welt
                    Séngt in deinen Auen
                    Un dodrenn
                    Wéll eich / Ersaufen

Jean-Louis Kieffer lebt bei Bouzonville im deutschsprachigen Département Moselle. Er ist Präsident des Vereins "Gau und Griis", der für die Erhaltung der Fränkischen Sprache eintritt; selbst schreibt er seit 1985 und hat zahlreiche Veröffentlichungen sowie einen personellen Artikel in der französischen Wikipedia.
Drei Gedichte (eins davon unveröffentlicht!) stehen unter Juni 2017.

(4) Matthias Fritzsch – Westerzgebirgisch

            Aus: Wu is de Zeit bluß hie:

Im Sommer namme de Tog langsam o,
schu is dor Harbst mit bunte Blätter do.
Un viel, viel schneller als mor dachten,
hobn mir Advent un feiern Weihnachten.
Nu tut mor wieder am Gahresende stieh,
un frogt erstaunt, wu is de Zeit bluß hie.

Matthias Fritzsch lebt in Zwickau. Er begann 1992 mit dem Schreiben von Mundart-Gedichten und -Liedern sowie Kurzgeschichten und publiziert viel in Zeitungen, Heimatblättern u. a. m. Er ist im "Erzgebirgsverein e.V." aktiv, gehört der Erzgebirgsgruppe "De Rödelbachtaler" an.
Drei recht "launige" Gedichte von ihm stehen unter Juli 2017.

(5) Fred Boger – Remstaler Schwäbisch

          Aus: Goischtr – frei nach Goethes "Totentanz":
         
          Heit sen die Goischtr ao nemme dees wase scho warad
          z faul zom Laufa - wellad ao blos noh fahra!
          Schtell dai Radio ai, noo hersch scho dr Säga,
          uf dr Autobah kommt oim a Goischtrfahrer entgega!

Fred Boger stammt aus dem Remstal (BaWü), wanderte in die USA aus und erwarb an der U. of Illinois den MA-Grad. Danach lebt er in Heilbronn, von Beruf Lehrer. Dem Schreiben widmete er sich erst als Ruheständler. 1982 erschien sein Buch "Aus em Ländle" - Gedichte in schwäbischer Mundart. In der Regionalpresse ist er ein aktiver Leserbriefschreiber.
Drei Gedichte aus dem 1982er-Buch stehen unter August 2017.
Nachtrag: Am 1.12.2017 erschien in den Schorndorfer Nachrichten ein recht informativer Artikel über Fred Boger, der auch seinen Gastauftritt in unserem "Versbildner" erwähnt!

(6) Ingeborg F. Müller – Kölsch

Nit pingelich! (2017)

Em Internet, / dat wor der jet,             Do kom vörbei, / met vill Buhei,
do hatt sich ens verlaufe,                   ne Satz, däm dat jet fähle.
ne Bochstav klein,                              Flöck wie der Bletz,
stundt jetz allein                                 sprung aan de Spetz,
jenau jesaat et kleine "r" ,                   dat kleine "r" ovschüns im klor,
woss nit wohin un nit woherr.             dat die Plaatz bloß för Jroße wor.

Ingeborg F. Müller, geboren, aufgewachsen und wohnhaft in Köln. Sie ist Absolventin der "Akademie för uns kölsche Sproch" mit Kölschexamen und Kölschdiplom und gehört dem Akademie-Beirat an. Seit Mitte der '90er Jahre schreibt sie Mundarttexte und tritt auf Veranstaltungen auf; sie hat zahlreiche Veröffentlichungen.
Drei eher heitere Gedichte stehen unter September 2017.

. /.

Unser Jahresprogramm 2017 an Mundart beschließen wir in den Monaten November und Dezember mit zwei Mundart-Dichtern, die heute nicht mehr unter uns weilen –  aus der Oberlausitz und aus Westthüringen. Die Vorlagen sind einem Buch aus dem 1992 untergegangenen Greifenverlag zu Rudolstadt entlehnt, dessen große Verdienste um die Buchkultur wir damit ebenfalls ins Gedächtnis rufen möchten.

Das Team von "Versbildner"
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Übertragung der Verse ins Hochdeutsche:

(1) Rostocker Platt
Heut hab alles bei der Hand
kann essen, trinken was ich will,
hab warmes Wasser aus der Wand;
wenn ich nicht laufen mag, sitz ich still.

(2) Schwyzerdütsch
Manchmal macht es mir Angst,
weil immer mehr Wohlstand
die Umwelt belastet –
weniger wäre mehr.

(3) Moselfränkisch
Ich schmelze wie eine Griebe in der Pfanne
Wenn du mich anschaust.
Und mein Blut wallt vor Freude
Wenn du es nur wolltest.
Alles Wasser dieser Welt
Singt in deinen Augen
Und darin / Will ich / Ertrinken.

(4) Westerzgebirgisch
Im Sommer nehmen die Tage langsam ab,
schon ist der Herbst mit bunten Blättern da.
Und viel, viel schneller als wir dachten,
haben wir Advent und feiern Weihnachten.
Nun stehn wir wieder am Jahresende
und fragen erstaunt, wo ist die Zeit nur hin.


(5) Remstaler Schwäbisch
Heut sind die Geister auch nicht mehr das, was sie schon mal waren
zu faul zum Laufen – sie wollen auch bloß noch fahren!
Stell dein Radio an, dann hörst du die Ansage,
auf der Autobahn kommt einem ein Geisterfahrer entgegen.

(6) Kölsch
Im Internet / begab es sich,         
da hatte sich mal verlaufen       
ein Kleinbuchstabe,                    
stand jetzt allein,                        
genau gesagt, das kleine "r"       
wusste nicht wohin und nicht woher.

Do kam vorbei, / mit viel Geschrei,
ein Satz, dem das jetzt fehlte.
Flink wie der Blitz,
sprang an die Spitz,
das kleine "r", obschon ihm klar,
dass dieser Platz nur für große war.