Hier schreiben Hobbydichter für Lyrik-Freunde – meist Gereimtes und nur Druckreifes! Willkommen also, viel Vergnügen mit unseren Gedichten und deren Bebilderung!

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Bereits seit Jahresbeginn bringen wir neue Folgen an Kalenderblättern und Monatsbildern. Darum herum dann das, was sich an Einfällen so ergibt – man wird sehen! Nun ja, was man auch sieht: wir "unterschlagen" seit einer ganzen Weile auch einen gewissen Anteil an sanfter Erotik nicht länger - die Zeiten sind eben so ...

Wir teilen den Lesern unseres Versbildners mit und bitten um Verständnis, dass wir auch weiterhin das monatliche Angebot auf 6 Beiträge beschränken - die Kontaktarmut dieser Zeit bringt leider auch eine gewisse Ideenarmut mit sich. Neueinstellungen erfolgen damit um die Kalendertage des 1., 6., 11., 16./17., 21./22., 25.-27. eines Monats.

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Dienstag, 16. Januar 2024

Luises Abendlied

Foto: Stephan Czarnowski: Brocken, Sonnenuntergang (16.01.2012);
via Wikimedia Commons; Liz.: CC BY-SA 3.0

 

In memoriam – zum Gedächtnis


Luise Pinc geb. Seifert,
aus dem Ort Satzung (südlich Marienberg/Erzgebirgskamm)
* 15.12.1895; † 24.10.1982

Sie war zu ihrer Zeit bekannt als ″Tischer Mad″; war Tochter eines Maurers. Sie besuchte in Satzung die Schule und arbeitete anschließend als Hausgehilfin. 1920 verheiratete sie sich mit dem Schuhmacher Anton Pinc. Sie schrieb Gedichte und Erzählungen in erzgebirgischer Mundart. Zu ihren Gedichten hat sie teils selbst eine Weise verfasst, teils sind die Verse von regionalen Liedermachern vertont worden, und sie hat mit ihren Töchtern diese Lieder selber auf Veranstaltungen vorgetragen.
Zu ihrem 60. Geburtstag wurden Luise Pinc als „Heimatdichterin“ Ehrungen und Anerkennungen ausgesprochen. Eine kleine Bibliographie ist im Buch ″Stimmen der Heimat″ des Musikverlags Friedrich Hofmeister, Leipzig, 1965, enthalten. Das Buch enthält auch zwei von Luise Pincs Gedichten, von denen eines hier in der ursprünglichen Mundartform wiedergegeben wird; daneben ist eine hochdeutsche Nachdichtung gestellt.
                                                      Quelle: s. das angegebene Buch auf S. 159, 377, 390, 410


Luise Pinc (1956):
Obndlied

Nachdichtung (2024):
Abendlied


Dr Wald is schlofen gange –
zenstrüm is friedliche Ruh,
un meine gruße Sehnsucht
deckt aah de Nacht mit zu.

Vom Dorf haar Glockenlaiten,
de Starn ziehe auf zer Nacht,
un übern Barg haar lechten
viel Lichter aus’n Schacht.

Es rüsten sich de Bargleit
derham zer nachtlichn Schicht,
Glückauf! Glückauf! mög scheine
racht hall ihr Grubenlicht.

Un hinnern Baam dr Monden,
daar guckt zun Fanster rei –
ganz ruhig ward’s in Haisel,
mei Kindel schlöft aah ei.

             
Mundartdichtung: Luise Pinc


Der Wald ist eingeschlafen –
Ringsum herrscht friedlich Ruh,
und mein so großes Sehnen
deckt auch die Nacht mit zu.

Vom Dorf klingt Glockenläuten,
am Himmel Sterne stehn;
die Lichter jedes Schachtes
sind klar am Berg zu sehn.

Es rüsten sich die Bergleut
daheim zur Abendschicht
Glückauf! Glückauf! Es leuchte
recht hell ihr Grubenlicht.

Der Mond hinter den Bäumen,
der schaut zum Fenster rein –
ganz ruhig wird’s im Häuschen,
jetzt schläft mein Kleines ein.

     Nachdichtung: W. Herrmann/elbwolf


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Anmerkungen:
Nachdichtung? Aber ja, denn einige Mundart-Bestandteile lauten völlig anders als in der Hochsprache. Ein Baier oder ein Friese (nur zum Beispiel) sollen doch nicht leer ausgehen müssen!
Insgesamt ist eine Übertragung zwischen zwei Hochsprachen (bzw. eine Nachdichtung) sozusagen ‘einfacher‘, weil man über Möglichkeiten einer breiteren Wortwahl verfügt, als zwischen Volksmund und Hochsprache, zumal wenn man beide Versionen – wie hier – nebeneinanderstellt und dem Leser einen direkten Vergleich ermöglicht.
In ‘Obndlied‘ wird eine gewisse Belebung der Strophen durch immer wieder andere Gestaltung der zweiten Verse erreicht; in der Nachdichtung sind alle vier Strophen rhythmisch völlig gleich, was der im Text beschriebenen Ruhestimmung entspricht.
Für die Ermittlung des Sterbedatums von Luise Pinc anhand der Kirchenbücher bedanken wir uns bei Herrn Pfarrer Freier vom Pfarramt Marienberg.

Mittwoch, 14. Juni 2023

Anno-04.2_Der Steinklopfer (Seurat)

Georges Seurat (1859-1891): Steinklopfer mit Schubkarre (~1883/84);
Standort: Phillips Collection, Washington (D.C.)
via Wikimedia Commons & The Yorck Project; gemeinfrei.

 

Hier also die Nachdichtung
zum Lied des Steinklopfers von Karl Henckell (1884-1929),
die wir am 27. Mai 2023 zunächst noch schuldig geblieben waren.
Es gibt dazu sogar eine weitere Abbildung eines anderen französischen Künstlers des 19.Jahrhunderts, was die Sache besonders reizvoll macht.

 

Der Steinklopfer

Ich klopf den gebrochenen Stein,
wie kantig er sei und wie hart –
mein Schlegel, der kriegt ihn schon klein;
doch bringt es kaum Geld um zu leben.
So geht das von morgens bis spät:
wann immer das Tageslicht scheint
und nichts aus den Fugen gerät,
werd ich mich stets wieder erheben.

Am schlimmsten ist immer ein Tag,
an dem mir der Magen noch knurrt,
weil Brot es kein Krümel mehr gab,
geschweige denn etwas vom Weine!
Knie nieder mich dann in den Sand,
rück tief ins Gesicht meinen Hut:
was ist mir der Väter ihr Land?
Ich klopf für die Reichen die Steine!

© elbwolf (für die Nachdichtung)

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Hinweis:
Den nächsten Beitrag stellen wir erst am 22.6.2023 ein!

Dienstag, 21. Dezember 2021

Chanson d'amour – Nachdichtung eines Volksliedes aus dem Französischen

 

Pompeo Batoni (1708-87): Susanna und die Alten, 1751 (Detail);
Standort unbekannt; via Wikimedia Commons; Public domain

Aus dem Sammelband im Karl Rauch Verlag (1938)
von
Josef Hochmiller (1872-1932):

Chansons d'amour XXXVII

/Chansons populaires de France/

Liebeslieder XXXVII
/

/Französische Volkslieder/

Il était une fille
une fille d'honneur,
qui plaisait au seigneur.

Un jour elle rencontre,
monté sur son cheval,
ce seigneur déloyal.

Preste, il met pied à terre,
entre ses bras la prend,
"Baise-moi, belle enfant!"

"Hélas" répond la belle,
le cœur transi de peur,
"volontiers, mon seigneur!

Je ne crains que mon frère,
s'il me voit dans vos bras,
il fera du fracas.

Montez sur cette roche
et regardez là-bas,
si l'on ne le voit pas."

Et tendis qu'il regarde,
celle qu'il veut mettre à mal
elle saute sur son cheval.

"Adieu, beau gentilhomme!"
et zeste, elle s'en va.
Monseigneur reste là.

Cela vous apprend comme
on attrape un méchant –
qui le veut se défend.

Da gab es einst ein Mädchen,
das tugendsam und recht grazil,
drum einem hohen Herrn gefiel.

Sie trifft ihn eines Tages,
er reitet auf dem Ross daher;
dem Herrn zu trauen, das fällt schwer.

Der Reiter springt vom Pferde,
umarmt das Mädchen ganz geschwind,
"Lass küssen dich, du schönes Kind!"

Erwidert ihm die Schöne
mit angsterfülltem Herzen "Ach,
recht gern, mein Herr!" und bleibt hellwach:

"Nur fürcht' ich, dass mein Bruder,
wenn der in eurem Arm mich sieht
mit grobem Schmäh euch überzieht.

Drum klettert auf den Felsen,
schaut euch rundum gut alles an,
ob man uns auch nicht sehen kann."

Der Herr tut wie geheißen.
Sie achtet nicht, was der studiert –
sie springt aufs Pferd und galoppiert.

"Adieu, du großer Reiter",
und wie der Wirbelwind davon!
Dem Kavalier bleibt nur der Hohn.

Was lehrt das einen jeden?
Den Spitzbub fasst man bald am Steiß,
wenn man sich zu erwehren weiß.

 

© elbwolf al. W.H.
(für die Nachdichtung; 20.12.2021)


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Anmerkungen:
Im französischem Original wird der erste Vers jeder Strophe vor dem
letzten Vers wiederholt, um eine Art Refrain-Charakter zu erzielen.
Die Kunstbeilage illustriert natürlich nicht die in den Versen geschilderte
Situation, zeigt aber die Abwehrhaltung der Frau in aller Deutlichkeit.