© Erika Müller-Pöhl: Buchillustration zu Rainer
Hohberg: 'Das Kleeblatt',
aus: Schachtelhälmchen – Pflanzenmärchen aus
aller Welt, ehem. Postreiter-Verlag, 1987; S. 77.
|
Pflanzenmärchen: Das Kleeblatt
Er kam zu spät. Zwar konnte
er sein Schiff noch sehen, aber es befand sich bereits auf hoher See. Ziellos irrte er durch die fremde Stadt … so gingen Tage, Wochen, Monate
dahin. Einmal legte ein Schiff im Hafen an und brachte eine Nachricht mit:
"Oh ja, es war ein stolzes Schiff mit einer goldenen Seejungfrau am Bug.
Doch gegen einen Orkan ist halt kein Kraut gewachsen. Kein Mann hat dieses
Unglück überlebt." Unser Mann verstand nicht gleich. Wie- der und wieder ließ er sich alles erzäh- len,
er lachte und weinte dabei zugleich. Schließlich öffnete er mit zitternden
Händen seinen Gürtel, fingerte das längst vertrocknete Kleeblatt heraus. Er
zeigte es herum und erzählte den Anwesenden seine
Geschichte. /Auszug/
|
Das Glück lässt
warten /© W. Herrmann/
Da war ein Mann, von Missgeschick
erdrückt. Sein Glück musst' er darum woanders
zwingen – wo es drauf wartete, dass er
es pflückt!
Zum Hafen ließ er seinen
Seesack bringen und nahm das Schiff, auf dem
die Meermaid thront. Dort wollt' auf große Fahrt er sich verdingen.
Spazieren bis zur Abfahrt
... ungewohnt: ein Kleeblatt nahm des
Mannes Blick gefangen, eins mit vier Blättern, das
mit Glück belohnt!
Er brach es heimlich, doch die
Wächter zwangen ihn zum Verhör. Zwar kam er
wieder frei – zu spät, um auf sein Schiff
noch zu gelangen.
Er blieb am Ort, ihm war's nun
einerlei. Nach Zeiten brachte dann
ein Schiff die Nachricht: im Sturm ging jenes Segelschiff
entzwei. Verdorrt das Kleeblatt – aber
welche Umsicht!
|
Anmerkungen:
Unseren Gast, die Buchgrafikerin Erika Müller-Pöhl, hat der
'Versbildner-Blog' bereits Mitte Januar vorgestellt – Vita, grafisches Werk,
Bibliografie sowie den Buchumschlag zu den beiden Novellen 'Carsten Curator'
und 'Der Herr Etatsrat', im I. Quartal 2021 hier gezeigt.
Unter ihren buchgrafischen Arbeiten hat Erika-Müller-Pöhl
die zur Ausgestaltung von Rainer Hohbergs 'Schachtelhälmchen – Pflanzenmärchen
aus aller Welt" besonders liebevoll ausgeführt und ihnen auch hier unter
den Kalenderblättern einen größeren Raum einräumen wollen. Sintemal (um ein
der Vergangenheit verhaftetes Wort zu verwenden) es sich um eine Edition des Hallenser
Postreiter Verlags handelte, der noch 1994 – wie zum Hohn – mit dem Kinderbuchverlag
"fusionierte", ehe seine Erdenspuren gänzlich verschwanden.
Die Geschichte um das Kleeblatt ist dabei gar nicht so außergewöhnlich! Wie oft
hat man schon gehört, dass ein Reisender sein Flugzeug oder seine Bahn verpasst
hat und dann erfahren musste, dass das Schicksal wieder einmal ein
Verkehrsmittel "mit noch freien Plätzen" nicht bis ans Ziel (modern: bis
zu seiner Destination) gebracht hatte …
Die Verse, in die die lyrische Hälfe dieses Kalenderblattes
gegossen ist, sind Terzinen; s. Stummer S. 76/77. /elbwolf al. W.H./