Hier schreiben Hobbydichter für Lyrik-Freunde – meist Gereimtes und nur Druckreifes! Willkommen also, viel Vergnügen mit unseren Gedichten und deren Bebilderung!

Aufrufe unseres Blogs erfolgen automatisch mit Sicherheitsprotokoll "https". Am 18. Mai 2022 hatten wir unseren 600. Beitrag in den Blog gestellt!

Bereits seit Jahresbeginn bringen wir neue Folgen an Kalenderblättern und Monatsbildern. Darum herum dann das, was sich an Einfällen so ergibt – man wird sehen! Nun ja, was man auch sieht: wir "unterschlagen" seit einer ganzen Weile auch einen gewissen Anteil an sanfter Erotik nicht länger - die Zeiten sind eben so ...

Wir teilen den Lesern unseres Versbildners mit und bitten um Verständnis, dass wir auch weiterhin das monatliche Angebot auf 6 Beiträge beschränken - die Kontaktarmut dieser Zeit bringt leider auch eine gewisse Ideenarmut mit sich. Neueinstellungen erfolgen damit um die Kalendertage des 1., 6., 11., 16./17., 21./22., 25.-27. eines Monats.

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Mittwoch, 16. Februar 2022

Geschichte eines Sonetts, Teil 2(2) – nach Azevedo (Übertragung aus dem Portugiesischen)

 Rückblick auf Teil 1 (siehe 11. Februar):

Der 23-jährige Ludgero Baptista hatte sich Hals über Kopf in die noch junge stadtbekannte Schönheit Laura Rosa verliebt, die Kommandanten-Gattin. Um ihre Aufmerksamkeit zu erringen und die Verehrer auszustechen, schrieb er ein gefühlvolles Sonett – setzte aber in unverzeihlicher Weise Lauras Namen in eine der Strophen und seine Initialen darunter. Die Verse erreichten zwar ihr Ziel, aber für den jungen Mann folgte gar nichts weiter. Nach langer Wartezeit schlug er sich die Sache aus dem Kopf, erlernte einen Beruf und wurde erfolgreicher Fabrikant.

’∕‚

Mit 37 Jahren verspürte Ludgero dann doch den Wunsch, eine eigene Familie zu gründen. Bei Freunden lernte er Blandina kennen, eine interessante, etwas romantische junge Frau von 23. Kurz – sie heirateten. Nach über zehn sehr glücklichen Jahren begann Ludgero, nun fast 50, sein einsetzendes Alter gegen Blandinas anhaltende Jugendlichkeit kritischer zu sehen, er "wurde unruhig und beobachtete mit eifersüchtigen Augen, was um ihn herum geschah".
Und tatsächlich fand er heraus, dass um sein Haus ein sehr junger Mann herumlungerte. Zufällig sah er auch, wie der an einer Hausecke dem Koch einen Brief übergab. Ludgero versteckte sich und "fing das Schreiben genau in dem Moment ab, in dem es aus den Händen des Vermittlers an seine Frau überging". Blandina erschrak, brach in Tränen aus, beteuerte ihre Unkenntnis, wer der Absender sei und schwor, "dass sie diesen Brief ungeöffnet zurücksenden würde!" Aber Ludgero durchkreuzte – zitternd vor Aufregung – dieses Ansinnen: er zerriss den Umschlag – und fand darin ... ein Gedicht, dessen erster Vers so ging:

Seit jenem Tag, als ich voll Glück und Staunen ...

Auf einen Blick und mit unfassbarem Erstaunen erkannte Ludgero sein eigenes Sonett, das er vor über 25 Jahren Laura Rosa hatte zukommen lassen und das nie beantwortet worden war. Und natürlich lautete der seinerzeitige Vers des Anstoßes nun

Oh schöne Blandina, den erbet'nen Kuss, ...

was den Rhythmus störte – ein Poet war der junge Mann also auch nicht!

Ludgero lachte befreit auf, kramte sein Sonett aus einer alten Schublade vor, zeigte es seiner Frau und eröffnete ihr, dass er "früher" selber Verse geschrieben habe. Damit war die "Affäre" aus der Welt, ehe sie zu einer geworden wäre; nun aber kam auch noch der Schalk zu seinem Recht.

Ludgero dichtete für seine Blandina ein Antwort-Sonett an den "Kopisten", ließ es von ihr in ihrer Handschrift abschreiben und übergab es dem jungen Mann persönlich, als er ihn das nächste Mal ums Haus schleichen sah:

’∕‚

RESPOSTA

Para satisfazer ao seu pedido,
Na parte da denúncia e não do beijo,
Revelei a meu dono o seu desejo.
Os versos entreguei a meu marido.

Este em vez de ficar enfurecido,
E de agarrar um ferro malfazejo,
Tomou a coisa á conta de gracejo,
E pôs-se a rir como um perdido!

Pois se e ele o autor do tal soneto!
O senhor copiou-o da Nova Aurora,
Estragando-lhe apenas um quarteto...

Ele, que a Musa já mandou embora,
Cede-lhe os versos (discrição prometo),
Mas não quer sociedade na senhora.



ERWIDERUNG

Bei dem Ersuchen, das Sie an mich stellen,
erübrigt sich die Bitte nach dem Kuss;
und weil ich meinem Mann nichts beichten muss,
wollt' er nach Ihrem Vers ein Urteil fällen.

Um sich die Laune selbst nicht zu vergällen
jedoch zu knacken diese harte Nuss,
nahm er's für einen Scherz – so sein Entschluss;
befreites Lachen hört ich gleichsam quellen.

Er dichtete vor Jahren dies Sonett –
das Sie zu Unrecht lediglich kopierten.
Nun drängt er Sie zu eigenem Quartett!

Die Muse zählt ihn nicht als Motivierten;
Ihr Vers entschädigt ihn – ich schweig honett.
Auch wünscht er nicht, dass wir uns je liierten!

© W. Herrmann (12.02.2022), für die freie
Übertragung aus dem brasilianischen Portugiesisch

’∕‚

Die Androhung einer Tracht Prügel, falls sich der Jüngling nochmals blicken lassen sollte, tat ihre Wirkung – er tauchte nie wieder auf. Ludgero zog für seine Person den Schluss, "dass ein Mann früher oder später durch die Waffe, die er mit böser Absicht schmiedet, verletzt werden kann, selbst wenn diese Waffe ein schlichtes Sonett wäre."
Ach ja: Ludgero entdeckte, dass der junge Mann Laura Rosas Sohn war; das alte Sonett hatte er sicher unter den Papieren seiner Mutter gefunden.

’∕‚

Liebe Leserinnen und Leser unseres Blogs!
Ludgero liebte seine Blandina (und sie ihn), wie die Liebe größer nicht sein und nicht werden könnte.Mir will scheinen, dass diese Geschichte an das Ende vieler Märchen unserer Gebrüder Grimm erinnert: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute!"
Dennoch schwingt im Hintergrund das Gefühl der Eifersucht irgendwie mit und ist Anlass, hier eine der Darstellungen des Malers Munch von diesem Thema beizugeben:


Edvard Munch (1863-1944): Jealousy, 1913-15;
Quelle: Munch-Museum Oslo; via Wikimedia Commons; Liz.: gemeinfrei.

© elbwolf, für Nacherzählung und Gestaltung des Beitrags.

Anm.: Entgegen der Ankündigung wird der obige Teil-2 des Beitrags
sofort im Anschluss an Teil-1 zum Posten freigegeben, nicht erst Mitte März.

Freitag, 11. Februar 2022

Geschichte eines Sonetts, Teil 1(2) – nach Azevedo (Übertragung aus dem Portugiesischen)


 Zur Einführung:

Zum zweiten Mal wendet sich dieser Blog dem Brasilianer Artur de Azevedo (voller Namen: A. Nabantino Gonçalves de A.; 1855-1908) zu, der mehr als ein Jahrhundert nach seinem Ableben weiter als vielseitiger und beliebter Schriftsteller gilt. Er vereinte neben zahlreichen Talenten offenbar auch diese beiden Züge in sich, die man speziell der brasilianischen Schriftstellergilde nachsagt:

-      Hang zur Erotik in der Poesie (s. "Versbildner" vom 11.6.2021!)

-      Ausschmücken eigener Erzählungen mit eigenen Versen (wie bei uns etwa in Lion Feuchtwangers Roman "Goya" zu finden).

Hier geht es um eine Erzählung Azevedos, die nicht nur den Titel "Geschichte eines Sonetts" trägt, sondern in der besagtes Sonett selbst auch "das Salz in der Suppe" ist. Dabei stellt es der Autor so raffiniert an, dass nach hundert Jahren und von fern (d. h. ohne Zugriff auf das Archiv der Brasilianischen Akademie für Literatur) wir nicht entscheiden können, was an seinem Text alles Wahrheit und was doch eher ... "Dichtung" ist.

’∕‚

Ein 23-jähriger junger Mann namens Ludgero Baptista begegnet im Jockey-Club der stadtbekannten Frauenschönheit Laura Rosa, die ihr Mann, Kommandant Rosa, überallhin ausführt. Sie genießt es sehr, ständig "einen Haufen männlicher Herzen hinter sich herzuschleppen".
Ludgero bildet keine Ausnahme und verliebt – nein: verknallt – sich heftig in Laura und denkt intensiv darüber nach, wie er diesen platonischen Zustand "in eine positivere Situation bekäme".
Er, der schon seit längerem "harmlose Lyrik" verfasst, nimmt sich ein Sonett vor, mit dem er leider, vielleicht aber auch bewusst, weit über das moralisch Vertretbare hinausschießt: er nennt darin Laura beim Namen und setzt seine Initialen darunter– eine unverzeihbare Indiskretion.
Trotzdem versteht es Ludgero, der Dame seine Verse zuzuspielen. Er veröffentlicht das Sonett in den Neuesten Nachrichten einer speziellen Literaturzeitschrift und lässt Laura ein Heft vom Verlag schicken, am Kommandanten vorbei und direkt zu ihren Händen!
Danach tut sich von ihrer Seite ... rein gar nichts. Nicht einmal Nachteile ergeben sich für den erfolglosen Liebhaber, den ein ins Bild gesetzter Kommandant ja auch zum Duell hätte fordern können – nichts!
Dann beruhigt sich Ludgeros Gemüt allmählich. Statt weiter zu hoffen und es mit Lyrik zu versuchen, rüstet er sich für den "endgültigen Eintritt ins praktische Leben" und wird ein erfolgreicher Fabrikant.

’∕‚

Das Sonett befand sich zwar tatsächlich in Lauras Händen, andererseits aber war es von ihr auf die sprichwörtliche lange Bank geschoben worden und damit so gut wie untergegangen. Um dieses Sonett handelt es sich:

’∕‚

SÚPLICA

Desde o dia feliz em que, pasmado,
Pela primeira vez te vi, senhora,
Um sentimento no meu peito mora
Feito de angústia e feito de pecado.

Não creias que ninguém houvesse amado
Tão loucamente como eu te amo agora,
Nem mesmo, oh! linda Laura, no de outrora
Cavalheiresco tempo celebrado!

Para que finde o meu suplício airoso,
Ou me concede o mendigado beijo,
Este martírio transformado em gozo,

Ou revela ao teu dono o meu desejo:
Talvez ele me faça venturoso,
Dando-me a doce morte, enfim, que almejo!

L. B. (?)

 

FLEHENTLICHE BITTE /nach Azevedos SÚPLICA/

Seit jenem Tag, als ich voll Glück und Staunen
zum ersten Male dich erblickte, Frau,
nagt ein Gefühl an mir, dem ich nicht trau:
ich höre angstvoll ständig Sünden raunen.

Wie ich dich liebe – das sind keine Launen:
dich liebte man so nie! Ich weiß genau,
selbst wenn ich auf der Ritter Zeiten schau,
als im Turnier noch schmetterten Posaunen.

Oh schöne Laura, den erbet'nen Kuss,
den gib mir Bettler; lös' mich von der Folter
und wandle so mein Leiden in Genuss!

Erwartet sonst mich deines Manns Gepolter?
Bringt er mir dann aus lauter Überdruss
den süßen Tod – wär' mir ein sehr gewollter.

© W. Herrmann (10.02.2022), für die freie
Übertragung aus dem brasilianischen Portugiesisch

’∕‚

Lieber Leser – wie hättest Du als Mann einer so begehrten Frau gehandelt?
Liebe Leserin – hättest Du das Ansinnen ignoriert, wie Laura es tat?
Das Geheimnis, wie dieses Sonett doch noch ein zweites (Sonett!) nach sich zog, lüftet der Teil 2 des Beitrags ... schon am 16.2. (und nicht erst in vier Wochen).

© elbwolf , für Nacherzählung und Gestaltung des Beitrags.

Freitag, 11. Juni 2021

"Nur zum Schein" – Liebessonett, aus dem brasilianischen Portugiesisch

Foto Dan Carp: Sunrise Lovers (07.05.2018)
via Wikimedia Commons; Liz.: CC BY-SA 4.0

 

Zum Dichter und seinen Versen:

Das originale Sonett "Por Decoro" ist ein Jugendwerk des späteren brasilianischen Dramatikers, Journalisten, Kurzgeschichtenschreibers und Dichters Artur Azevedo (1855-1908). Er veröffentlichte es mit 21 Jahren in seinem Bändchen "Sonetos". Danach ging es offenbar nur noch in die Anthologie "Einhundert der besten brasilianischen Sonette" ein (1951, 3. Aufl.), die kaum bis nach Europa gelangte Und das, obwohl es mit dem portugiesischen Nationaldichter Luís de Camões (1524-79) das Vorbild eines herausragenden Sonettschreibers in dieser Sprachgruppe gibt (Ibü 264). Und dann, weil Azevedo zu den 40 Gründern der 1897 ins Leben gerufenen ABL (Academia Brasileira de Letras) gehörte, die sich die Académie française zum Vorbild nahm und heute als höchste Instanz für das brasilianische Portugiesisch gilt.
Azevedos Sonett ist intim und romantisch zugleich. Der Dichter rät seiner Geliebten für den Fall, sie könne auch in der Öffentlichkeit ihre Gefühle für ihn nicht im Zaum halten, doch wenigstens die Augen zu verbergen – hinter einem Rebenblatt ...
Die Probleme einer Übertragung fremdsprachiger Lyrik beginnen oft mit den Titeln … wie hier auch. Um den deutschen Leser nicht zu verblüffen, steht hier nicht "Als Dekor/Dekoration" oder populär "Tun als ob", sondern das, was der Dichter wirklich gemeint hat: "Nur zum Schein". Azevedos Reimschema "abba abba cde cde" (mit der schwächsten Reimung in den Terzetten – jeweils erst in der dritten Folgezeile!) bleibt erhalten. Dagegen ist der trochäische Rhythmus auf die seinerzeit für Sonette in Deutsch schon eingeforderten fünffüßigen Jamben umgestellt.

 

Artur Azevedo (1855-1908):

Por Decoro
(1876)

Quando me esperas, palpitando amores,
e os lábios grossos e úmidos me estendes,
e do teu corpo cálido desprendes
desconhecido olor de estranhas flores;

quando, toda suspiros e fervores,
nesta prisão de músculos te prendes,
e aos meus beijos de sátiro te rendes,
furtando às rosas as purpúreas cores;

os olhos teus, inexpressivamente,
entrefechados, lânguidos, tranquilos,
olham, meu doce amor, de tal maneira,

que, se olhassem assim, publicamente,
deveria, perdoa-me, cobri-los
uma discreta folha de parreira.


Nur zum Schein

Wenn vor Erwartung du schon bebst, mein Leben,
mir deine Lippen bietest, feucht und prall,
dein warmer Leib verströmt in vollem Schwall
die Düfte fremder Blüten – macht mich schweben;

wenn Seufzer deine Leidenschaft erheben,
die du nicht mehr verbirgst durch einen Wall,
wenn Satyrs Küsse finden Widerhall
und Rosen ihres Purpurs sich begeben;

und deine Augen ausdruckslos erscheinen,
nur träge, ruhig, einen Spaltbreit offen,
wenn alles dies, mein Lieb, du zeigen wolltest

vor Leuten. Würden die noch Gutes meinen?
Nur falls die Augen du – verzeih! will's hoffen –
diskret mit einem Weinblatt decken solltest.

© W. Herrmann (10.06.2021), für die freie
Übertragung aus dem brasilianischen Portugiesisch

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Links:
Die Biografie des Dichters            Das Sonett Por Decoro

Sonntag, 5. April 2020

Vanitas – leerer Schein

Jan Sanders van Hemessen (1500-~): Vanitas (1535/40)
Allegorie; Palais des Beaux-Arts de Lille; via Wikimedia Commons; gemeinfrei

Vanitas – leerer Schein
- Nachdichtung nach Hoffmanswaldau -

Es wird der Tod mit seiner kalten Hand
dir mit der Zeit um deine Stirne streichen;
der zarten Lippen Rot, es wird verbleichen,
die weißen Schultern werden kalter Sand.

Der Augen Blick, die Kräfte deiner Hand,
für den, den‘s trifft, die werden zeitlich weichen;
das Haar, das noch kann Goldes Ton erreichen,
wird einmal werden nur gemeines Band.

Der schöne Fuß, die lieblichen Gebärden,
die werden Staub und nichts und nichtig werden –
denn niemand opfert mehr der Gottheit Pracht.

Dies und noch mehr muss endlich untergehen;
zu aller Zeit kann nur dein Herz bestehen –
dieweil es die Natur so schön gedacht.


© Luzie-R (für die Nachdichtung)
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Textquelle:
Interpretation:

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (1616-79):
Sonnet. Vergänglichkeit der schönheit
- Erstveröffentlichung 1695 zu Leipzig -

Es wird der bleiche Todt mit seiner kalten Hand
Dir endlich mit der Zeit um deine Brueste streichen /
Der liebliche Corall der Lippen wird verbleichen;
Der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand /

Der Augen suesser Blitz / die Kraeffte deiner Hand /
Fuer welchen solches faellt / die werden zeitlich weichen /
Das Haar / das itzund kan des Goldes Glantz erreichen /
Tilgt endlich Tag und Jahr als ein gemeines Band.

Der wohlgesetzte Fuß / die lieblichen Gebaerden /
Die werden theils zu Staub / theils nichts und nichtig werden /
Denn opfert keiner mehr der Gottheit deiner Pracht.

Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen /
Dein Hertze kan allein zu aller Zeit bestehen /
Dieweil es die Natur aus Diamant gemacht.

Anm.:
Das sechshebige Sonett wurde in der Nachdichtung in ein fünfhebiges umgewandelt.
Sein Inhalt – von Hoffmannswaldau als Liebesgedicht geschrieben – ist sozusagen auch in anderen Hinsichten aktuell geblieben.

Freitag, 17. August 2018

André Bretons Poem "L'union libre" – neu übertragen u.d.T. "Freies Bündnis" (statt "Freie Liebe")

Veröffentlicht in der letzten Ausgabe der Zeitschrift La révolution surréaliste am 15. 12. 1929

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André Bretons surrealistisches Poem "L'union libre" von 1931, in [1] enthalten, später eingedeutscht unter dem Titel "Freie Liebe", gehört zur Handvoll der wichtigsten Gedichte des 20. Jahrhunderts.
Darin beschreibt, ja verherrlicht Breton seine (damalige!) Gefährtin Suzanne Muzard mit allen möglichen Metaphern und Anaphern* und verwendet dafür – wie es für ein surrealis­tisches Poem typisch ist – zahlreiche unerwartete Bilder.

Das Poem wurde seinerzeit sofort in verschiedene Sprachen übertragen, nur nicht ins Deutsche. Die Deutschen zogen damals lieber ihre Knobelbecher an, um als künftige Eindringlinge den Marsch über Europas Straßen zu proben. Nach Kriegsende dauerte es dann bis 1960, ehe die heute noch gültige Übertragung [4] erschien. Die lud ich mir herunter und war von der gefühlten Dürftigkeit des Textes betroffen, bis ich einen nach dem anderen wirkliche Fehler aufspürte. Und fand, dass man das auch anders, vielleicht sogar besser bewerkstelligen könnte.

Für den Übersetzer ist das Poem allerdings ein "Hammer" und bietet Kniffliges am laufenden Band. Den Freunden der französischen Sprache kann man es als "extremen Übungsstoff" empfehlen. Diese Neuübertragung wird hier in unserem Blog im zweispaltig-zweisprachlichen Layout mit Unterstützung durch ein Tabellengitter für vergleichendes Lesen geboten (was nur mit Zweiteilung und Einrücken vieler Verse zu machen geht) und nachfolgend zum Teil auch erläutert.
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André Breton (1896 – 1966):

L'union libre (1931)


Neuübertragung unter dem Titel:

Freies Bündnis (2018)

01  Ma femme à la chevelure de feu de bois
02  Aux pensées d’éclairs de chaleur
03  A la taille de sablier
04  Ma femme à la taille de loutre
               entre les dents du tigre
Meine Frau mit einem Schopf wie ein Holzfeuer
Mit Gedanken wie Wärmeblitze
Mit der Taille einer Sanduhr
Meine Frau mit der Taille eines Otters
               zwischen den Zähnen des Tigers
05  Ma femme à la bouche de cocarde et
               de bouquet d’étoiles de dernière grandeur
06  Aux dents d’empreintes de souris blanche
               sur la terre blanche
07  A la langue d’ambre
               et de verre frottés
Meine Frau mit einem Mund wie eine Kokarde und
               wie ein Bukett aus Sternen letzter Größe
Mit Zähnen wie Spuren einer weißen Maus
               auf weißer Erde
Mit einer Zunge aus Bernstein
               und Glas berieben beide
08  Ma femme à la langue
               d’hostie poignardée
09  A la langue de poupée
               qui ouvre et ferme les yeux
10  A la langue de pierre incroyable
Meine Frau mit einer Zunge
               wie eine durchstochene Hostie
Mit der Zunge einer Puppe
               die die Augen öffnet und schließt
Mit der Zunge wie aus einem unglaublichen Stein
11  Ma femme aux cils de bâtons d’écriture d’enfant
12  Aux sourcils de bord de nid d’hirondelle
13  Ma femme aux tempes d’ardoise
               de toit de serre
14  Et de buée aux vitres
Meine Frau mit Wimpern wie Kinderschreibstifte
Mit Brauen wie der Rand eines Schwalbennestes
Meine Frau mit Schläfen wie der Schiefer
               vom Dach eines Gewächshauses
Und wie der Beschlag auf den Fensterscheiben
15  Ma femme aux épaules de champagne
16  Et de fontaine à têtes de dauphins
               sous la glace
17  Ma femme aux poignets d’allumettes
18  Ma femme aux doigts de hasard
               et d’as de coeur
Meine Frau mit Schultern wie Champagner
Und eines Brunnens mit Delfinenköpfen
               unter einer Eisschicht
Meine Frau mit Handgelenken wie Streichhölzer
Meine Frau mit Fingern wie beim Glücksspiel
               und mit einem Herz-As
19  Aux doigts de foin coupé
20  Ma femme aux aisselles de martre
               et de fênes
21  De nuit de la Saint-Jean
22  De troène et de nid de scalares
Mit Fingern wie geschnittenes Heu
Meine Frau mit Achselhöhlen des Marders
               und des Fruchtbechers vom Buchecker
Wie die Nacht auf Johanni
Wie Liguster und wie das Nest von Skalaren
23  Aux bras d’écume de mer et d’écluse
24  Et de mélange du  blé et du moulin
25  Ma femme aux jambes de fusée
26  Aux mouvements d’horlogerie
               et de désespoir
Mit Armen wie die Gischt in Meer und Schleuse
Und einem Gemenge aus Weizen und Mühle
Meine Frau mit Beinen wie eine Rakete
Mit den Bewegungen eines Uhrwerks
               und aus Verzweiflung  
27  Ma femme aux mollets de moelle de sureau
28  Ma femme aux pieds d’initiales
29  Aux pieds de trousseaux de clés
               aux pieds de calfats qui boivent
30  Ma femme au cou d’orge imperlé
Meine Frau mit Waden wie Holundermark
Meine Frau mit Füßen wie Initialen
Mit Füßen wie Schlüsselringe
               an den Füßen zechender Kalfaterer
Meine Frau mit einem Hals wie ungeschälte Gerste
31  Ma femme à la gorge de Val d’or
32  De rendez-vous dans le lit même du torrent
33  Aux seins de nuit
34  Ma femme aux seins
               de taupinière marine
Meine Frau mit einer Kehle wie das Val d’Or
Wie ein Rendezvous mitten im Bett des Wildbachs
Mit Brüsten wie die Nacht
Meine Frau mit Brüsten
               wie Maulwurfshügel des Meeres
35  Ma femme aux seins
               de creuset du rubis
36  Aux seins de spectre de la rose sous la rosée
37  Ma femme au ventre de dépliement
               d’éventail des jours
Meine Frau mit Brüsten
               wie ein Schmelztiegel für Rubine
Mit Brüsten vom Spektrum einer taubedeckten Rose
Meine Frau mit einem Bauch
               der die Tage wie einen Fächer entfaltet
38  Au ventre de griffe géante
39  Ma femme au dos d’oiseau
               qui fuit vertical
40  Au dos de vif-argent
41  Au dos de lumière
Mit dem Bauch wie eine riesige Klaue
Meine Frau mit dem Rücken eines Vogels
               der vertikal entflieht
Mit einem Rücken wie Quecksilber
Einem Rücken aus Licht
42  A la nuque de pierre roulée
               et de craie mouillée
43  Et de chute d’un verre
               dans lequel on vient de boire
44  Ma femme aux hanches de nacelle
Mit einem Nacken wie gerollter Stein
               und wie feuchte Kreide
Und wie das Fallen eines Glases
               aus dem eben noch getrunken wurde
Meine Frau mit Hüften wie ein Nachen  
45  Aux hanches de lustre et de pennes de flèche
46  Et de tiges de plumes de paon blanc
47  De balance insensible
48  Ma femme aux fesses
               de grès et d’amiante
Mit Hüften wie Glanz und Befiederung eines Pfeils
Und den Federstielen des weißen Pfaus
In gleichbleibender Schwebe
Meine Frau mit dem Gesäß
               wie Sandstein und Asbest
49  Ma femme aux fesses de dos de cygne
50  Ma femme aux fesses de printemps
51  Au sexe de glaïeul
52  Ma femme au sexe de
               placer et d’ornithorynque
Meine Frau mit dem Gesäß wie ein Schwanenrücken
Meine Frau mit dem Gesäß wie der Frühling
Mit dem Geschlecht wie eine Gladiole
Meine Frau mit dem Geschlecht wie
               ein Grabungsort und wie ein Schnabeltier
53  Ma femme au sexe
               d’algue et de bonbons anciens
54  Ma femme au sexe de miroir
55  Ma femme aux yeux pleins de larmes
Meine Frau mit dem Geschlecht
               wie Algen und alte Süßigkeiten
Meine Frau mit dem Geschlecht wie ein Spiegel
Meine Frau mit Augen voller Tränen
56  Aux yeux de panoplie violette
               et d’aiguille aimantée
57  Ma femme aux yeux de savane
58  Ma femme aux yeux d’eau
               pour boire en prison
Mit Augen wie eine violette Rüstung
               und wie eine Magnetnadel
Meine Frau mit Augen wie Savannen
Meine Frau mit Augen wie Wasser
               nach dem man im Kerker lechzt
59  Ma femme aux yeux de bois
               toujours sous la hache
60  Aux yeux de niveau d’eau de niveau
               d’air de terre et de feu.
Meine Frau mit Augen wie ein Wald
               der jederzeit unter die Axt kommen kann
Mit Augen auf der Höhe des Wasserspiegels
               und des Luftstroms über Land und Feuer.

Text nach [1];  

verglichen mit [3]  


© Wolfgang Herrmann, 16. August 2018  

(für diese Neuübertragung a.d. Französischen)  


./.

Anmerkungen
1. Zum geänderten Titel des Poems
Den bislang verwendeten Übersetzungstitel "Freie Liebe" gab es als Begriff zwar 1931 schon, aber er war da noch voll durch die Frauenrechtlerinnen vereinnahmt und bedeutete durchaus nicht das, als was ihn die Deutschen 1960 "vielsagend schmunzelnd" zu verstehen pflegten. Niemand sonst ist darauf verfallen, den Titel als "Freie Liebe" zu wählen, schließlich ja auch Breton selbst nicht. Und zum "Ehebündnis" passt "Freies Bündnis" als Gegensatz doch perfekt.
2. Die Übertragung der sprachlichen Konstruktionen aus "à" und "de"
Sie stellen die Masse an sprachlicher Substanz der Verse dar. Der Autor verwendet sie zur Beschreibung der "körperlichen Eigenschaften" der geliebten Frau. Mit "à" benennt er eindeutig, was ist "ihr Besitz", und mit "de" von welcher "Art oder Herkunft" der ist (um es einmal ganz simpel zu formulieren). Es gibt alle erdenklichen Schwierigkeitsstufen: von der einfachsten (Vers 57) bis zum Ende der Fahnenstange (Vers 60).
3. Stilelemente
*) Die "Anaphern" des Originals werden strikt beibehalten bzw. übertragen. Das sind rhetorische Figuren, die durch eine fortlaufende Wiederholung in Folgeversen den Zustand von Nachdruck erzeugen. Hauptsächlich ist das "Meine Frau" (und nicht irgendeine oder gar jede, obwohl Breton mit dieser Frau nie/nicht verheiratet war).
Es werden auch keine "deutschen Stilformen" als Ersatz für die des französischen Surrealismus erdacht, weil sich gute Entsprechungen finden lassen. Um es anhand eines Beispiels zu belegen: statt den Vers 01 etwa wiederzugeben durch eine Aneinanderreihung von Elementen ohne Flexionen – wie in [4]:
.         Meine Frau ihr Haar ein Holzfeuer
kann man doch – und damit viel näher an Breton – sagen:
.         Meine Frau mit einem Schopf wie ein Holzfeuer.
4. Links auf Quellen
[1]      Maurice Nadeau: Histoire du Surréalisme, Éd. du Seuil, Paris, 3e éd. 1945, p
.         339/40 (Belegexemplar im Privatbesitz des Übersetzers).
[2]      André Breton et l’amour fou (über die Einstellung des Autors zur Liebe):
.         http://www.philosophieetsurrealisme.fr/andre-breton-et-lamour-fou/
[3]      Gedichttext und Gliederung eines Referats (franz.) für das französische Abitur:
.         http://www.bacdefrancais.net/union-libre-breton.php
[4]      Komplettansicht von Max Hölzers Über­tragung für das Kompendium [5]:
.         https://www.zeit.de/1966/41/freie-liebe/komplettansicht
[5]      „Museum der modernen Poesie“, im Suhrkamp Verlag, Frankfurt. 1960 ff,
.         herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger.


Zur Übertragung einzelner Verse
Wortschöpfungen, Fehlerbeseitigung, ergänzende Hinzufügungen kennzeichnen die eigenverantwortliche Tätigkeit des Übersetzers. Insgesamt sind im Vergleich zu [4] weniger als 10% der Verse unverändert geblieben, und das, weil sie einfach keine Neuformulierungen hergeben. Zu einzelnen Versen folgen nun die wichtigsten Änderungen (lexikalische und/oder grammatikalische Fehler in Rotschrift):

Nr.       Formulierung in [4]                               → Formulierung in der Neuübertragung
01        Meine Frau ihr Haar ein Holzfeuer → Meine Frau mit einem Schopf wie ein Holzfeuer.
04        Taille eines Fischotters → Taille eines Otters
05        ein Strauß der allergrößten Sterne → ein Bukett aus Sternen letzter Größe
06        ihre Zähne die Spur → mit Zähnen wie Spuren einer weißen Maus
07        aus geriebenem Bernstein und Glas → aus Bernstein und Glas berieben beide
.           (frotés bezieht sich auf beides, aber "aus geriebenen" wäre zu schwach)
08        eine erdolchte Hostie → eine durchstochene Hostie (s. Abdruck des Waffeleisens!)
09        ihre Zunge eine Puppe → mit der Zunge einer Puppe
10        aus seltsamem Stein → aus einem unglaublichen Stein (étrange ←/→ incroyable)
11        eine Kinderstäbchenschrift → wie Kinderschreibstifte (bâtons d’écriture d’enfant)
13        wie Dachschiefer eines Treibhauses → wie der Schiefer vom Dach eines
.           Gewächshauses
14        wie ein Hauch auf Scheiben → wie der Beschlag auf den Fensterscheiben
16        wie eine Quelle → eines Brunnens
20        Achselhöhlen wie Marder Haselnüsse → mit Achselhöhlen des Marders …
.           Buchecker
23        Meer und Schleusenschaum → die Gischt in Meer und Schleuse
24        Korn und Mühle zugleich → Gemenge aus Weizen und Mühle
26        und vieler Uhrwerke → Bewegungen eines Uhrwerks (Einzahl!)
29        an den Füßen der Kalfaterer die trinken → an den Füßen zechender Kalfaterer
32        Rendez-vous tief im Bett → Rendezvous mitten im Bett des Wildbachs
34        mit Brüsten wie Maulwurfshügel → wie Maulwurfshügel des Meeres
35        Schmelztiegel von Rubinen → Schmelztiegel für Rubine
37        gleich dem Fächer der sich entfaltet → der die Tage wie einen Fächer entfaltet
39        meine Frau ihr Rücken ein Vogel → Meine Frau mit dem Rücken eines Vogels
42        mit dem Nachen aus gerolltem Stein → mit einem Nacken wie gerollter Stein
43        Fallen eines eben geleerten Glases → Fallen eines Glases aus dem eben noch
.           getrunken wurde
46        Federschäften des weißen Pfaus → Federstielen des weißen Pfaus
47        unbewegliche Waage → In gleichbleibender Schwebe
50        meine Frau ihr Gesäß ein Frühling → meine Frau mit dem Gesäß wie der Frühling
53        wie Algen und alte Bonbons → wie Algen und alte Süßigkeiten
58        wie Wasser das man im Kerker trinkt → wie Wasser nach dem man im Kerker lechzt
59        mit Augen wie Holz das immer unter der Axt → mit Augen wie ein Wald der jederzeit
.           unter die Axt kommen kann (bois ←/→ forêt)
60        auf der Höhe des Wassers auf der Höhe der Luft aus Erde und aus Feuer →
.           auf der Höhe des Wasserspiegels und des Luftstroms über Land und Feuer.
            → Dies scheint der einzige nicht eindeutig interpretierbare Vers zu sein: hier die  
.           Variante mit zusätzlichem "und". Jedenfalls ist niemand bisher aufgefallen, dass
.           Breton hier die 4 Elemente als Maßgabe für etwas Vollkommenes (Schönheit der
.           Frau) nennt – aber den Vers hätte er vielleicht besser bauen sollen …

elbwolf, 17.08.2018