Hier schreiben Hobbydichter für Lyrik-Freunde – meist Gereimtes und nur Druckreifes! Willkommen also, viel Vergnügen mit unseren Gedichten und deren Bebilderung!

Aufrufe unseres Blogs erfolgen automatisch mit Sicherheitsprotokoll "https". Am 18. Mai 2022 hatten wir unseren 600. Beitrag in den Blog gestellt!

Bereits seit Jahresbeginn bringen wir neue Folgen an Kalenderblättern und Monatsbildern. Darum herum dann das, was sich an Einfällen so ergibt – man wird sehen! Nun ja, was man auch sieht: wir "unterschlagen" seit einer ganzen Weile auch einen gewissen Anteil an sanfter Erotik nicht länger - die Zeiten sind eben so ...

Wir teilen den Lesern unseres Versbildners mit und bitten um Verständnis, dass wir auch weiterhin das monatliche Angebot auf 6 Beiträge beschränken - die Kontaktarmut dieser Zeit bringt leider auch eine gewisse Ideenarmut mit sich. Neueinstellungen erfolgen damit um die Kalendertage des 1., 6., 11., 16./17., 21./22., 25.-27. eines Monats.

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Mittwoch, 11. Oktober 2023

Salomos Spruch

Pedro Berruguete (1450-1504): Salomon, ~1500.
Standort: Santa Eulalia, Parades de Nava; via Wikimedia Commons; lizenzfrei.

 

                           – Salomos Spruch –
          Ja, Weisheit übertrifft die Perlen an Wert,
          Keine kostbaren Steine kommen ihr gleich.

 

Salomos Sprüche
– ein Auch-Sonett –

Ein Spruch, wie Salomo ihn brachte,
gehört nicht zu den Billigwaren –
er ist gefügt zu offenbaren,
wie man vom großen Ganzen dachte.

Erfahrungen, die er einst machte
in Stunden, Tagen oder Jahren
gab er uns preis und wir erfahren,
wobei man weinte oder lachte.

Es nutzt uns schon, fortan zu wissen,
was er uns zu berichten hatte,
und das sind nicht nur Kurzgeschichten!

Denn Salomo war nie beflissen;
gab andrerseits auch nie Rabatte
er lehrte einfach uns die Pflichten ...

© Luzie Rudde

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Der nächste Beitrag wird am 16./17.10.2023 eingestellt.

Freitag, 15. September 2023

Eile mit Weile

Marianne von Werefkin (1860-1938): Sturmwind, ~1915-17.
via Wikimedia Commons; gemeinfrei.

 

Eile mit Weile

Gibt's wirklich einen Anlass für den Spruch?
Ist er bloß ausgedacht? Denn beide Teile
erscheinen doch wie aufgesetzt in Eile:
die Sollstelle für vorbestimmten Bruch …

Als scheuten wir vor brandigem Geruch,
der uns ganz unerwartet eine Weile
zwingt einzuhalten, statt in Windeseile
zu unternehmen anderen Versuch.

Nun, abzuwägen gänzlich neue Mittel,
das brauchte schon ein Quäntchen mehr an Zeit
und solcher Aufwand tut uns meistens leid.

Da wählen wir kaum anderes Kapitel
und bleiben umständlich am alten Ort –
selbst der, der eilt, muss kaum gleich jemals fort.

© elbwolf

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Hinweis:
Nächster Beitrag wird am 23.9. online gestellt!

Freitag, 8. September 2023

Lebensalter

 Leopold von Kalckreuth (1855-1928 ): Die drei Lebensalter (1898);
Bayer. Staatsgemäldesammlung; via Wikimedia Commons; gemeinfrei.

 

Wer fragt schon danach?

Vergnüglich ist es nicht, das Älterwerden –
drum fragt auch keiner, ob es mir gefiel;
so wie auch niemand fragt, was für ein Ziel
verfolgte wohl mein Leben hier auf Erden.

Wie kam es überhaupt zum eignen Werden?
Es ging hervor aus fremdem Liebesspiel:
das ist nicht wenig und auch nicht sehr viel
und lässt im Nachhinein nicht zu Beschwerden.

Vergänglich ist das Dasein – wie wir wissen;
voll Mühen oft, was gäb es andre Wahl,
als uns zu ducken in die weichen Kissen?

Das Lebensalter ist nur eine Zahl.
Doch um es auch auf diese Frist zu bringen,
muss man gar manche öden Strecken zwingen.

© Luzie Rudde

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Hinweis:
Nächster Beitrag wird am 15.9. online gestellt!

Montag, 22. Mai 2023

Kommen, bleiben, gehen

 
"Bewerten und Taxieren"
Quentin Massys (1456/66-1530): Porträt eines Mannes (~1510);
Schottische Nat.-Gal.; via Wikimedia Comm. & The Yorck Project; gemeinfrei

 

Kommen, Bleiben, Gehen

Es ist ein Werden, Bleiben, Wiedergehen
und wiederholt sich stets und überall;
es ändert sich für mich in keinem Fall
zu Wiederkommen oder Fortbestehen.

Die Zeitenuhren lassen sich nicht drehen
und Leben ist nicht wie beim Opernball;
ich ward hineingesetzt ins Weltenall
und nicht zuvor gefragt – es ist geschehen.

An mir ist es, das meiste zu gestalten;
die Fähigkeit, sie liegt bei mir allein –
ich lass dem lieben Gott sein eigen Walten.

Mein Wissen, das erwarb ich nicht zum Schein:
Ich kann nun wählen, wie ich es verwende,
doch wie ich wähle – einmal kommt das Ende.

© Luzie Rudde

Samstag, 6. Mai 2023

Der Dichter

Paul Scheurich (1883-1945): Der Dichter;
Quelle: Scan aus "Das Blatt der Hausfrau", H. 19, Juni 1931;
via Wikimedia Commons; gemeinfrei.

 

Der Dichter

Hat er ein Thema, das ihm passt, gefunden
– das Sinn ergibt und vielversprechend ist –
versucht in seinem Kopfe er mit List,
den Vers zu formen, traditionsgebunden.

Er ist bemüht, den Reim gut abzurunden
und wird allmählich so vom Prosaist,
der er einst war, zum Dichter-Aktivist,
der sich unbändig freut, das zu bekunden.

Den Lorbeerkranz, zum Ruhme ihm geflochten,
sieht er schon über seinem Haupte schweben ...
der Kampf um Anerkennung – ausgefochten!

Dabei steht er im ganz normalen Leben.
Die Sterne ach, wie weit sind sie doch alle ...
Wird er zum Stern – der Dichter in der Falle?

© Luzie R.

Montag, 17. April 2023

Anno dunnemals gedichtet/01: Junge Frauen

Foto: David Merett (14.08.2012): The Pockett Belles at Goodwod Revival;
via Wikimedia Commons; Liz.: CC BY 2.0.


Wie hat man "anno dunnemals" gedichtet, sagen wir, in den letzten noch einigermaßen friedlichen Tagen vor dem Weltkrieg I.
Es gibt da ein "Fleißbuch" von Hans Benzmann (Hg), Moderne Deutsche Lyrik, verlegt in 2. Auflage 1907 bei Reclam Leipzig – das auf 629 Seiten 171 Dichter vorstellt, von denen auch die Jüngsten nun an die hundert Jahre verblichen sind.

Zu diesem Aufgebot zählen immerhin 24 Frauen. Insgesamt aber sind nur wenige heutzutage noch in aller Munde – sie seien hier genannt:
Dauthendey, Dehmel, Gumppenberg, Hesse, H. v. Hofmannsthal, Holz, Ricarda Huch, Else Lasker-Schüler, Liliencron, Morgenstern, Nietzsche, Rilke, Wedekind, St. Zweig. Einige der Bedeutendsten mussten allerdings aus Platzgründen zurückstehen: Storm, Keller, Fontane und K. F. Meyer.

Wie man sieht, bleiben ausreichend viele Namen übrig, an denen wir uns ausprobieren können, indem wir die Ideen ihrer lyrischen Produkte mit heutigen Worten auszudrücken versuchen – nicht ohne zumindest auszugsweise die von früher zu zitieren!

 

Ludwig Jakobowski (1868-1900)
Junge Frauen

Die Freundin schaut mich an und spricht:
"Verwandelt hat sich dein Gesicht!"
Die zweite spricht: "Ich fühl es schon,
du sprichst mit fremdgewordnem Ton."
Die dritte hebt betrübt mein Kinn:
Wo ist mein sonniger Bruder hin?"              *)
Die vierte geht zum Erker still,
als ob sie durchs Fenster sehen will.           *)
Ich weiß, sie fühlt's am tiefsten mit,
ich hör's am unhörbaren Schritt ...

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*) diese zwei Verszeilen stufen das Gedicht als Knittelverse ein!



Vier junge Frauen und ein Wankelmütiger
Nach einer Idee von Ludwig Jakobowski (vor 1900)

Vier junge Frauen sind zu mir wie Schwestern –
die in mir etwas wie den Bruder sehn;
doch scheint dies alles plötzlich wie von gestern,
und wird als Bund vielleicht nicht mehr bestehn.

Der einen scheint verwandelt meine Miene,
die andre findet fremd den Umgangston;
dass mein Gemüt der dritten sonnig schiene
und sorglos säh' die vierte vom Balkon!

Sie ist die stillste dieser jungen Frauen,
ist die, die wohl am tiefsten alles fühlt;
ihr ist nur nicht so leicht ins Herz zu schauen,
wie heftig es vielleicht grad aufgewühlt ...

Es könnte eben diese letzte sein,
die unserm Bund haucht neues Leben ein.

© elbwolf

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Das Gedicht ist als englisches Sonett geschrieben.

Donnerstag, 6. April 2023

Frühlingsahnen

Streuobstwiesen im Naturpark Barnim (Lobetal); Aufnahme: 12.05.2017;
Foto: Diplodocus474747; via Wikimedia Commons; Liz.: CC BY-SA 4.0

 

Frühlingsahnen


Ein Frühlingsahnen hat mich eingefangen:
'Ade' sag ich den Tagen mit dem Schnee!
Ganz plötzlich spür ich in mir ein Verlangen
nach hellem Sonnenschein und grünem Klee.


Schon geht der Frühling seine neuen Pfade –
die Sonne scheint mir wärmend ins Gesicht;
dies Neuerleben ist schon eine Gnade;
auch vor mir schrieb man drüber viel Bericht.

Der Frühling ist wie eine neue Liebe,
denn die Natur spürt wieder frische Kraft.
An Bäumen, Sträuchern seh‘ ich diese Triebe –
die Schöpfung jedes Jahr aufs Neue schafft.

Es ist die Kraft der alten Mutter Erde:
was wächst – vergeht, auf dass es wieder werde.

© Luzie Rudde

Freitag, 17. März 2023

Lebensfreude

Karl Donndorf (1870-1941): Schicksalsbrunnen (1914).
Foto: Daderot, 2015; via Wikimedia Commons; Liz.: gemeinfrei.
Standort: Stuttgart, im Oberen Schlossgarten in der Nähe des Opernhauses.
Figuren: links/rechts: Allegorien von Leid/Freude; Mitte: Schicksalsgöttin.

 


Lebensfreude

Genieße jeden Deiner Tage –
es könnte schon der letzte sein!
Gewiss ist eins, Gevatter Hein
erlöst uns aus der letzten Plage.

Was ist Genuss? Nun diese Frage
stellt jeder Mensch sich ganz allein:
Genuss – im Unterschied zum Schein –
verdrängt die Vorstellung von Klage.

Genuss; Verdruss – was sind sie wert?
Sie sind meist flüchtig wie das Leben;
ihr Wechselspiel – nicht unbeschwert.

Die Übung nur nicht aufgegeben!
Genuss ist Freude – doch 'erjagen'
geht leider nicht – ums klar zu sagen.

© Luzie Rudde

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Anm.: Das Gedicht ist ein 4-füßig-jambisches "Auch"-Sonett.

Montag, 6. Februar 2023

Pfade (Sonett)

Urheber: Mikmaq: Wegstück auf dem Karnischen Höhenweg (26.09.2011);
via Wikimedia Commons; Liz.:
CC BY-SA 3.0

Pfade (Sonett)

Der Lebensweg geht unbekannte Pfade;
als Folge ist auch nicht bekannt das Ziel.
Ein Kind betrachtet Leben noch als Spiel –
hüpft seine Wege querbeet oder grade.

Doch dann wird’s holpriger, und das ist schade;
es sind der Möglichkeiten viel zu viel.
Dass dich der Missmut da nur nicht befiel –
versteck dich nicht, und keine Maskerade!"

Die Zeit, sie ist uns rigoros begrenzt,
sie wandelt bald sich in Vergangenheit.
Wir nehmen das, was immer wird kredenzt;

Auch dazu braucht es manches Mal schon Schneid
Mach dir bewusst – du bist im Grunde froh;
bist eingestellt nicht contra, sondern pro!

© Luzie Rudde

Mittwoch, 23. November 2022

Spinatknödel - ein Sonett (oder doch ein Ulk?)

Foto: Carschten: Fünf Spinatklöße (06.03.2007)
via Wikimedia Commons; Liz.: public domain.

 

Sonett auf die Spinatknödel

Die Kunde vom Spinat jetzt auch in Knödeln
die war mir bis zur Stunde unbekannt;
bald war ich derartig darauf gespannt,
dass ich beschloss, nicht länger mehr zu trödeln.

Denkt nicht, ich würde bloß ein bisschen blödeln?
Ich war und bin Geschmäcker-Spekulant;
noch nie hab' ich mich beim Spinat verrannt –
Enttäuschung ist etwas für Aschenbrödeln.

Alsbald begab ich mich in die Taverne
und orderte beim Koch den grünen Kloß –
der Meister machte mir den nur zu gerne.

Dann auf dem Teller lag das große Los!
Am Schlusse wag' ich es mich zu erkühnen:
Am besten schmeckte diese Kost vom Grünen!

© elbwolf

Donnerstag, 28. Juli 2022

Der Mann, Mittelpunkt der Party – "Ein Mann Ein Buch"/6

Wer ist der "Macher" – People posing at an outdoor party in Canada.
Autor: MikeScott4; via Wikimedia Commons; Liz.: CC0

 

Der Mann – Mittelpunkt der Party

Der Mann als Mittelpunkt bei jedem Fest –
Die Rolle hat der Gute einstudiert!
Und deshalb läuft es immer wie geschmiert,
Da braucht es auch nicht vorher einen Test.

Die Themen des Gesprächs lenkt er modest –
Es sähe sonst ja aus wie inszeniert;
In keiner Weise fühlt er sich geniert,
Macht er aus einem Schlacht- ein Schützenfest.

Wenn gar nichts hilft, geht's übers Wetter her ...
Ganz wichtig nur: die Politik vermeiden!
Man lässt sich doch nicht in die Karten sehn.

So fällt's dem werten Publikum nicht schwer:
Es kann den "Mann im Mittelpunkt" gut leiden –
Wie immer und woher die Winde wehn!

© teamwork (gitte, elbwolf)

Donnerstag, 16. Juni 2022

Ehem. Jokers-Gedichte/2– 'Musenkuss'

Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722-89): Die Muse Erato (1781);
Standort: Neue Galerie, Kassel;  via Wikimedia Commons; Liz.: gemeinfrei.

Aufräumen unseres Archivs förderte ein dort schlummerndes Relikt lyrischer Tätigkeit zu Tage: aus dem "Wochenkalender 2011" mit den besten Gedichten des (damaligen und bald darauf leider eingestellten) Jokers-Lyrik-Preis-Wettbewerbs 2010. Wir haben uns vergeblich um persönliche Kontakte bemüht und ersatzweise beim heutigen Jokers-Verlag um Zustimmung nachgesucht, einige Gedichte zitieren und an ihren Inhalten arbeiten zu dürfen.
Vielleicht meldet sich auch die bei uns leider als verschollen geltende Autorin, deren "Gedicht-Idee" uns beeindruckt hat.


Stefanie Warner (19. Woche, 2011):
"Meine Muse"

Die Muse klopft um Mitternacht,
ich bin von diesem Lärm erwacht.
"Ich werde dich jetzt küssen,
und du wirst dichten müssen!"

Sie tat es und nun sitz' ich hier,
der Zeiger steht auf kurz nach vier.
Alles schläft noch hierzulande,

ich bring' kein Gedicht zustande.
Ich tu' die Muse sehr vermissen;
tja, die schläft jetzt … in meinen Kissen!

 

Musenkuss
/nach einer Idee von St. Warner/
– Sonett –

Erato küsst ihr Dichtervolk beizeiten,
mit mir nur wird es mindest Mitternacht.
Mir passt das schon und ist auch vorbedacht:
dass sie denn gar nicht käm', will ich bestreiten.

Auch diesmal ließ ich mich so spät verleiten,
Was andres steht auch nicht in meiner Macht!
Sie küsst mich auf die Stirne – ach so sacht,
weil sicher sich, ich könnt' ihr nie entgleiten.

Das war nun schon an die vier Stunden her:
es scheint, jetzt dichte ich wohl doch nichts mehr –
die Muse selbst ist etwas ausgelaugt.

Wo ist sie denn, die ich beginn zu missen?
Sieh einer an – sie liegt auf meinem Kissen!
Vielleicht ein Umstand, der zu andrem taugt ...

© elbwolf

Mittwoch, 16. Februar 2022

Geschichte eines Sonetts, Teil 2(2) – nach Azevedo (Übertragung aus dem Portugiesischen)

 Rückblick auf Teil 1 (siehe 11. Februar):

Der 23-jährige Ludgero Baptista hatte sich Hals über Kopf in die noch junge stadtbekannte Schönheit Laura Rosa verliebt, die Kommandanten-Gattin. Um ihre Aufmerksamkeit zu erringen und die Verehrer auszustechen, schrieb er ein gefühlvolles Sonett – setzte aber in unverzeihlicher Weise Lauras Namen in eine der Strophen und seine Initialen darunter. Die Verse erreichten zwar ihr Ziel, aber für den jungen Mann folgte gar nichts weiter. Nach langer Wartezeit schlug er sich die Sache aus dem Kopf, erlernte einen Beruf und wurde erfolgreicher Fabrikant.

’∕‚

Mit 37 Jahren verspürte Ludgero dann doch den Wunsch, eine eigene Familie zu gründen. Bei Freunden lernte er Blandina kennen, eine interessante, etwas romantische junge Frau von 23. Kurz – sie heirateten. Nach über zehn sehr glücklichen Jahren begann Ludgero, nun fast 50, sein einsetzendes Alter gegen Blandinas anhaltende Jugendlichkeit kritischer zu sehen, er "wurde unruhig und beobachtete mit eifersüchtigen Augen, was um ihn herum geschah".
Und tatsächlich fand er heraus, dass um sein Haus ein sehr junger Mann herumlungerte. Zufällig sah er auch, wie der an einer Hausecke dem Koch einen Brief übergab. Ludgero versteckte sich und "fing das Schreiben genau in dem Moment ab, in dem es aus den Händen des Vermittlers an seine Frau überging". Blandina erschrak, brach in Tränen aus, beteuerte ihre Unkenntnis, wer der Absender sei und schwor, "dass sie diesen Brief ungeöffnet zurücksenden würde!" Aber Ludgero durchkreuzte – zitternd vor Aufregung – dieses Ansinnen: er zerriss den Umschlag – und fand darin ... ein Gedicht, dessen erster Vers so ging:

Seit jenem Tag, als ich voll Glück und Staunen ...

Auf einen Blick und mit unfassbarem Erstaunen erkannte Ludgero sein eigenes Sonett, das er vor über 25 Jahren Laura Rosa hatte zukommen lassen und das nie beantwortet worden war. Und natürlich lautete der seinerzeitige Vers des Anstoßes nun

Oh schöne Blandina, den erbet'nen Kuss, ...

was den Rhythmus störte – ein Poet war der junge Mann also auch nicht!

Ludgero lachte befreit auf, kramte sein Sonett aus einer alten Schublade vor, zeigte es seiner Frau und eröffnete ihr, dass er "früher" selber Verse geschrieben habe. Damit war die "Affäre" aus der Welt, ehe sie zu einer geworden wäre; nun aber kam auch noch der Schalk zu seinem Recht.

Ludgero dichtete für seine Blandina ein Antwort-Sonett an den "Kopisten", ließ es von ihr in ihrer Handschrift abschreiben und übergab es dem jungen Mann persönlich, als er ihn das nächste Mal ums Haus schleichen sah:

’∕‚

RESPOSTA

Para satisfazer ao seu pedido,
Na parte da denúncia e não do beijo,
Revelei a meu dono o seu desejo.
Os versos entreguei a meu marido.

Este em vez de ficar enfurecido,
E de agarrar um ferro malfazejo,
Tomou a coisa á conta de gracejo,
E pôs-se a rir como um perdido!

Pois se e ele o autor do tal soneto!
O senhor copiou-o da Nova Aurora,
Estragando-lhe apenas um quarteto...

Ele, que a Musa já mandou embora,
Cede-lhe os versos (discrição prometo),
Mas não quer sociedade na senhora.



ERWIDERUNG

Bei dem Ersuchen, das Sie an mich stellen,
erübrigt sich die Bitte nach dem Kuss;
und weil ich meinem Mann nichts beichten muss,
wollt' er nach Ihrem Vers ein Urteil fällen.

Um sich die Laune selbst nicht zu vergällen
jedoch zu knacken diese harte Nuss,
nahm er's für einen Scherz – so sein Entschluss;
befreites Lachen hört ich gleichsam quellen.

Er dichtete vor Jahren dies Sonett –
das Sie zu Unrecht lediglich kopierten.
Nun drängt er Sie zu eigenem Quartett!

Die Muse zählt ihn nicht als Motivierten;
Ihr Vers entschädigt ihn – ich schweig honett.
Auch wünscht er nicht, dass wir uns je liierten!

© W. Herrmann (12.02.2022), für die freie
Übertragung aus dem brasilianischen Portugiesisch

’∕‚

Die Androhung einer Tracht Prügel, falls sich der Jüngling nochmals blicken lassen sollte, tat ihre Wirkung – er tauchte nie wieder auf. Ludgero zog für seine Person den Schluss, "dass ein Mann früher oder später durch die Waffe, die er mit böser Absicht schmiedet, verletzt werden kann, selbst wenn diese Waffe ein schlichtes Sonett wäre."
Ach ja: Ludgero entdeckte, dass der junge Mann Laura Rosas Sohn war; das alte Sonett hatte er sicher unter den Papieren seiner Mutter gefunden.

’∕‚

Liebe Leserinnen und Leser unseres Blogs!
Ludgero liebte seine Blandina (und sie ihn), wie die Liebe größer nicht sein und nicht werden könnte.Mir will scheinen, dass diese Geschichte an das Ende vieler Märchen unserer Gebrüder Grimm erinnert: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute!"
Dennoch schwingt im Hintergrund das Gefühl der Eifersucht irgendwie mit und ist Anlass, hier eine der Darstellungen des Malers Munch von diesem Thema beizugeben:


Edvard Munch (1863-1944): Jealousy, 1913-15;
Quelle: Munch-Museum Oslo; via Wikimedia Commons; Liz.: gemeinfrei.

© elbwolf, für Nacherzählung und Gestaltung des Beitrags.

Anm.: Entgegen der Ankündigung wird der obige Teil-2 des Beitrags
sofort im Anschluss an Teil-1 zum Posten freigegeben, nicht erst Mitte März.

Freitag, 11. Februar 2022

Geschichte eines Sonetts, Teil 1(2) – nach Azevedo (Übertragung aus dem Portugiesischen)


 Zur Einführung:

Zum zweiten Mal wendet sich dieser Blog dem Brasilianer Artur de Azevedo (voller Namen: A. Nabantino Gonçalves de A.; 1855-1908) zu, der mehr als ein Jahrhundert nach seinem Ableben weiter als vielseitiger und beliebter Schriftsteller gilt. Er vereinte neben zahlreichen Talenten offenbar auch diese beiden Züge in sich, die man speziell der brasilianischen Schriftstellergilde nachsagt:

-      Hang zur Erotik in der Poesie (s. "Versbildner" vom 11.6.2021!)

-      Ausschmücken eigener Erzählungen mit eigenen Versen (wie bei uns etwa in Lion Feuchtwangers Roman "Goya" zu finden).

Hier geht es um eine Erzählung Azevedos, die nicht nur den Titel "Geschichte eines Sonetts" trägt, sondern in der besagtes Sonett selbst auch "das Salz in der Suppe" ist. Dabei stellt es der Autor so raffiniert an, dass nach hundert Jahren und von fern (d. h. ohne Zugriff auf das Archiv der Brasilianischen Akademie für Literatur) wir nicht entscheiden können, was an seinem Text alles Wahrheit und was doch eher ... "Dichtung" ist.

’∕‚

Ein 23-jähriger junger Mann namens Ludgero Baptista begegnet im Jockey-Club der stadtbekannten Frauenschönheit Laura Rosa, die ihr Mann, Kommandant Rosa, überallhin ausführt. Sie genießt es sehr, ständig "einen Haufen männlicher Herzen hinter sich herzuschleppen".
Ludgero bildet keine Ausnahme und verliebt – nein: verknallt – sich heftig in Laura und denkt intensiv darüber nach, wie er diesen platonischen Zustand "in eine positivere Situation bekäme".
Er, der schon seit längerem "harmlose Lyrik" verfasst, nimmt sich ein Sonett vor, mit dem er leider, vielleicht aber auch bewusst, weit über das moralisch Vertretbare hinausschießt: er nennt darin Laura beim Namen und setzt seine Initialen darunter– eine unverzeihbare Indiskretion.
Trotzdem versteht es Ludgero, der Dame seine Verse zuzuspielen. Er veröffentlicht das Sonett in den Neuesten Nachrichten einer speziellen Literaturzeitschrift und lässt Laura ein Heft vom Verlag schicken, am Kommandanten vorbei und direkt zu ihren Händen!
Danach tut sich von ihrer Seite ... rein gar nichts. Nicht einmal Nachteile ergeben sich für den erfolglosen Liebhaber, den ein ins Bild gesetzter Kommandant ja auch zum Duell hätte fordern können – nichts!
Dann beruhigt sich Ludgeros Gemüt allmählich. Statt weiter zu hoffen und es mit Lyrik zu versuchen, rüstet er sich für den "endgültigen Eintritt ins praktische Leben" und wird ein erfolgreicher Fabrikant.

’∕‚

Das Sonett befand sich zwar tatsächlich in Lauras Händen, andererseits aber war es von ihr auf die sprichwörtliche lange Bank geschoben worden und damit so gut wie untergegangen. Um dieses Sonett handelt es sich:

’∕‚

SÚPLICA

Desde o dia feliz em que, pasmado,
Pela primeira vez te vi, senhora,
Um sentimento no meu peito mora
Feito de angústia e feito de pecado.

Não creias que ninguém houvesse amado
Tão loucamente como eu te amo agora,
Nem mesmo, oh! linda Laura, no de outrora
Cavalheiresco tempo celebrado!

Para que finde o meu suplício airoso,
Ou me concede o mendigado beijo,
Este martírio transformado em gozo,

Ou revela ao teu dono o meu desejo:
Talvez ele me faça venturoso,
Dando-me a doce morte, enfim, que almejo!

L. B. (?)

 

FLEHENTLICHE BITTE /nach Azevedos SÚPLICA/

Seit jenem Tag, als ich voll Glück und Staunen
zum ersten Male dich erblickte, Frau,
nagt ein Gefühl an mir, dem ich nicht trau:
ich höre angstvoll ständig Sünden raunen.

Wie ich dich liebe – das sind keine Launen:
dich liebte man so nie! Ich weiß genau,
selbst wenn ich auf der Ritter Zeiten schau,
als im Turnier noch schmetterten Posaunen.

Oh schöne Laura, den erbet'nen Kuss,
den gib mir Bettler; lös' mich von der Folter
und wandle so mein Leiden in Genuss!

Erwartet sonst mich deines Manns Gepolter?
Bringt er mir dann aus lauter Überdruss
den süßen Tod – wär' mir ein sehr gewollter.

© W. Herrmann (10.02.2022), für die freie
Übertragung aus dem brasilianischen Portugiesisch

’∕‚

Lieber Leser – wie hättest Du als Mann einer so begehrten Frau gehandelt?
Liebe Leserin – hättest Du das Ansinnen ignoriert, wie Laura es tat?
Das Geheimnis, wie dieses Sonett doch noch ein zweites (Sonett!) nach sich zog, lüftet der Teil 2 des Beitrags ... schon am 16.2. (und nicht erst in vier Wochen).

© elbwolf , für Nacherzählung und Gestaltung des Beitrags.

Freitag, 21. Januar 2022

Der Tag neigt sich (Teamwork)

Abendlicht                                                                                          © Luzie Rudde

Ein Tag neigt sich

Der Tag geht – wie die vor ihm – nun zu Ende;
der Abend nähert sich mit langen Schritten;
wir stehen wie verzaubert da inmitten
und fragen uns, wer ebenso empfände.

Die Farbenbuntheit war des Tags Legende
und brauchte nicht um Augenmerk zu bitten, –
war wie geschenkt, von niemandem bestritten,
verblasst jedoch vor jeder Tageswende.

Am Ort, an dem wir uns befanden – Stille,
denn jedem wird einmal dort aufgebettet
und Ruhe wäre da sein letzter Wille.

Wir sind Geschöpfe von besondrem Schlag
und lange mit dem Leben fest verkettet –
erwarten drum stets einen nächsten Tag!

© Luzie Rudde, elbwolf (WH); 15.01.2022

Freitag, 31. Dezember 2021

Guten Rutsch nach 2022!

Das "Tor der Hoffnung" in einer Lübecker Wohnanlage (Foto 2009);
Planung der Wohnanlage durch den Lübecker Architekten Willy Logner;
Grundstückserwerb erfolgte 1936 durch den Lübecker Rodolfo Groth,
das Richtfest wurde am 23. Februar 1937 gefeiert;

 

Licht am Ende des Tunnels?
/ englisches Sonett /

Noch die paar Stunden, und es ist vorüber 

ein weitres Jahr verging uns wie im Flug;
wir hoffen, Zeiten würden nicht noch trüber
wir fahren sowieso meist Bummelzug.

Gepäck, das wir auf Reisen mit uns führen,
das ist sehr oft nur auf gut Glück gepackt,
zu viel von dem; was andres fehlt; wir spüren:
nichts Optimales – es ist ganz vertrackt!

Wir tragen Hoffnungen in Hirn und Herzen
und schauen hilflos drein, was denn da kommt;
wir unterdrücken in uns Leid und Schmerzen
und helfen mit bei dem, was künftig frommt.

Was wäre, wenn wir einst in neuer Zeit
zusammen lebten ohne Zwist und Streit?

© Das Team von "versbildner"

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Unser DANK gilt diesen Freunden und Gästen des Blogs für ihre Beiträge:
-        Erika Müller-Pöhl für 12 Buchillustrationen zu den Kalenderblättern;
-        Manfred Albert für die 12 Zuarbeiten zur "Hanebüchenen Physik";
-        L. Winrich (a. G.) für vier Liebesgedichte;
-        Heliane Meyer für zwei Gedichte und
-        Herta Krondorfer (Österreich) für ihren lyrischen Beitrag am 9.11.'21.

Wir KÜNDIGEN AN für 2022 zwei neue Serien:
-        einen Sonntagsmaler mit Osterzgebirgsmotiven auf den Kalenderblättern;
-        eine Spottserie über "die Herren der Schöpfung", die alles nur nach Buch tun.

Und wir WÜNSCHEN den Freunden und Besuchern unseres Blogs

einen  guten  Rutsch  nach  2022!

Donnerstag, 11. November 2021

Ein vielseitiges Wort

Foto+©: der Verfasser (1.10.2021)
Ein vielseitiges Wort auf der passenden Tasse
(mit passendem Inhalt: schwarzer Tee mit Milch)


  Ein vielseitiges Wort


Den Tee trink ich aus einer hohen Tasse,
die ist aus Porzellan und schön verziert.
Damit sie sich mang andrer nicht verliert,
hebt sie ein Wort hervor aus aller Masse.

Dies Wort, vorn aufgemalt, das find ich klasse,
das ist nicht im Geringsten antiquiert,
es ist im Gegenteil ambitioniert,
doch so, dass es gleich jeder richtig fasse.

Der eingegossne Tee, welch edler Trunk!
lässt sich bei diesem Worte recht genießen:
es passt zum Tee als ein besondrer Prunk.

Vor Rührung könnten mir die Tränen fließen ...
Im Grund verspüre ich den Europäer –
beim Tee bleib lieber ich noch Pharisäer.

© elbwolf, 30.9.2021

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Anmerkung:
Dass unter der Bezeichnung Pharisäer auch ein Getränk mit Kultstatus aus Nordfriesland vermarktet wird, hat man mir erst soeben klargemacht. Hätte ich normalerweise für einen Friesenwitz gehalten, steht aber in der Wikipedia. Und der Höhepunkt scheint zu sein, dass die Tassenaufschrift eigentlich eine Tasse voll von jenem Getränk bedeuten soll!
O, diese Pharisäer, wollte sagen, diese Friesen!

Mittwoch, 21. Juli 2021

Juli – ein Monatsbild ... (Abendsonne)

Foto-©: die Verfasserin

 

Die Abendsonne

Die Abendsonne schenkt dem Tag noch Licht;
indes der Wald versinkt in dunklem Schweigen;
der Tag will sich zu seinem Ende neigen;
die Dämmerung verdeckt sein Angesicht.

Rein nichts, was dem Gedanken widerspricht –
vor diesem Abendlicht sich zu verneigen.
Ein Augenblick, und dem ist es zu eigen,
wie er im Jetzt durch Harmonie besticht.

Es ist ein Zeugnis, das wir nicht vergessen:
vergänglich ist auch Schönheit; achte sie –
sie lässt sich nicht mit einem Maße messen.

Es ist ein Bild von reiner Harmonie.
Die Sonnenstrahlen lassen Wolken glühen;
vergessen macht der Anblick Alltags Mühen.

© Luzie Rudde

Freitag, 11. Juni 2021

"Nur zum Schein" – Liebessonett, aus dem brasilianischen Portugiesisch

Foto Dan Carp: Sunrise Lovers (07.05.2018)
via Wikimedia Commons; Liz.: CC BY-SA 4.0

 

Zum Dichter und seinen Versen:

Das originale Sonett "Por Decoro" ist ein Jugendwerk des späteren brasilianischen Dramatikers, Journalisten, Kurzgeschichtenschreibers und Dichters Artur Azevedo (1855-1908). Er veröffentlichte es mit 21 Jahren in seinem Bändchen "Sonetos". Danach ging es offenbar nur noch in die Anthologie "Einhundert der besten brasilianischen Sonette" ein (1951, 3. Aufl.), die kaum bis nach Europa gelangte Und das, obwohl es mit dem portugiesischen Nationaldichter Luís de Camões (1524-79) das Vorbild eines herausragenden Sonettschreibers in dieser Sprachgruppe gibt (Ibü 264). Und dann, weil Azevedo zu den 40 Gründern der 1897 ins Leben gerufenen ABL (Academia Brasileira de Letras) gehörte, die sich die Académie française zum Vorbild nahm und heute als höchste Instanz für das brasilianische Portugiesisch gilt.
Azevedos Sonett ist intim und romantisch zugleich. Der Dichter rät seiner Geliebten für den Fall, sie könne auch in der Öffentlichkeit ihre Gefühle für ihn nicht im Zaum halten, doch wenigstens die Augen zu verbergen – hinter einem Rebenblatt ...
Die Probleme einer Übertragung fremdsprachiger Lyrik beginnen oft mit den Titeln … wie hier auch. Um den deutschen Leser nicht zu verblüffen, steht hier nicht "Als Dekor/Dekoration" oder populär "Tun als ob", sondern das, was der Dichter wirklich gemeint hat: "Nur zum Schein". Azevedos Reimschema "abba abba cde cde" (mit der schwächsten Reimung in den Terzetten – jeweils erst in der dritten Folgezeile!) bleibt erhalten. Dagegen ist der trochäische Rhythmus auf die seinerzeit für Sonette in Deutsch schon eingeforderten fünffüßigen Jamben umgestellt.

 

Artur Azevedo (1855-1908):

Por Decoro
(1876)

Quando me esperas, palpitando amores,
e os lábios grossos e úmidos me estendes,
e do teu corpo cálido desprendes
desconhecido olor de estranhas flores;

quando, toda suspiros e fervores,
nesta prisão de músculos te prendes,
e aos meus beijos de sátiro te rendes,
furtando às rosas as purpúreas cores;

os olhos teus, inexpressivamente,
entrefechados, lânguidos, tranquilos,
olham, meu doce amor, de tal maneira,

que, se olhassem assim, publicamente,
deveria, perdoa-me, cobri-los
uma discreta folha de parreira.


Nur zum Schein

Wenn vor Erwartung du schon bebst, mein Leben,
mir deine Lippen bietest, feucht und prall,
dein warmer Leib verströmt in vollem Schwall
die Düfte fremder Blüten – macht mich schweben;

wenn Seufzer deine Leidenschaft erheben,
die du nicht mehr verbirgst durch einen Wall,
wenn Satyrs Küsse finden Widerhall
und Rosen ihres Purpurs sich begeben;

und deine Augen ausdruckslos erscheinen,
nur träge, ruhig, einen Spaltbreit offen,
wenn alles dies, mein Lieb, du zeigen wolltest

vor Leuten. Würden die noch Gutes meinen?
Nur falls die Augen du – verzeih! will's hoffen –
diskret mit einem Weinblatt decken solltest.

© W. Herrmann (10.06.2021), für die freie
Übertragung aus dem brasilianischen Portugiesisch

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Links:
Die Biografie des Dichters            Das Sonett Por Decoro

Freitag, 5. März 2021

Paradiesische Zeiten

Erastus Salisbury Field (1805-1900): The Garden of Eden, ~1860.
Museum of Fine Arts, Boston (USA); via Wikimedia Commons; Public Domain.


 

Paradiesische Zeiten

Es gab für Mensch und Tier schon Paragraphen
im Paradies: die waren vorgesehen,
zu sichern solcherart ihr Fortbestehen,
weshalb sie alles Lebende betrafen.

Zufrieden war der HErr – er schuf den Hafen,
der Existenz versprach und Wohlergehen –
bei freiem Willen. Würde es geschehen,
dass man Gebot missachtet – trotz der Strafen?

Wer ist denn wirklich Krone der Natur?
Der Mensch, dem er so vieles zugestand,
kam vom Verstande her nicht in die Spur.

Wenn alles läge in des Gottes Hand
und das nicht ausschloss menschliches Versagen –
wär man erneut am Anfang aller Fragen.

© lillii (Luzie-R)