Hier schreiben Hobbydichter für Lyrik-Freunde – meist Gereimtes und nur Druckreifes! Willkommen also, viel Vergnügen mit unseren Gedichten und deren Bebilderung!

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Bereits seit Jahresbeginn bringen wir neue Folgen an Kalenderblättern und Monatsbildern. Darum herum dann das, was sich an Einfällen so ergibt – man wird sehen! Nun ja, was man auch sieht: wir "unterschlagen" seit einer ganzen Weile auch einen gewissen Anteil an sanfter Erotik nicht länger - die Zeiten sind eben so ...

Wir teilen den Lesern unseres Versbildners mit und bitten um Verständnis, dass wir auch weiterhin das monatliche Angebot auf 6 Beiträge beschränken - die Kontaktarmut dieser Zeit bringt leider auch eine gewisse Ideenarmut mit sich. Neueinstellungen erfolgen damit um die Kalendertage des 1., 6., 11., 16./17., 21./22., 25.-27. eines Monats.

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Mittwoch, 26. Januar 2022

Der Kreis und die Tangenten – ein Ghasel

V. M. Vogt: Die zwei Tangenten von einem Punkt aus an einen Kreis (2011);
via Wikimedia Commons; Liz.: CC BY-SA 3.0

 

Der Kreis und die Tangenten
/ Erotik schräger Geometrie – ein Ghasel /

Auf allen sieben Kontinenten
träumt jeder Kreis von den Tangenten:
sie sind in seiner Welt die Liebsten,
weil sie sich nie von ihm je trennten.

Wird eine kurz mal zur Sekante,
dann sind das nur Fisimatenten:
den Kreisumfang berührt sie vorher –
bei folgenreichen Komplimenten!

Noch besser eine zweite Grade –
das gäbe Raum Experimenten:
der Kreis, dann zwischen ihren Schenkeln,
der spielte gern den Abonnenten.

Zum Dreieck braucht' es noch die Dritte
und dann ist Schluss mit Konkurrenten.
Doch fängt der Kreis auf einmal Feuer –
gibt's keine weitren Prätendenten?

Laut mathematischer Erkenntnis,
das sagen alle Rezensenten,
gibt es sogar unendlich viele
rund um den Kreis als Int'ressenten.

Die zählt der Kreis vor lauter Wonne
auch schnell zu seinen eloquenten;
besetzt am Umfang alle Punkte
und widmet sich den Sakramenten.

© elbwolf 25.01.2022
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Anm.:
Ursprünglich war das Gedicht eine freundschaftliche Streitschrift zwischen dem damaligen Community-Mitglied Ilse und mir am 9.10.2009 zwischen 16:47 und 22:09 Uhr. Da die einzelnen Partien heute nicht mehr genau fassbar sind, habe ich den Inhalt in einem Ghasel-Gedicht wiedergegeben – diese lyrische Form kannten wir damals noch gar nicht.
Ich hoffe, dass die Geometrieskizze nicht ganz überflüssig ist … 

Dienstag, 17. September 2019

Das Ghasel als Gedichtform

Der Pizza-Ofen im Lokal "Kleine Kreationen", Fremantle, West-Australien;
Foto&©: Gnangarra, 15.1.2011; via commons.wikimedia.org; Liz.: CC BY 2.5 au

Das Ghasel als Gedichtform

Das Ghasel (oder die Ghasele – stammt aus dem Orient) ist ein Gedicht, das man auch als eine (einzige) Strophe auffassen kann; es scheint aber auch nicht untersagt zu sein, mehrere solcher "Ghasel-Strophen" zu einem Gedicht zusammenzufügen – wie schon in der "Moritat von der Gräfin und ihrem Ritter" anschaulich gezeigt.

Ein (einstrophiges) Ghasel oder eine einzelne Ghasel-Strophe besteht aus aneinandergefügten Verspaaren mit folgenden Eigenschaften:
·         ihrer Anzahl nach sind es mindestens 3, allerhöchstens 10 Verspaare;
·         das erste Verspaar ist immer ein Paarreimer ("aa");
·         alle folgenden Verspaare sind ungereimt und haben den Aufbau "xa", d. h. die erste Verszeile reimt nicht mit (Kodierung dafür ist "x"), die zweite endet immer auf ein Wort mit der im allerersten Reimpaar verwendeten Reimsilbe "a";
·         das Ghasel/die Ghaselstrophe hat damit die Struktur "aaxaxa…xa";
·         die Verse dürfen beliebig viele 2- oder sogar 3-silbige Versfüße haben, müssen aber alle den gleichen Bau aufweisen.

Man wird die nicht-mitreimenden x-Verse so handhaben, dass der jeweils folgende a-Vers möglichst plausibel gerät. Andererseits wird man oft längere Verse (also mit mehr Versfüßen) einsetzen, um das Wiederauftreten des a-Reims natürlicher erscheinen zu lassen.
Ursprüngliches Anliegen des Ghasels war eine in erotischen Worten gehaltene Ansprache des Dichters an die abwesende Geliebte.
Hier folgen zwei bescheidenere Versuche mit Ghaselen über Alltäglichkeiten:


Essenspause (Lehrgedicht in Ghaselform)

Nun scheint mir doch, ich hätte lang genug gesessen,
es wäre Zeit, um endlich wieder was zu essen!
Im Wirtshaus riefe ich jetzt nach der Speisekarte,
doch hier bei mir daheim ist das nicht angemessen.
Da ist ja auch die immer gutgelaunte Köchin,
sie hat noch nie selbst kleinste Wünsche je vergessen,
ist stets bestrebt, das Beste jedem zu servieren,
egal, wenn Missgunst das auch ausgibt als "verfressen".
Die Köchin lässt sich niemals aus der Fassung bringen,
behält den Herd im Blickfeld, auf dem unterdessen
die Speisen garen; bald schon können sie vom Feuer.
Der Gong ertönt – zu Tische! – fertig ist das Essen.


Pitsche-Patsche (Lehrgedicht in Ghaselform)

Jede Fliege wird zu Matsche –
schlägt man sie mit einer Patsche.

Sieben gleich mit einem Schlage,
das ist dümmliches Gequatsche.
Zielen muss man schon ein wenig

nicht bloß fuchteln mit der Tatsche.
Schließlich gibt’s dafür Geräte:
bestens geht die Fliegenklatsche.
Schaff dir eine an – noch heute:
schon ist Ruhe auf der Datsche!

© elbwolf (09/2019)
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Beim Layoutieren hatte sich der Beitrag versehentlich "verlaufen" – wir bitten das verspätete Erscheinen zu entschuldigen!

Montag, 9. September 2019

Moritat von der Gräfin und ihrem Ritter

Moritz von Schwind (1804-71): Der Ritt Kunos von Falkenstein (1850-60) *)
Leipzig, Museum der bildenden Künste; via The Yorck Project Nr.8948; gemeinfrei.

Moritat von der Gräfin und ihrem Ritter       **)
# mit Ghasel-Strophen nacherzählt #
/Ursprungsvariante: Parodie in mutwillig-drastischer Reimung; ***)
Ansbacher Morgenblatt Nr.44 von 1847; Autor: Reritz./

1
Die Gräfin schaut schon lange aus des Burgfrieds Scharte: 
sie sucht am Horizont nach einer Feldstandarte,                    
denn unablässig stellt der Frau sich diese Frage,                   
ob nicht vielleicht der heiß geliebte Mann sie narrte,              
und draußen gar nicht nur als tapfrer Ritter kämpfe –                        
der Mann, den selber sie mit Ungeduld erwarte.                     

2
Sie hört ganz deutlich das Gezirp des Heuschrecks schrillen;
empfindet Sehnsucht, ihre Leidenschaft zu stillen.                 
Ach käme er nur heil zurück aus seinen Kämpfen,                
sie wäre ihm mit Leib und Seele ganz zu Willen.                    
Nur nicht an ihre Stelle eine andre setzen –                            
dann möge auf dem Rost ihn der Gehörnte grillen!                

3
Die Frau beginnt sich ihrem Gram zu überlassen,                  
auch wurden alle Taschentücher längst zu nassen …            
Da sieht sie im Vorüberlaufen etwas liegen –                          
die alte Flinte! Prompt kriegt sie die jetzt zu fassen,               
legt an und schießt sich auf der Stelle über'n Haufen.            
Da lag sie nun, um unverzüglich zu verblassen.                     

4
Kaum war der Gräfin Selbstentleibung so geschehen,          
sieht man am Horizont des Ritters Fähnlein wehen.              
Schon sprengt den Burgberg er herauf zur Brücken              
erklimmt den Söller – doch welch Unglück muss er sehen? 
Er stampft verzweifelt auf mit seinen Reiterstiefeln                
beim Anblick ihrer Leiche – er kann's nicht verstehen.          

5
Was hilft es, mit der Rüstung und den Spor'n zu klirren?      
Das dient dazu, den Mann nur weiter zu verwirren.                
Warum hat bloß der Mut die Gräfin jäh verlassen,                  
beginnt es ihm durch sein zermartert Hirn zu schwirren        
Noch einen Augenblick – er hätte ihr gewunken,                    
sie würde jetzt entzücken ihn mit ihrem Girren.                       

6
Sein Auge blitzt und dann entreißt er wild-verwegen             
der Scheide am Gehänge seinen Ritterdegen;                       
den schwingt er heftig, stößt die wohlgeschärfte Spitze        
sich in die Brust – verscheidet, und das ohne Segen.            
Das Schicksal hat sie beide erst vereint im Tode:                   
den starb sie seinet-, er darauf nun ihretwegen.                     

7 (Moral)
Ist unklar eine Lage – mach um sie den Bogen!                     
In Eile und mit Vorurteil wird nichts erwogen,                          
Den Degen und die Flinte lasse ganz beiseite:                       
sie bringen Gutes nicht – du bist doch gut erzogen.               
Am eigenen Geschick darfst niemals du verzweifeln,            
sonst schaufelst du dein eignes Grab – ist nicht gelogen!    

© elbwolf /für die Nacherzählung; 04.09.2019/

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Meine eigene Fassung von "Gräfin und Ritter" habe ich erst entworfen und ausgeführt, als die komplizierte Rückverfolgung der ursprünglichen Gedichtidee bis zur Quelle aufgeklärt und der Urheber ermittelt war. Die Schritte dieser Recherche sind im Beitrag hier unmittelbar drunter beschrieben.

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Anmerkungen:
*) Sarkastisch gemeint:
Moritz von Schwind muss, wie man an der Abbildung ersieht, Gräfin und Ritter wohl zu deren besten Zeiten gemalt haben …
**) Moritat
ist eine schaurige Ballade und das Erzähllied eines Bänkelsängers, der sein Publikum direkt anspricht und dabei moralische Forderungen einstreut. Handelt der Bänkelsang von einer Mord- oder Gräueltat, so spricht man von einer Moritat. /nach Wikipedia/
***) Der Parodiebegriff
in der Literaturwissenschaft stimmt weitgehend mit der Definition überein, die Gerhard Hess (1907-83); Gründungsrektor Uni Konstanz) gab: "Parodie ist aufzufassen als Schöpfung, die ein anderes Werk, eine Werkgattung oder eine Stilrichtung nachahmt und dabei in beabsichtigter Weise Komik und antithematische, d. h. gegen die Vorlage oder deren engeres Umfeld gerichtete Kritik für denjenigen erkennbar zum Ausdruck bringt, der die Vorlage kennt und das zur Wahrnehmung einer Parodie erforderliche intellektuelle Verständnis besitzt.”