Diesen Blog haben wir 11/2016 neu gestaltet und führen ihn im Team weiter. Das verspricht mehr Vielfalt - wie man wohl schon an unseren Gesichtern ablesen könnte.
Allen Besuchern - herzliches Willkommen und viel Vergnügen bei/mit unseren Gedichten!
Im NOVEMBER 2017 würdigen wir einen Mundart-Dichter aus dem Thüringischen früherer Zeit. Als eines der letzten (hier noch nie gezeigten) "Gedichte großen Formats" stellen wir die Sestine vor. Und sonst - mal sehn!

Dienstag, 21. November 2017

Vier-Säfte-Lehre (Heliane Meyer als Gast)

Vierteiliges Bühnenbild für die Posse "Das Haus der Temperamente" von Johann Nestroy *)
Kolorierter Kupferstich von Andreas Geiger nach Johann Christian Schöller, 1838.
( Quelle: wikimedia.commons; Liz.: gemeinfrei )

Vier-Säfte-Lehre  **)

„Es gehen vier Menschen gemütlich spazieren,
sind freundlich und umgänglich beim Diskutieren,
erörtern die Welt, unsern Gott und die Sterne
und sehen erstaunt einen Fels in der Ferne.

Sie nähern sich vorsichtig, möchten gern weiter.
Der erste springt drüber, bleibt fröhlich und heiter,
der zweite umgeht ihn im größeren Bogen,
der dritte verzweifelt und fühlt sich betrogen.

Der vierte gerät in verbiestertes Wüten,
liest zeternd und rasend dem Stein die Leviten,
versucht, ihn mit Kraft aus dem Wege zu stoßen,
den schweren und störenden Felsen, den großen.“

Galenos aus Pergamon sah das Geschehen,
wollt gerne die Handlungen besser verstehen.
Er suchte und fand schließlich wichtige Säfte,
die täglich bescheren uns Schwächen und Kräfte.

Entdeckte im Blute das heitere Wesen,
ein aktives Sein ohne Erbsen zu lesen;
im Schleim große Faulheit und schwerfällig Sinnen
nebst fehlendem Antrieb, den Tag zu beginnen.

Im schwärzlichen Gallensaft fand er die Trauer,
ein Dasein, umgeben von trutziger Mauer;
im gelben hingegen ein Schreien und Wüten,
die Blindheit, das Wichtige gut zu behüten.

So teilte Galenos in vier Charaktere
und schuf die bedeutsame Flüssigkeitslehre.
Es sagen die Jahre und Forschung inzwischen,
dass unsere Säfte sich meistens vermischen.

© Heliane Meyer (24.02.2016; im "Musengarten" erstveröffentlicht)
© für die Vignette: Heliane Meyer
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*) Es bewohnen
das blaue Zimmer eine Sanguiniker-Familie, das gelbe Zimmer – Phlegmatiker,
das graue Zimmer – Melancholiker, das rote Zimmer – Choleriker.

**) Die Vier-Säfte-Lehre war die Grundlage für die Humoralpathologie, eine bereits in der Antike aufgestellte (später von Galenos systematisiert dargestellte) und bis ins 18. Jh. allgemein anerkannte Lehre von den Körpersäften (lat. humor = Feuchtigkeit, Körper- oder Leibessaft), deren richtige Mischung Gesundheit bedeute, ihr Ungleichgewicht aber Krankheit verursache. Von ihr leitet sich die Temperamentenlehre ab, ein Persönlichkeitsmodell, das Menschen nach ihrer Grundwesensart einteilt. (nach Wikipedia)
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Heliane Meyer
Der Gast unseres Beitrags ist eine Berlinerin. 
Schon als kleines Mädchen "überkam" Heliane das Reimen auf Situationen ihrer Umgebung. Dann im Jahr 2007 schloss sie sich einem Gedichteforum im Internet an, in dem sie 2012 eine Gruppe gleichgesinnter Dichterinnen und Dichter gründete – "Die Glühbirnen". In wechselnder Zusammensetzung beschäftigt sich die Gruppe neben modernen auch mit klassischen Strophenformen und hat bereits fünf Sammlungen eigener Gedichte herausgegeben.
Seit 2013 besteht mit dem "Musengarten" ein eigenes Gedichteforum als Treffpunkt für Sprachbastler, Hobbydichter und erfahrene Autoren, das Gäste wie Mitglieder willkommen heißt, und das Heliane Meyer mit Unterstützung der "Glühbirnen" verwirklicht hat.
 © für Vignette; auf fotografische Ähnlichkeit hat Heliane keinen Wert gelegt!

Freitag, 17. November 2017

November – ein Monatsbild

Gerard Horenbout u. a.: Breviarium Grimani, Monatsbild November (Buchmalerei/Pergament, ~1510)
Standort: Nationale Markusbibliothek, Venedig; Quelle: wikimedia.commons; gemeinfrei.
Der November diente in weiten Teilen Deutschlands noch der Schweinemast: die Schweine
 wurden in den Wald getrieben, um sich an Eicheln, Bucheckern und Kastanien vollzufressen.
Noch heute erkennt man solche alte "Hutewälder" an ihrem Eichen- und Buchenbestand.

November – ein Monatsbild

November, auch der Nebelmond genannt,
hat längst schon angezogen grau Gewand.
                                                 ./.
Die Schweine hat man in den Wald getrieben
weil sie Kastanien wie auch Eicheln lieben.
Gemästet war das Vieh ein Leckerbissen,
um den sich selbst die Adelsleute rissen.

Der arme Mann verkam zum Fallensteller,
mit leerer Vorratskammer, leerem Keller:
durch Not gezwungen wurde er zum Diebe.
Und hatte Glück, bezog er nur die Hiebe.

Am Martinstag war Zahltag für die Pachten –
die Armen zahlten – und blieben die Verlachten.
Gedanken gehen noch zu unsren Ahnen,
die an das eigne Ende uns gemahnen.
                                                 ./.
So geht das Jahr, schon naht sich der Advent;
am Kranze bald die erste Kerze brennt.

© lillii (L-R., 07.11.2017)
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○ Link auf eine populäre Darstellung des November in mittelalterlicher Zeit.
○ Link auf eine Sammlung Lyrik- und Prosa-Titel über den November.

Dienstag, 14. November 2017

Die Sestine: (3/3) – in vollendeter Art

(A) Das Anliegen

Die Sestine gilt in jeder Spielart als schwierig – zumindest "beim ersten Male".
Im Deutschen wurde sie zunächst von Martin Opitz nachgebildet, dann hat sich Schottel ihrer angenommen; auch die Schäferstündchen-Dichter haben sie "gebraucht". Dann brachten sie die deutschen Romantiker unter das Volk, und eigentlich sollte im nächsten Absatz die (einzige) Sestine Joseph Frhr. von Eichendorff's stehen, die zu ihrer Zeit tüchtig Furore gemacht hatte. Aber auch das Genie Eichendorff hat Regeln und Rhythmus nicht eingehalten – und so haben wir Friedrich Rückert das Feld überlassen!
Wer den Einstieg ins Format der Sestine über die zwei Vorstufen mit weniger Versen (also nur 2 oder 4 ZSW) und über die volle Sestine mit "6 durchgeschobenen ZSW" verinnerlicht hat, verfügt über alle Chancen, auch hier zurechtzukommen – wenn die Sestine in der Fassung "non plus ultra" vorgestellt und abgehandelt wird! 
Zur Abb.:
Friedrich Rückert (1788-1866), Carte de Visite (1876) nach einem Gemälde von B. Semptner.
Reproduktion G. J. Radig (2009).  Quelle: wikimedia.commons; Liz.: gemeinfrei.

(B) Rückert's Sestine – ein Beispiel in vollendeter Art

Hier also das Einführungsbeispiel zur vollendeten Sestine – vom wohl produktivsten deutschen Dichter des 19. Jh. – heute weitgehend vergessen:

Friedrich Rückert: Sestine (aus den italienischen Gedichten):
Wenn durch die Lüfte wirbelnd treibt der Schnee.
Text nach der Ausgabe im Verlag J. D. Sauerländer, Frankfurt/M., 1841.
Anm: Im Internet ist nur das Google-Faksimile von Rückert's Gedicht fehlerfrei!

Wenn durch die Lüfte wirbelnd treibt der Schnee,
Und lauten Fußtritts durch die Flur der Frost
Einhergeht auf der Spiegelbahn von Eis;
Dann ist es schön, geschirmt vorm Wintersturm,
Und unvertrieben von der holden Glut
Des eignen Herds, zu sitzen still daheim.

O dürft' ich sitzen jetzt bei der daheim,
Die nicht zu neiden braucht den reinen Schnee,
Die mit der sonn'gen Augen sanfter Glut
Selbst Funken weiß zu locken aus dem Frost!
Beschwören sollte sie in mir den Sturm,
Und tauen sollte meines Busens Eis!
. . .
1: u-u-u-u-u-
2: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-
4: u-u-u-u-u-
5: u-u-u-u-u-
6: u-u-u-u-u-

6: u-u-u-u-u-
1: u-u-u-u-u-
5: u-u-u-u-u-
2: u-u-u-u-u-
4: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-
. . .

An Rückert's Beispiel einer Sestine können wir als wirkliche Neuerung den Umgang mit den Zeilenschlussworten (ZSW) in den Folgestrophen erkennen, denn sonst ändert sich an ihrem Aufbau nichts weiter.
● sie hat 6 Strophen (gezeigt sind  hier nur die ersten beiden) zu je 6 Versen;
● die Metrik ist jambisch und 10/11-silbig. Ausnahmsweise ist hier zur Sestine rechtsbündig die Metrik zur Verdeutlichung angegeben.
● es werden 6 ZSW gebraucht, und Rückert verwendet neben 5 Substantiven nur eines einer anderen Wortart – ein bisschen schade!
● die ZSW reimen nicht – hier jedenfalls tun sie es nicht, könnten es aber.
● das Verfahren für die Anordnung der ein für allemal feststehenden ZSW in den Folgestrophen ist bei einer "Sestine in vollendeter Art" ein komplizierteres Verfahren, als nur das bloße Durchschieben der ZSW nach unten.
Zwar wird in jeder Strophe zunächst durchgeschoben und das aus der untersten (sechsten) Position hinausgeschobene ZSW in der jeweiligen Folgestrophe als oberstes gesetzt,  a b e r  die anderen vier ZSW werden systematisch auf ihren Plätzen vertauscht /die Regel wird in (C) angegeben/.
● Herausforderung wie Chance scheinen nach wie vor gute Übergänge zwischen den Strophen zu sein – da kann der Dichter erfinderisch sein (siehe oben die Handhabung von "daheim").
Doch davon abgesehen, wird dem Sestine-Dichter zugemutet, viel umsichtiger seine ZSW zu wählen und viel lockerer mit ihnen umzugehen, weil er in einer Folgestrophe kaum Ansatzpunkte findet, die Ideen aus der Abfolge in der vorherigen Strophe "bloß ein wenig abzuwandeln"!

(C) Die Sestine "in vollendeter Art"

● Mit ihren wieder 6 ZSW ergibt sich ihr Format zu 6x6+6/2=39 Versen, die in 6 Strophen zu je 6 Zeilen und eine abschließende Geleitstrophe von drei Zeilen gegliedert sind;
in jeder Strophe kommen alle 6 ZSW vor, und zwar im Hauptteil nur an den Versenden, im Geleit je zwei pro Vers: eines in der "vorderen Hälfte", das andere wieder strikt am Versende;
● der Rhythmus fordert unbetonte Versanfänge bei Verslängen von 10/11 Silben (also jambisch und wie beim Sonett);
● die Verse müssen nicht gereimt sein (sind es auch meistens nicht), dürften es aber;
● das "Durchschieben der ZSW nach unten mit Umstellen der restlichen" erfolgt im Hauptteil bei einer "Sestine der vollendeten Art" nach dem folgenden streng einzuhaltenden Schema:
Nummeriert man die ZSW der Strophe (I) durch, so gilt:
(I) 1,2,3,4,5,6 → (II) 6,1,5,2,4,3 → (III) 3,6,4,1,2,5 → (IV) 5,3,2,6,1,4 →
(V) 4,5,1,3,6,2 → (VI) 2,4,6,5,3,1.
● mit den von uns gewählten sechs ZSW – 4 Substantive und zwei Verben – liegt das Schema der ZSW-Umstellungen in folgender Weise konkret fest:
erzählen, ~Text, Verse, Strophen, ~schaffen, Gedicht →
Gedicht, erzählen, ~schaffen, ~Text, Strophen, Verse →
Verse, Gedicht, Strophen, erzählen, ~Text, ~schaffen →
~schaffen, Verse, ~Text, Gedicht, erzählen, Strophen →
Strophen, ~schaffen, erzählen, Verse, Gedicht, Text →
Text, Strophen, Gedicht, ~schaffen, Verse, erzählen.
● Anm.: Die Tilde steht für andere Vorsilben, z. B. beschaffen; Prosa-Text.


Der (ver)zweifelnde Poet

Du möchtest etwas freiheraus erzählen,
das dir zu schade scheint für schlichten Text,
und dächtest drum, du setztest es in Verse?
Nach Regeln bildest du aus denen Strophen,
die ihren Eindruck uns erst dann verschaffen,
wenn du das Ganze vorträgst als Gedicht!

Du meinst, es wäre einfach, im Gedicht
uns einen Inhalt bündig zu erzählen,
obwohl Gedichte das ganz anders schaffen,
als eben so ein bloßer Prosa-Text.
Es zahlt sich aus, weil diese festen Strophen
so gut verwahren die geschliff'nen Verse!

Die Sorgfalt richtet sich zunächst auf Verse –
nach ihnen heißt mitunter das Gedicht –
und Namen geben sie selbst manchen Strophen.
Erst dann geht es so richtig ans Erzählen,
das ist genau so wie bei jedem Text,
nur Aufwand kann man sich damit viel schaffen.

Will man für die ganz eignen Zwecke schaffen,
bedarf es augenscheinlich nicht der Verse:
man setzt sich hin, schreibt nieder seinen Text,
hat auch im Hinterstübchen kein Gedicht –
mag sonst wer Gegenteiliges erzählen:
der Alltag wird nicht eingeteilt in Strophen.

Besonderes fügt sich von selbst zu Strophen,
es ist auf seine eigne Art beschaffen …
Ein guter Schreiber schüttelt beim Erzählen
in einem fort – wie aus dem Ärmel – Verse,
bis er uns hochbeglückt zeigt sein Gedicht
das er für besser hält als jeden Text!

Wer ist so selbstkritisch zu seinem Text
und meint, es ginge diesmal nur in Strophen,
denn offensichtlich sei das ein Gedicht?
Mit dem lässt sich tatsächlich Eindruck schaffen,
man lauscht dir ganz gespannt auf deine Verse …
Ach – hast du wirklich etwas zu erzählen?

Du willst erzählen / bündig deinen Text?         
dann füge Verse / einsichtig zu Strophen –               
sie schaffen, was du suchst / ein gut Gedicht!


1: u-u-u-u-u-u
2: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-u
4: u-u-u-u-u-u
5: u-u-u-u-u-u
6: u-u-u-u-u-

6: u-u-u-u-u-
1: u-u-u-u-u-u
5: u-u-u-u-u-u
2: u-u-u-u-u-
4: u-u-u-u-u-u
3: u-u-u-u-u-u

3: u-u-u-u-u-u
6: u-u-u-u-u-
4: u-u-u-u-u-u
1: u-u-u-u-u-u
2: u-u-u-u-u-
5: u-u-u-u-u-u

5: u-u-u-u-u-u
3: u-u-u-u-u-u
2: u-u-u-u-u-
6: u-u-u-u-u-
1: u-u-u-u-u-u
4: u-u-u-u-u-u

4: u-u-u-u-u-u
5: u-u-u-u-u-u
1: u-u-u-u-u-u
3: u-u-u-u-u-u
6: u-u-u-u-u-
2: u-u-u-u-u-

2: u-u-u-u-u-
4: u-u-u-u-u-u
6: u-u-u-u-u-
5: u-u-u-u-u-u
3: u-u-u-u-u-u
1: u-u-u-u-u-u

1+2: u-u-u-u-u-
3+4: u-u-u-u-u-u
5+6: u-u-u-u-u-
     
 ● Da die 6 ZSW unterschiedliche Betonung tragen, kommt es zu wechselnden Verslängen von 11/10 Silben;
● Das in den Folgestrophen geltende Schema der ZSW-Anordnung wird  eingehalten; die Strophen haben deshalb weiterhin wechselnde Verslängen.
Außerdem führt diese Anordnung der ZSW-Betonung zu einer Rhythmusform,
die sich am lebendigsten anhört
● Die Geleitstrophe ist 3-zeilig; sie setzt die ZSW in der Abfolge von Strophe (I) ein. Dadurch kommt es auch hier zu wechselnden Verslängen.
● In dieser Geleitstrophe steht nur zwei der drei "linksseitigen" ZSW (nämlich "erzählen" und "Verse") vers-mittig.
● Wegen der Bedeutung des Abschlussbeispiels ist auch hier zur Sestine rechtsbündig die Metrik der besseren Verdeutlichung wegen angegeben.

© elbwolf (W.H.,12.11.2017)
/ nach dem Material des Verfassers zu einem Vortrag am 12.8.2010 im Lyrik-Seminar des Kultursommers an der Schwabenakademie Irsee /

Freitag, 10. November 2017

Gewissheit

Egon Schiele (1890-1918): Der Tod und das Mädchen (1915).
Standort: Österreichische Galerie Belvedere, Wien; Inv.-Nr. 3171;
Quelle: wikimedia.commons; Liz.: gemeinfrei.
Reproduktion ist Bestandteil von "The Yorck Project" und von "Google Art Project" *)

 Gewissheit (Sonett)

Der Mensch wird allzeit mit dem Tode ringen –
zum Überleben fehlt der rechte Biss.
Gevatter Tod weicht nicht, dies ist gewiss:
er wird sein Zepter ständig weiter schwingen.

Auch wenn Du denkst, Du kannst das Leben zwingen,
dann stellst Du fest: es hat schon einen Riss.
Der Tod ist nie bereit zum Kompromiss
und wird den Sieg am Ende doch erringen.

Denn treu ist er und ständiger Begleiter,
und niemand lebt für alle Ewigkeit –
genieße drum dein Leben jetzt, sei heiter!

Denn Grübeln schmälert Deine Lebenszeit.
Vom Tod vergessen wurde bisher keiner,
ob hochgestellt er sei oder Gemeiner.

© lillii (L-R, Okt. 2017)

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*) In diesem Gemälde greift Schiele das bereits seit der Renaissance bekannte Motiv vom Tod und Mädchen auf: die Frau umklammert die Gestalt wie einen Geliebten. Der Tod ist nicht als Gerippe dargestellt, sondern in einer Mönchskutte, und verliert dadurch seinen Schrecken. /nach Wikipedia/

Mittwoch, 8. November 2017

Die Sestine: (2/3) – in der etwas einfacheren Art

(A) Das Anliegen

Die Sestine gilt selbst in der einfacheren Art (mit lediglich Durchschieben der sechs ZSW = Zeilenschlusswörter) als schwierig. Im Deutschen wurde sie zuerst von Martin Opitz († 1639, Danzig) nachgebildet – trotzdem hat  es bis auf den heutigen Tag keine einzige in den "Kleinen Conrady" (Lauter Lyrik. Eine Sammlung deutscher Gedichte, 2008) geschafft!
Im Conrady fand sich übrigens ein Vers von Christa Reinig (*1926):

hochverehrtes publikum
werft uns nicht die bude um
wenn wir albernes berichten
denn die albernsten geschichten
macht der liebe Gott persönlich

Wer den Einstieg ins Format der Sestine über die zwei Vorstufen mit weniger Versen (nur 2 oder 4 ZSW) verinnerlicht hat, verfügt über alle Chancen, auch hier zurechtzukommen – Herausforderung aber bleibt die Sache natürlich!

Zu Abb. & Buchtitel:
Justus Georg Schottel (latinisiert: Schottelius; *1612; † 1676, Wolfenbüttel).
Titel der Berliner Ausgabe als Taschenbuch in der Edition Holzinger, 2013.
(vollständiger, durchges. Neusatz mit einer Biographie des Autors; derzeit nur antiquarisch verfügbar)

(B) Schottel's "De Sextina" – Beispiel einer Sestine der einfacheren Art

Gern überließen wir J. G. Schottel(ius) auf der Stelle das Feld – aber er dichtet in der Sprache von vor mehr als 350 Jahren! Wir stellen uns also zunächst der Aufgabe, ihn in einem heute verständlichen Deutsch wiederzugeben! Dabei reichen die ersten beiden Strophen, um geltende Regeln zu erkennen (und gleich die Verslängen von den alexandrinischen 12/13 Silben auf übliche jambische 10/11 zurückzunehmen):

Es schleicht sich so dahin, kommt in Verzug,
Eh es sich einstellt, das ersehnte Glück:
Man muss mit Meisterhand und mühsam bauen,
Eh man sein eignes Haus kann ganz besitzen:
Wenn mit Geduld man baut, vertraut hat fest,
Kann man genießen, was man sich gewünscht.

Die Ostersonne strahlt uns wie gewünscht,
Ist hell und klar, war lange in Verzug,
Bringt den Geburtstag her, mit ihm viel Glück,
Erst recht, wenn mit uns Himmelskräfte bauen:
Sie lassen unsern Fürst ein Reich besitzen
Und gründen seinen Herrschaftsanspruch fest.
. . .
1: u-u-u-u-u-
2: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-u
4: u-u-u-u-u-u
5: u-u-u-u-u-
6: u-u-u-u-u-

6: u-u-u-u-u-
1: u-u-u-u-u-
2: u-u-u-u-u-
3: u-u-u-u-u-u
4: u-u-u-u-u-u
5: u-u-u-u-u-
. . .

An Schottel's Beispiel einer Sestine können wir Typisches erkennen:
● zunächst dies: sie existiert noch, und sie ist gut dokumentiert; z. B. bei:
Gerhard Grümmer: Spielformen der Poesie, BI Leipzig, 1985; S. 179/80.
● sie hat 6 Strophen (gezeigt sind die ersten beiden) zu je 6 Versen;
● die Metrik ist jambisch und 10/11-silbig. Übrigens: die Versverkürzung tut gut, aber zu Zeiten des früheren barocken "Geschwafels" nahmen Dichter (wie Schottel) eben gern Zuflucht zu Langversen, um "zu Stuhle" zu kommen.
Ausnahmsweise ist hier zur Sestine rechtsbündig die Metrik zur Verdeutlichung angegeben.
● es werden 6 ZSW gebraucht, und hier sind sogar bloß zwei Substantive  darunter; zwei Verben, ein Partizip (gewünscht) und ein Adverb (fest) – Spitze!
● die ZSW reimen nicht – hier jedenfalls tun sie es nicht.
● das Verfahren für die Anordnung der ein für allemal feststehenden ZSW in den Folgestrophen ist bei der "einfacheren Art einer Sestine" das "Durchschieben der ZSW nach unten": das dabei aus der untersten (hier also immer der sechsten Position) hinausgeschobene ZSW wird in der jeweiligen Folgestrophe als oberstes gesetzt – die Reihenfolge der übrigen fünf bleibt in Bezug aufeinander in der Folgestrophe erhalten!
● Herausforderung wie Chance scheinen gute Übergänge zwischen den Strophen zu sein – da kann der Dichter erfinderisch sein, siehe oben: vom Genießen des gebauten Hauses (Ende Strophe I) zur strahlenden Ostersonne (Anfang Strophe II) – mit gleichem ZSW "gewünscht".

(C) Die Sestine "der einfacheren Art"

Wir entwickeln sie aus der Vorstufe "Quartine" von Teil 1(3), indem wir zwei weitere ZSW hinzunehmen.
● mit diesen nun insgesamt 6 ZSW ergibt sich das Format zu 6x6+6/2=39 Versen, die in 6 Strophen zu je 6 Zeilen und eine abschließende Geleitstrophe von drei Zeilen gegliedert sind.
in jeder Strophe kommen alle 6 ZSW vor, und zwar im Hauptteil nur an den Versenden, im Geleit je zwei pro Vers: eines in der "vorderen Hälfte", das andere wieder strikt am Versende.
● der Rhythmus fordert unbetonte Versanfänge bei Verslängen von 10/11 Silben (also jambisch und wie beim Sonett).
● die Verse müssen nicht gereimt sein (sind es auch meistens nicht), dürften es aber – und bei uns reimen sich ja auch Gesumm und Gebrumm.
● das "Durchschieben der ZSW nach unten" im Hauptteil geht bei der "einfacheren Sestine-Art" nach folgendem Schema vor sich:
Nummeriert man die ZSW der Strophe (I) durch, so gilt:
(I) 1,2,3,4,5,6 → (II) 6,1,2,3,4,5 → (III) 5,6,1,2,3,4 → (IV) 4,5,6,1,2,3 →
(V) 3,4,5,6,1,2 → (VI) 2,3,4,5,6,1.
● mit den von uns gewählten sechs ZSW – die früheren 4 Substantive und noch ein Adjektiv ("~gefährlich") und ein Verb ("~kommen") – legen wir dieses Schema in der folgenden Weise fest:
Biene, Gesumm, ~gefährlich, Hummel, Gebrumm, ~kommen →
~kommen, Biene, Gesumm, ~gefährlich, Hummel, Gebrumm →
Gebrumm, ~kommen, Biene, Gesumm, ~gefährlich, Hummel →
Hummel, Gebrumm, ~kommen, Biene, Gesumm, ~gefährlich →
~gefährlich, Hummel, Gebrumm, ~kommen, Biene, Gesumm →
Gesumm, ~gefährlich, Hummel, Gebrumm, ~kommen, Biene.
● Anm.: Die Tilde steht für andere Vorsilben, z. B. in unterkommen; ungefährlich.

Titel gibt es noch keinen … oder doch?

Voll Reiz ist stets der Flug der schlanken Biene,
die sich so leicht verrät durch ihr Gesumm,
doch wer empfindet das denn als gefährlich?
Dagegen torkelt fast die dralle Hummel,
vernehmbar ist ihr lustvolles Gebrumm,
dem aber will man erst einmal entkommen!     

Man sieht sich um nach einem Unterkommen,
denn niemand denkt dabei an eine Biene
und ihr bekanntlich reizvolles Gesumm.
Das hier scheint sicher nicht ganz ungefährlich
und hört sich durchaus an nach einer Hummel:
es geht massiv aufs Ohr, solch ein Gebrumm!

Warum fliegt sie mit solch einem Gebrumm –
fast schon Gewitter, das im Näherkommen ...
Mir wär' viel lieber jede Honigbiene,
die raffiniert vertraut auf ihr Gesumm.
Ich will es überhaupt nicht so gefährlich
und habe kein Verlangen nach der Hummel!

Doch langsam denk ich mich hinein, du Hummel,
und finde voller Lüste dein Gebrumm.
Wärst du am Ende mir vielleicht willkommen,
wie sonst gewöhnlich nur die schlanke Biene?
Verzichte ich vielleicht mal auf Gesumm
und lebte ausnahmsweise mehr gefährlich?

War's denn nicht relativ, dies "zu gefährlich",
das mich vermeiden ließ so jede Hummel?
Und mich auf einmal packt nun dies Gebrumm?
Dem will ich endlich auf die Schliche kommen –
versteckt sich Anderes als bei der Biene
mit ihrem ewig gleichen Wohlgesumm?

Ist es nicht einerlei, dass gilt Gesumm
gemeinhin doch als ziemlich ungefährlich,
zumindest im Vergleich mit einer Hummel
und deren durchaus lüsternem Gebrumm?
Wem es bestimmt jedoch, zu Fall zu kommen,
ist es egal, ob Hummel oder Biene!

Wie einer Biene / reizvolles Gesumm
gefährlich werden kann, / wird auch die Hummel
durch ihr Gebrumm / zu mancher Beute kommen.


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4: u-u-u-u-u-u
5: u-u-u-u-u-
6: u-u-u-u-u-u
1: u-u-u-u-u-u

1+2: u-u-u-u-u-
3+4: u-u-u-u-u-u
5+6: u-u-u-u-u-u

● Da die 6 ZSW unterschiedliche Betonung tragen, kommt es zu wechselnden Verslängen von 10/11 Silben;
● Das in den Folgestrophen geltende Schema der ZSW-Anordnung wird  eingehalten; die Strophen haben deshalb weiterhin wechselnde Verslängen.
● Die Geleitstrophe ist 3-zeilig; sie setzt die ZSW in der Abfolge von Strophe (I) ein. Dadurch kommt es auch hier zu wechselnden Verslängen.
● In dieser Geleitstrophe steht nur das "linksseitige" ZSW "Biene" vers-mittig.
● Ausnahmsweise ist hier zur Sestine rechtsbündig die Metrik zur Verdeutlichung angegeben.

© elbwolf (W.H., 7.11.2017, bearbeitet)
/nach einem Vortrag des Verfassers am 12.8.2010 an der Schwabenakademie Irsee/