![]() |
Foto: David Merett (14.08.2012): The Pockett Belles at
Goodwod Revival;
via Wikimedia Commons; Liz.: CC BY 2.0.
Wie hat man "anno
dunnemals" gedichtet, sagen wir, in den letzten noch einigermaßen
friedlichen Tagen vor dem Weltkrieg I.
Es gibt da ein "Fleißbuch" von Hans Benzmann (Hg), Moderne Deutsche
Lyrik, verlegt in 2. Auflage 1907 bei Reclam Leipzig – das auf 629 Seiten 171
Dichter vorstellt, von denen auch die Jüngsten nun an die hundert Jahre
verblichen sind.
Zu diesem Aufgebot zählen
immerhin 24 Frauen. Insgesamt aber sind nur wenige heutzutage noch in aller
Munde – sie seien hier genannt:
Dauthendey, Dehmel, Gumppenberg, Hesse, H. v. Hofmannsthal, Holz, Ricarda Huch,
Else Lasker-Schüler, Liliencron, Morgenstern, Nietzsche, Rilke, Wedekind, St. Zweig.
Einige der Bedeutendsten mussten allerdings aus Platzgründen zurückstehen: Storm,
Keller, Fontane und K. F. Meyer.
Wie man sieht, bleiben
ausreichend viele Namen übrig, an denen wir uns ausprobieren können, indem wir die
Ideen ihrer lyrischen Produkte mit heutigen Worten auszudrücken versuchen
– nicht ohne zumindest auszugsweise die von früher zu zitieren!
Ludwig
Jakobowski (1868-1900)
Junge Frauen
Die Freundin schaut mich an und
spricht:
"Verwandelt hat sich dein Gesicht!"
Die zweite spricht: "Ich fühl es schon,
du sprichst mit fremdgewordnem Ton."
Die dritte hebt betrübt mein Kinn:
Wo ist mein sonniger Bruder hin?" *)
Die vierte geht zum Erker still,
als ob sie durchs Fenster sehen will. *)
Ich weiß, sie fühlt's am tiefsten mit,
ich hör's am unhörbaren Schritt ...
-----------------------------
*) diese zwei Verszeilen stufen das Gedicht als Knittelverse ein!
Vier
junge Frauen und ein Wankelmütiger
Nach einer Idee von Ludwig
Jakobowski (vor 1900)
Vier junge Frauen sind zu mir wie
Schwestern –
die in mir etwas wie den Bruder sehn;
doch scheint dies alles plötzlich wie von gestern,
und wird als Bund vielleicht nicht mehr bestehn.
Der einen scheint verwandelt meine Miene,
die andre findet fremd den Umgangston;
dass mein Gemüt der dritten sonnig
schiene
und sorglos säh' die vierte vom Balkon!
Sie ist die stillste dieser jungen Frauen,
ist die, die wohl am tiefsten alles fühlt;
ihr ist nur nicht so leicht ins Herz zu schauen,
wie heftig es vielleicht grad aufgewühlt ...
Es könnte eben diese letzte sein,
die unserm Bund haucht neues Leben ein.
© elbwolf
-------------------------------------
Das Gedicht ist als englisches Sonett geschrieben.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen