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Edmund Blair Leighton (1852-1922): "Der
abgewiesene Antrag" (1899).
Manchester Art Gallery; via Wikimedia Commons; gemeinfrei.
Lieben lernen
/in rhythmisch
freien Strophen/
Warum hat sie keiner das Lieben gelehrt?
Das Schmusen, das Kosen, das Schmeicheln?
Die Mutter, die meinte, es sei verkehrt –
Man sollte ein Mädchen nicht streicheln.
Es sollt` eher lernen, sich einzufügen,
Nicht nachzufragen, den Blick zu senken,
Stets freundlich zu sein und nicht zu lügen,
Dem Alter ehrende Achtung zu schenken.
Das hat sie getan. Doch es hat ihr gefehlt,
Von Liebe gar nie berührt zu werden
Sie hat das auch ihrem Liebsten erzählt,
Der meinte, das sei so auf Erden.
Er hat es wohl selbst nicht anders erfahren,
Vermisste es nicht und lebte dahin
Bis sie sich fragte, nach vielen Jahren,
War das mein Leben, und war es sein Sinn?
Doch kann sie denn jetzt, wo alles vorüber,
Noch immer klagen, dass es ihr fehlt?
Sie legt drum schweigend den Schleier darüber,
Und grübelt weiter, obwohl es sie quält.
© L. Winrich (a. G.)
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Anmerkungen:
Die kleine Gedichtereihe von L. Winrich wird in den
kommenden beiden Monaten fortgeführt. Die Einordnung dieses Gedichtes unter die verschiedenen Gedichtformen erfolgte nach Stummer, am früher a. O., S.192.
Die
Bildbeschreibung durch den Bildeigner, die Manchester-Galerie, lautet:
"A sentimental, historical scene representing figures in
eighteenth-century dress. The painting depicts a garden scene looking along a
river path with a small wooden bridge in the foreground, a house in the
background seen through the trees to the right. A young woman in a floral dress
and straw hat sits on a wooden seat on the left side of a bridge, her hands
clasped round one knee, with eyes downcast. In the background to the right a
man in breeches and a long coat is walking away, his head bowed and his hands
clasped behind his back."
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