Der 23-jährige Ludgero
Baptista hatte sich Hals über Kopf in die noch junge stadtbekannte Schönheit
Laura Rosa verliebt, die Kommandanten-Gattin. Um ihre Aufmerksamkeit zu
erringen und die Verehrer auszustechen, schrieb er ein gefühlvolles Sonett –
setzte aber in unverzeihlicher Weise Lauras Namen in eine der Strophen und
seine Initialen darunter. Die Verse erreichten zwar ihr Ziel, aber für den
jungen Mann folgte gar nichts weiter. Nach langer Wartezeit schlug er sich die
Sache aus dem Kopf, erlernte einen Beruf und wurde erfolgreicher Fabrikant.
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Mit 37 Jahren verspürte
Ludgero dann doch den Wunsch, eine eigene Familie zu gründen. Bei Freunden
lernte er Blandina kennen, eine interessante, etwas romantische junge Frau von
23. Kurz – sie heirateten. Nach über zehn sehr glücklichen Jahren begann Ludgero,
nun fast 50, sein einsetzendes Alter gegen Blandinas anhaltende Jugendlichkeit
kritischer zu sehen, er "wurde unruhig und beobachtete mit eifersüchtigen
Augen, was um ihn herum geschah".
Und tatsächlich fand er heraus, dass um sein Haus ein sehr junger Mann herumlungerte.
Zufällig sah er auch, wie der an einer Hausecke dem Koch einen Brief übergab.
Ludgero versteckte sich und "fing das Schreiben genau in dem Moment ab, in
dem es aus den Händen des Vermittlers an seine Frau überging". Blandina erschrak,
brach in Tränen aus, beteuerte ihre Unkenntnis, wer der Absender sei und
schwor, "dass sie diesen Brief ungeöffnet zurücksenden würde!" Aber
Ludgero durchkreuzte – zitternd vor Aufregung – dieses Ansinnen: er zerriss den
Umschlag – und fand darin ... ein Gedicht, dessen erster Vers so ging:
Seit
jenem Tag, als ich voll Glück und Staunen ...
Auf einen Blick und mit
unfassbarem Erstaunen erkannte Ludgero sein eigenes Sonett, das er vor über 25
Jahren Laura Rosa hatte zukommen lassen und das nie beantwortet worden war. Und
natürlich lautete der seinerzeitige Vers des Anstoßes nun
Oh
schöne Blandina, den erbet'nen Kuss, ...
was den Rhythmus störte –
ein Poet war der junge Mann also auch nicht!
Ludgero lachte befreit auf,
kramte sein Sonett aus einer alten Schublade vor, zeigte es seiner Frau und
eröffnete ihr, dass er "früher" selber Verse geschrieben habe. Damit
war die "Affäre" aus der Welt, ehe sie zu einer geworden wäre; nun
aber kam auch noch der Schalk zu seinem Recht.
Ludgero dichtete für seine Blandina
ein Antwort-Sonett an den "Kopisten", ließ es von ihr in ihrer
Handschrift abschreiben und übergab es dem jungen Mann persönlich, als er ihn
das nächste Mal ums Haus schleichen sah:
’∕‚
RESPOSTA
Para satisfazer ao seu pedido,
Na parte da denúncia e não do beijo,
Revelei a meu dono o seu desejo.
Os versos entreguei a meu marido.
Este em vez de ficar enfurecido,
E de agarrar um ferro malfazejo,
Tomou a coisa á conta de gracejo,
E pôs-se a rir como um perdido!
Pois se e ele o autor do tal soneto!
O senhor copiou-o da Nova Aurora,
Estragando-lhe apenas um quarteto...
Ele, que a Musa já mandou embora,
Cede-lhe os versos (discrição prometo),
Mas não quer sociedade na senhora.
ERWIDERUNG
Bei dem Ersuchen,
das Sie an mich stellen,
erübrigt sich die Bitte nach dem Kuss;
und weil ich meinem Mann nichts beichten muss,
wollt' er nach Ihrem Vers ein Urteil fällen.
Um sich die Laune selbst nicht zu vergällen
jedoch zu knacken diese harte Nuss,
nahm er's für einen Scherz – so sein Entschluss;
befreites Lachen hört ich gleichsam quellen.
Er dichtete vor Jahren dies Sonett –
das Sie zu Unrecht lediglich kopierten.
Nun drängt er Sie zu eigenem Quartett!
Die Muse zählt ihn nicht als Motivierten;
Ihr Vers entschädigt ihn – ich schweig honett.
Auch wünscht er nicht, dass wir uns je liierten!
© W.
Herrmann (12.02.2022), für die freie
Übertragung aus dem brasilianischen Portugiesisch
Liebe Leserinnen und Leser unseres Blogs!
Ludgero liebte seine Blandina (und sie ihn), wie die Liebe
größer nicht sein und nicht werden könnte.Mir will scheinen,
dass diese Geschichte an das Ende vieler Märchen unserer
Gebrüder Grimm erinnert: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben
sie noch heute!"
Dennoch schwingt im Hintergrund das Gefühl der Eifersucht irgendwie mit und
ist Anlass, hier eine der Darstellungen des Malers Munch von diesem Thema
beizugeben:
Edvard Munch (1863-1944): Jealousy, 1913-15; |
© elbwolf, für Nacherzählung und Gestaltung des Beitrags.
Anm.: Entgegen der Ankündigung wird der obige Teil-2 des Beitrags
sofort im Anschluss an Teil-1 zum Posten freigegeben, nicht erst Mitte März.
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