Hier schreiben Hobbydichter für Lyrik-Freunde – meist Gereimtes und nur Druckreifes! Willkommen also, viel Vergnügen mit unseren Gedichten und deren Bebilderung!

Aufrufe unseres Blogs erfolgen automatisch mit Sicherheitsprotokoll "https". Am 18. Mai 2022 hatten wir unseren 600. Beitrag in den Blog gestellt!

Bereits seit Jahresbeginn bringen wir neue Folgen an Kalenderblättern und Monatsbildern. Darum herum dann das, was sich an Einfällen so ergibt – man wird sehen! Nun ja, was man auch sieht: wir "unterschlagen" seit einer ganzen Weile auch einen gewissen Anteil an sanfter Erotik nicht länger - die Zeiten sind eben so ...

Wir teilen den Lesern unseres Versbildners mit und bitten um Verständnis, dass wir auch weiterhin das monatliche Angebot auf 6 Beiträge beschränken - die Kontaktarmut dieser Zeit bringt leider auch eine gewisse Ideenarmut mit sich. Neueinstellungen erfolgen damit um die Kalendertage des 1., 6., 11., 16./17., 21./22., 25.-27. eines Monats.

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Mittwoch, 16. August 2023

Wenn du mich magst

Ludwig Hofmann-Zeitz (1832–1895):  Fensterln – bayerischer Brauch;
Stich (vor 1896); via Wikimedia Commons; gemeinfrei.


  Wenn du mich magst


Wenn du mich magst,
Dann lass mich leben!
Erdrück mich nicht
Mit deiner Last.
Was nützt es dir,
Wenn ich mich beuge
Und du mich dann verloren hast?

Wenn du mich magst,
Dann lass mich atmen!
Angst höhlt mich aus
Und engt mich ein.
So, wie du wolltest,
Dass ich wäre,
So könnt ich ohne Ängste sein.

Wenn du mich magst,
Dann lass mich lachen,
Auch wenn du meinst,
Das steht mir nicht.
Ich bin so froh
In jenen Stunden
Und Sorge hat dann kein Gewicht.

Wenn du mich magst,
Dann lass mich leben!
Verform mich nicht
Nach deinem Bild!
Ich müsste eine Maske tragen
Und für die Seele einen Schild.

Wenn du mich magst,
Dann lass mich lieben
Auf meine Art,
Die dir zu bang.
Die großen Flammen lodern heller,
Die kleinen dafür wärmen lang.

© A. Weinhart

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Anm.:
Den letzten Beitrag für Monat August posten wir am 24.08.2023.

Sonntag, 16. Mai 2021

Liebessehnsucht–3/3; Allein (L. Winrich a. G.)

 
Paul Hoecker (1854-1910): "Abend" (1897).
Foto: Gerhard Becker, Neuried; via Wikimedia Commons; gemeinfrei
.
 
Allein

Ich gehe an deiner Seite –
und doch nicht mit dir.
Deine Schritte folgen meinen Spuren,
aber sie gehen ihren eigenen Weg.
Ich höre deine Worte,
doch du sprichst nicht mit mir.
Die Stille deines Schweigens
Ist unerträglich.

Die Vögel singen.
Das Gras wächst.
Die Blätter wispern.
Hörst du den Wind?
Siehst du das Blau?

Fühlst du die Hand,
die nach deiner sucht,
weil sie Halt braucht,
um sicher zu gehen
über die Stolpersteine
des Lebens,
die kantig und scharf
die Sohlen schneiden?

Keine Hand,
kein Fuß
kein Laut
kein Du,
kein Wir.

Nichts.

© L. Winrich (a. G.)

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Anmerkung:
Die im März begonnene kleine Gedichtereihe von L. Winrich haben wir in den beiden Monaten April und Mai fortgesetzt.

Freitag, 16. April 2021

Liebessehnsucht–2/3; Liebe mit fünfzehn (L. Winrich a. G.)

Lovis Corinth (1858-1925): "Großmutter und Enkelin" (1919).
Niedersächs. Landesmuseum Hannover; via Wikimedia Commons; gemeinfrei
.

  
Liebe mit fünfzehn
(Gedanken zwischen Enkelkind und Großmutter)

Was weiß ich wirklich von der Liebe?
Nur das, was in den Büchern steht. –
Liebt nur die Jugend, nicht das Alter?
Wie liebt man, wenn die Zeit vergeht?

Wann ist die Liebe nicht mehr Liebe,
Wann ist Gefühl nur kalter Hauch?
Wann bleibt die Liebe auf der Strecke,
Erstarrte Glut, verwehter Rauch?

Ich höre, lese, frage, schaue,
Bin von der Antwort weit entfernt.
Das 'Schmetterling im Bauche' fühlen
Hab ich bis heut noch nicht gelernt.

Das Lieben muss man sorgsam üben,
Nicht überstürzt und mit Respekt;
Gefühl ist eine zarte Pflanze,
Die sanft von einem Kuss geweckt.

Grad so beschreiben es die Dichter.
Noch kenn ich nur die Theorie.
Doch ich will ehrlich lieben lernen
Und nicht nur in der Fantasie!

Will mich nicht vor der Liebe fürchten,
Will leben lernen mit Verlust.
Aus vollem Herzen will ich geben,
Der Liebe immer ganz bewusst.

© L. Winrich (a. G.)

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Anmerkung:
Die im März begonnene kleine Gedichtereihe von L. Winrich führen wir in den beiden Monaten April und Mai hier fort.
Die vierzeiligen Strophen dieses Gedichts sind vierfüßige Jamben in Wechselreimung.

Samstag, 13. März 2021

Liebessehnsucht-1/3: Lieben lernen (L. Winrich a. G.)

Edmund Blair Leighton (1852-1922): "Der abgewiesene Antrag" (1899).
Manchester Art Gallery; via Wikimedia Commons; gemeinfrei
.

 

Lieben lernen
/in rhythmisch freien Strophen/

Warum hat sie keiner das Lieben gelehrt?
Das Schmusen, das Kosen, das Schmeicheln?
Die Mutter, die meinte, es sei verkehrt –
Man sollte ein Mädchen nicht streicheln.

Es sollt` eher lernen, sich einzufügen,
Nicht nachzufragen, den Blick zu senken,
Stets freundlich zu sein und nicht zu lügen,
Dem Alter ehrende Achtung zu schenken.

Das hat sie getan. Doch es hat ihr gefehlt,
Von Liebe gar nie berührt zu werden
Sie hat das auch ihrem Liebsten erzählt,
Der meinte, das sei so auf Erden.

Er hat es wohl selbst nicht anders erfahren,
Vermisste es nicht und lebte dahin
Bis sie sich fragte, nach vielen Jahren,
War das mein Leben, und war es sein Sinn?

Doch kann sie denn jetzt, wo alles vorüber,
Noch immer klagen, dass es ihr fehlt?
Sie legt drum schweigend den Schleier darüber,
Und grübelt weiter, obwohl es sie quält.

© L. Winrich (a. G.)

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Anmerkungen:

Die kleine Gedichtereihe von L. Winrich wird in den kommenden beiden Monaten fortgeführt. Die Einordnung dieses Gedichtes unter die verschiedenen Gedichtformen erfolgte nach Stummer, am früher a. O., S.192.

Die Bildbeschreibung durch den Bildeigner, die Manchester-Galerie, lautet:
"A sentimental, historical scene representing figures in eighteenth-century dress. The painting depicts a garden scene looking along a river path with a small wooden bridge in the foreground, a house in the background seen through the trees to the right. A young woman in a floral dress and straw hat sits on a wooden seat on the left side of a bridge, her hands clasped round one knee, with eyes downcast. In the background to the right a man in breeches and a long coat is walking away, his head bowed and his hands clasped behind his back.
"

Sonntag, 10. Januar 2021

Haaresbreite

Alméry Lobel-Riche (1877-1950): Französ. Buchillustration, Titel unbekannt.

  
Nur um Haaresbreite ...

Ganz sicherlich besteht eine Balance,
die ein sich Nehmenlassen unterscheidet
von Hingabe – eröffnend uns die Chance,
dass man nicht fortwährend dasselbe meidet.

Gefühlvoll ist dies Zünglein an der Waage –
die kommt zum Ausschlag schnell nach einer Seite.
Nicht selten stellt darauf sich gleich die Frage,
was anders war – sei es nur Haaresbreite ...

Geschaffen ist die Waage, um zu wägen;
sie braucht dazu auch ihre zwei Gesichter
und müsste sicherlich uns weder prägen
noch dienen uns als ewiglicher Schlichter.

Sei zwischen gestrig Tun und dem von heute
um Haaresbreite andre Art zu spüren:
wer diesen Unterschied sich nähm' als Beute,
der könnte wohl den anderen – verführen!

        Anonymer französischer Künstler um oder vor 1925: Radierung (Detail).

versemacher, 09.01.2021

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Hingabe
ist eine Selbstauslieferung an einen anderen Menschen, aber genauso an eine Idee, Aufgabe oder an ein Erlebnis. In der Liebe mag häufig die Aktivität beim Mann, bei der Frau die Passivität vorherrschen – aber oft werden diese Rollen auch vertauscht, so dass die Frau führt und der Mann sich ausliefert.

In der Kunst finden sich Darstellungen von Hingabe in ungewöhnlicher Zahl, so dass im Nu eine ganze Ausstellung von (leider nicht gemeinfreien) Bildern zusammengebracht werden könnte.

Freitag, 13. November 2020

Wenn du mich magst (mit L. Winrich a. G.)

Foto & © Vaniliza: Liebesbrücke (11.10.2018; Region Šumadija, Zentralserbien)
via Wikimedia Commons; Liz. CC BY-SA 4.0

Wenn du mich magst

Wenn du mich magst,
dann lass mich leben,
erdrück mich nicht mit deiner Last.
Was nützt es dir,
wenn ich mich beuge
und du mich dann verloren hast?

Wenn du mich magst,
dann lass mich atmen!
Angst höhlt mich aus
und engt mich ein.
So, wie du wolltest, dass ich wäre,
so könnt ich ohne Ängste sein.

Wenn du mich magst,
dann lass mich lachen,
auch wenn du meinst,
das steht mir nicht.
Ich bin so froh in jenen Stunden
und Sorge hat dann kein Gewicht.

Wenn du mich magst,
dann lass mich leben!
Verform mich nicht
nach deinem Bild !
Ich müsste eine Maske tragen
und für die Seele einen Schild.

 

Wenn du mich magst,
dann lass mich lieben
auf meine Art,
die dir zu bang.
Die großen Flammen lodern heller,
die kleinen dafür wärmen lang.

© L. Winrich a. G.      

Donnerstag, 21. Mai 2020

Liebe aus der Ferne (Nachdichtung)

Japanerin mit den Malen der Akupunktur.
(aus dem Forschungsbericht von Engelbert Kaempfer, erschienen postum ab 1727)

Engelbert Kaempfer (1651-1716)

gilt als der erste deutsche Forschungsreisende, war Arzt und vornehmlich Botaniker. Eine fast zehnjährige Forschungsreise (1683-93) führte ihn über Russland, Persien, Indien, Java, Siam bis nach Japan. Er sammelte zahlreiche Kenntnisse und Artefakte in diesen Regionen. Seine Schriften waren wichtige Beiträge zur frühmodernen Erforschung der Länder Asiens, prägten das europäische Japanbild des 18. Jh. und dienten selbst Anfang des 19. Jh. der Feldforschung noch als Referenzwerk. [nach Wikipedia]

Am 29.3.1691 gewährte der herrschende 5. Tokugawa-Shogun Tsunayoshi in der Residenz (dem heutigen Tokio) Kaempfer eine Audienz. Im Verlauf des Festmahls wünschte sich der Shogun allerhand praktische und künstlerische Einlagen von seinen Gästen. Als die Reihe an Kaempfer kam, stimmte der ein deutsches Liebeslied an, das er selbst zu Ehren seiner "ihm in allen Ehren treu gebliebenen Florimene" verfasst hatte und das in Stil und Sprache bis auf uns gekommen ist.
Wie aus Kaempfers weiterer Biografie ersichtlich, hat ihn sein treues Gedenken an diese Jugendliebe wohl manches Mal getröstet. Heiraten aber hat er nach der Rückkehr eine andere müssen, von der er sich nach unglücklicher Ehe scheiden ließ, um sein Leben in Einsamkeit – und im Kampf um die Drucklegung seiner Reiseberichte – zu beenden.
Da selbst der in die Buchausgabe von 1937 und in ein jüngeres Lesebuch eingegangene Liedtext in größeren Teilen nur schwer verständlich ist, wird hier eine Nachdichtung vorgelegt – in gleicher Metrik und verknappt um eine Strophe.

Liebe aus der Ferne
Nachdichtung eines Liebeslieds von
Engelbert Kaempfer (1691 oder früher)
– mit 4 statt ursprünglich 5 Strophen –

Meine angenehmste Pflicht
selbst in diesen fernen Welten,
wo ich dir nichts kann entgelten,
während mir das Herz fast bricht –
da will einen Eid ich schwören
ohne Zögern, ohne Scheu;
will auf ewig dir gehören;
bleiben dir für immer treu.

Was heißt Pflicht und was Entgelt?
Sollt' ich all das Schöne loben,
das du ließest mich schon proben
dort in unsrer Heimatwelt?
Solche Redlichkeit zu finden,
suchte ich geraume Zeit;
sie alleine könnte binden –
dieses Band tät' mir nicht leid.

Zu bezähmen meine Sucht
und dich, Engel, zu vergessen,
stürzte ich mich wie besessen
wider Willen in die Flucht.
Hindernisse, die nun scheiden,
Berge und der Flüsse Flut,
sind dabei nicht zu vermeiden –
sie befeuern meine Glut.

Hier, wo herrscht der Himmelssohn,
hier, in Chinas großem Reiche,
sah ich endlich beim Vergleiche,
welch ein Engel war mir schon!
Ach, du holde Florimene,
bleibst die einzige Begier –
so, wie ich mich nach dir sehne,
sehnst du sicher dich nach mir …

© elbwolf (für die Nachdichtung)
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● Quellen:
(1) Karl Meier-Lemgo: Engelbert Kaempfer - der erste deutsche Forschungsreisende, Stuttgart 1937, S. 176 (Abbildung; ebenfalls bei Wikimedia Commons) und S. 150/51 (Liedtext).
(2) Nylands Kleine Westfälische Bibliothek 45: Engelbert Kaempfer – Lesebuch ; zusammengestellt und mit einem Nachwort von Lothar Weiß. → S. 101/02 (Liedtext).

● Wenigstens diese halb-medizinische Abbildung einer fernöstlichen Schönheit hat uns der Forscher hinterlassen – wir würden aus heutiger Sicht das Bild einer Geisha oder einer Kurtisane aus jener Zeit wohl bevorzugen. Die Glanzzeit des japanischen Farbholzschnittes begann erst drei Generationen nach Kaempfers Japan-Aufenthalt.
Ein schönes und frühes Beispiel ist → Isoda Koryusai_Zwölf Kämpfe auf dem Weg der Liebe_(1776)

Mittwoch, 17. Juli 2019

Des Morgens / Zeiten für die Liebe

Philipp Otto Runge (1777-1810): Der Morgen (1. Fassung, 1808, Detail).
Hamburger Kunsthalle; via wikimedia.commons & The Yorck Project; Liz.: gemeinfrei

Des Morgens
(Liebesgedicht – nicht bloß liebes Gedicht)

Es ist noch zeitig
und dämmert kaum
wir ruhen friedvoll
im stillen Raum
Sie möchte schlafen
und zwar noch sehr
doch ich dagegen
schon gar nicht mehr
Sie trägt das lange
das rote Kleid
reicht bis zum Fuße
das heißt … zu weit
Ich möcht es heben
und wohlgemerkt
ich fühlt mich wirklich
dafür gestärkt
Mir scheint, sie lächelt
fein und verschmitzt
hat den Gedanken
mir wohl stibitzt
Leg meine Arme
jetzt fest um sie
will Liebe machen
gleich oder nie

© elbwolf, 11.07.2019
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Angemerkt:
Nebenbei lässt sich hier ein gangbarer Weg zu Paarreimern angeben, aber wohl nur bis zu einer Verslänge von 11 Silben:
Zunächst werden Strophen als Quartette geschrieben. Hier oben sind sie nur "halb-gereimt" und wegen ihrer Kürze ohne Zwischenräume (aber mit Einrückungen) und ohne Satzzeichen notiert. Schreibt man die Quartette in Paarreimer um, so kommt die Sprechpause hier nach der 5. Silbe, aber benachbarte Verse sind dort dann eben nicht binnen-gereimt (was aber bei Wechselreimung der Fall wäre). Da alle Verse jambisch sind und die nicht-mitreimenden übervollständig, so folgen hier an der Sprechpause außerdem zwei unbetonte Silben aufeinander:

Es ist noch zeitig und dämmert kaum                 u-u-u||u-u-
wir schliefen friedvoll im stillen Raum                 u-u-u||u-u-
… usw. usf. …

Wer meint, er hätte doch schon irgendwo etwas "Ähnliches" …? Bravo!
Link: http://www.handmann.phantasus.de/g_gefunden.html

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Zeiten für die Liebe

Die kurze Blütezeit in unsrem Leben              
setzt für die Liebe nirgends eine Schranke:   
auf anderes zu richten unser Streben             
erscheint als unzweckmäßiger Gedanke.       

An jedem rüttelt späterhin das Alter …           
Beständigkeit gilt es dann zu beachten,         
man hofft auf einen Partner-Mitgestalter        
noch nicht Erlebten, aber Angedachten.        

Ein Tag hat weiter vierundzwanzig Stunden, 
doch kaum, um sich in jeder hinzugeben –    
wer ist der Dämmerung so eng verbunden,   
wer will im Licht Mysterien erleben?               

Die Fetzen müssten ja nicht dauernd stieben –
erhielte sich nur Vorliebe fürs Lieben!   
        
© elbwolf, 16.07.2019
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Ursprünglich hatte ich auf Kommentare zu 'Des Morgens' antworten wollen (das zuvor schon an anderer Stelle eingestellt war), aber nach drei Quartetten in Kreuzreimung erschien mir der Text eigenständig zu werden und ich habe ihn mit einem abschließenden Paarreim als englisches Sonett ausgegeben.

Montag, 9. Oktober 2017

Erwartung – Sonetto d'amore

David Inshaw (* 1943, brit. Pop-Künstler): The Rucksack (Anticipation; dt. Erwartung), 1994/95
Urheber+©: The artist, 17.02.2011; Quelle: wikimedia.commons; Liz.: CC BY-SA 3.0
( http://www.davidinshaw.net/gallery.html )
        
        Erwartung – Sonetto d'amore

Erwartungsvolle Röte auf die Wangen
hat ihnen nicht die Scham dorthin getrieben,
die Neugier ist seit jener Zeit geblieben,
als erstmals überwog nur noch Verlangen.

Nie mehr um köstliche Momente bangen,
die innig festzuhalten sie so lieben;
denn Unbedachtheit lässt sehr leicht zerstieben,
was kaum danach geht wieder zu erlangen.

Ein Schauer jagt den nächsten, wie ein Beben,
das Liebende so gut zu deuten wissen,
durch jedes Miteinander neu beleben.

Die Nähe ist es, die sie so vermissen,
wenn Schicksal oder Zufall beide trennen –
zu der selbst dann sie weiter sich bekennen.

© elbwolf (W.H., 09/2017)
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Nachgehakt:
Auf Inshaw's Webseite (http://www.davidinshaw.net/07.html) heißt es zum Bild:
The Rucksack (Anticipation) is … set on a beach. Two figures towel themselves after their swim in front of a dark rock. Around them a squadron of black headed gulls all pointing somewhat officiously in the same direction, ignore them. The rucksack itself stands guard, a sort of scrotum of possibilities.
In der Übertragung etwa:
Der Rucksack (Erwartung) spielt sich in einer Bucht ab. Zwei Figuren trocknen sich nach dem Schwimmen vor einem dunklen Felsen ab. Um sie herum eine Schar schwarzköpfiger Möwen, die irgendwie gleich ausgerichtet sind und die beiden ignorieren. Der Rucksack steht wie ein Wächter (wo? in der rechten unteren Bildecke!), eine Art Behältnis für jegliche Möglichkeiten.
- - - - - -
Eine Anmerkung von mir:
Warum der Künstler das aus dem Deutschen stammende Wort Rucksack gewählt hat, fällt mir schwer zu erraten, aber tatsächlich hat das Englische drei Übersetzungen für unseren Rucksack: backpack, rucksack, packsack!
Den Bildinhalt erkläre ich mir so: Ja, es ist eine Erwartung – wenn die beiden die weißen Tücher werden fallenlassen, erblicken sie, wie sie sind, und sie werden einander "erkennen". Deutlicher braucht man es wirklich nicht zu sagen …

Das Sonett wurde einige Tage früher in der Rubrik "Eigene Gedichte" der Community Seniorenportal gepostet und hat dort ein Dutzend User-Kommentare ausgelöst, vornehmlich zum Bild von David Inshaw. Diese Webseite geht beim Klick auf den folgenden Link in einem neuen Fenster zu öffnen, nach dessen Schließen man sich wieder hier auf Versbildner befindet: zu den Kommentaren !

Montag, 8. Mai 2017

Die Morgengabe

Buchtitel einer Anthologie aus Ausgaben
der Deutschen Buchgemeinschaft; Anfang der 1920/30er Jahre


Die Morgengabe
Stanzen o. Ottaverimen

Erkenntlichkeit durch eine Morgengabe
bezeugt der Mann ihr nach verbrachter Nacht,
wie sehr er sich im Nachhinein noch labe
an all dem Neuen, das er nie gemacht;
und erst die Dinge, die man vor sich habe,
sind überhaupt nicht einmal angedacht.
Am ersten Morgen ginge das als Sicht,
auf Dauer brauchte es wohl mehr an Licht.

Da stünde Morgengabe für das Hoffen,
das man beim Kennenlernen nur erahnt,
in Wahrheit fühlt man sich doch leicht betroffen –
es ist nicht abzusehn, was sich noch bahnt.
Denn Mögliches steht nie auf ewig offen,
zur Eile andrerseits sei nicht gemahnt …
Wie wahrt man also eigenes Gesicht,
und äußert andrerseits nicht den Verzicht?

Was wäre eine Gabe für den Morgen
an einem nahezu schon jeden Tag?
Was nähme unversehens alle Sorgen,
die Misslichkeiten, die man gar nicht mag?
Ihr wollt euch hier von mir Ideen borgen?
Ich ahne es: ihr nehmt mich in Beschlag …
So wisst –  ich kenne ein Vergissmeinnicht
und widme der Erwählten ein Gedicht!

elbwolf, 7.5.2017

Sonntag, 11. Dezember 2016

Der Tanz


Pierre-Auguste Renoir (1841 – 1919)
Tanz auf dem Land (1883)  |. Tanz in der Stadt (1883) 
(Standort: Musée d'Orsay, Paris; Quelle: wikimedia.commons & The Yorck Project; gemeinfrei)


Der Tanz
Englisches Sonett

In deinen Armen sicher schweben
mit daunenfederleichtem Schwung
Ich war so glücklich und so jung
und mittendrin in meinem Leben.

Es war ein Walzer, den wir hatten
Im Sommer der Vergangenheit
So lang, so süß, voll Seligkeit.
Verschwunden waren alle Schatten,

Minuten der Unendlichkeit
Als unsre Körper sich berührten
Mich deine Arme sicher führten
War für die Liebe ich bereit.

Der Tanz war aus, du löstest deine Hand
Der Zauber brach, die Illusion verschwand.

© immergrün (A.W.)

Samstag, 10. Dezember 2016

Versonnen …


Wandbild aus Theben (Ägypten): "Die drei Musikantinnen"
(Auch schon 1422-1411 v. Chr. gab es die Schlanken und Zierlichen)
Quelle: Orbis Pictus vol. 30 & The Yorck Project; lizenzfrei.


Versonnen in eine, die nahestand
Sonett

Sie war die Zierlichste von allen Damen,
Die sich in Zärtlichkeit verstricken ließ,
Bisweilen etwas auszudenken hieß,
Das überwände altgewohnten Rahmen.

Verspielt ergab sich mancher neue Namen,
Der das Besondre eines Reizes pries,
War, so benannt, dann gleichsam ein Avis
Für die Erlebnisse, die Fahrt bekamen.

Gar manches Mal sah ich sie an, versonnen,
Sie schien das junge Mädchen noch zu sein,
Doch war die reife Frau in ihr gewonnen.

So sanft wie kenntnisreich noch obendrein –
Was sie geschenkt, wird gegenwärtig bleiben,
Und nichts soll die Erinnerung vertreiben.

© elbwolf (WH), 2016

Dienstag, 30. Juni 2015

Sonett auf eine neue Liebe


Newrew, Nikolai Wassiljewitsch (1830–1904):  Brautschau, 1888.
Standort: Moskau, Tretjakow-Galerie;
In den Kunstsammlungen Chemnitz gezeigt auf der Peredwishniki-Ausstellung 2012




Sonett auf eine neue Liebe

Die auch beim zweiten Blick noch wär' adrett,
wär' von Beständigkeit, die nie zerstiebe,
die an Erschwernissen sich nicht zerriebe,
die nähm ich gern, wär' sie auch kaum kokett.

Was stichelt ihr, ich suchte was fürs Bett!
Auch fern vom Laken will ich kein Getriebe,
will ganz im Gegenteil, dass alles mir so bliebe,
ich gebe nicht gern täglich neu Bankett ...

Ihr werdet es ja doch niemals erraten:
ich hab euch eingelullt mit der Idee,
die ich jetzt unter euch werf' als Dukaten.

Fängt jemand sie, so dass es jeder seh?
Ich forme Verse hier auf neue Liebe,
so, wie ein Suchender die eben schriebe …

© elbwolf, 09.06.2015

Sonntag, 9. November 2014

Nicht länger nur Wunschbild


P.-A. Renoir (1841-1919): Kahnfahrendes Paar (wohl Renoir mit seiner späteren Frau Aline), ~1881
Standort: Boston; Quellen: commons/wikimedia via Google Art Project dito The Yorck Project (Nr. 8243)
Liz.: gemeinfrei / public domain in countries with a ©- term of life of the author plus 90 years or less.
Ein Mann sieht sich unerwartet seinem Wunschbild von Frau gegenüber.
Renoir gibt das auf einzigartige Weise wieder und bleibt uns gegenwärtig.



Ich, Ich, Ich? – Du!

Ich
stell mir dich im Kopfe vor,
Wie ich dich gern erlebt;
Mein wacher Geist schon oft beschwor;
Seit langer Zeit erstrebt.

Ich zeichne dir die Bilder auf,
Die sämtlich nur gedacht,
Und die mir bisher stets zuhauf
Versuchung eingebracht.

Ich form für dich die Worte all,
Die durchweg ungesagt,
Mir sprudeln in so großem Schwall,
Obwohl sie recht gewagt.

Du stehst auf einmal da vor mir,
Sprichst mich ganz zärtlich an;
Was ich erhofft, kommt nun von dir
Und schlägt mich in den Bann.

elbwolf (2010 – ’14)
anfangs u. d. T. "In den Bann geschlagen"

Dienstag, 7. Oktober 2014

Vom Nabel – in die Welt (Genre-Verse)

Fotografin: Paula Rey (Barcelona): Verhüllte Nacktheit (Veiled Nudity) für „Wikinews Graphic“ (2007)
Quelle: Wikimedia Commons, das freie Medienarchiv; Galerie„Frauennäbel“ {originell + piekfein!}
Liz.: Creative-Commons-Lizenz 2.0 generisch

Vom Nabel – in die Welt

Genre-Verse, hier in der Art eines gemäßigt-lustvollen Reiseberichts

In Weibes Mitte liegt der Nabel -          
an sich ja noch kein Sündenbabel,
weshalb wir diese Bagatelle                 
vergleichen mit der Zustiegs-Stelle
für Fahrten um die ganze Welt.            
Sobald das einem Mann gefällt,           
wählt er Beförd'rungsmittel weise,
begibt sich auf Entdeckungsreise.

Die Fingerkuppe rührt ganz sacht         
noch einmal an des Nabels Pracht,
schaut sich zuerst den Norden aus;
geht mitten durch's Zwei-Äpfel-Haus,
vorbei an lockenden Korallen,              
am Rückweg sind das arge Fallen,
streift endlich über sanftes Kinn,          
zu den halb-offnen Lippen hin.       

Die nächste Tour ist nicht banal,                    
bloß weil man reist äquatorial                         
und mit der ganzen flachen Hand                             
auf lauter flaumbehauchtem Land!                 
Am Kap der Hüfte – welch Entzücken,            
da bietet sie sogleich den Rücken,                 
und er, erwartungsvolles Bübchen,                 
darf ausruh’n sich an ihren Grübchen.            

Genießen an der Oberfläche                          
verführt recht schnell zu dieser Schwäche:
des Nabels dritte Dimension -                        
gilt Tiefe doch als Sensation!                         
Die kurze Tour wird kombiniert:                      
man füllt den Nabel raffiniert                          
mit warmer, süßer Schokolade -                    
fürs Zünglein ist rein nichts zu schade!           

Noch eh’ der tiefe Kelch geleert,                    
hat man einander schon begehrt:                             
ganz ohne ein vorherig’ „Muss“                      
kriegt sie auf Nabeln einen Kuss.                   
Und während seine Lippen kosen,                  
fühlt er, wie Wünsche ihn umtosen.                
Er sagt sich: jetzt bloß nicht ermüden,            
vielleicht geht's doch noch nach dem Süden!

© elbwolf (Neufassung 2014)
PS:
Es sind leider 40 Zeilen geworden, um ein Haar sogar 48 …
Um mich aber nicht dem Vorwurf „zu lang!“ auszusetzen,
habe ich die sexte Strophe weggelassen, weil ich mir dachte,
im „Süden“ sind eh die meisten irgendwann mal gewesen
und wissen, wie’s dort, sagen wir … aussieht! Stimmt doch?