Unser Blog ist von Hobby-Poet*essen für Lyrik-Liebhaber, darunter auch für anspruchsvolle! Wir führen ihn im kleinen Team und - der Vielfalt wegen - mit persönlich eingeladenen Gästen.
Allen Besuchern - herzliches Willkommen und viel Vergnügen bei/mit unseren Gedichten und Bildern!
Im Juli 2018 setzen wir unsere Serien (Kalenderblatt, Monatsbild; leider noch nicht die Ballade) fort. Wir bringen ein großes Pantun, erstmals eine Hand voll Klapphornverse sowie (Überraschung!) Trioletts und ein Rondel ... und sonst? Na, reicht das nicht?

Montag, 16. Juli 2018

Allerlei Betätigung – Klapphornverse (1)


Allerlei Betätigung
          Klapphornverse, einige der FIFA gewidmet

(1)
Zwei Knaben übten sich im Raten,
doch als sie einen Fremden fragten,
ob zwei mal zwei denn wirklich vier,
fragt der: Ihr seid wohl nicht von hier?
(2)
Zwei Meechen hatten einen Freund,
den sahen beide nur mit Joint,
er war auch nicht vom Ei das Gelbe,
doch sah in jeder er dieselbe.
(3)
Zwei Boxer steigen in den Ring,
obwohl das Boxen nicht ihr Ding.
Verausgegabt, ganz ohne Mittel,
so boxen jetzt sie um den Titel.
(4)
Zwei Bläser bliesen meist Posaune,
vorausgesetzt die gute Laune;
bei schlechter blies man bloß Trompete,
bei wirklich mieser nur noch Flöte.
(5)
Der Bauer spannte ein den Gaul,
der war zum Wagenziehn zu faul.
Und wirklich kam ein Regenschauer –
da spannt ihn wieder aus der Bauer.
(6)
Es suchten sich zwei Kirchenmäuse
gegenseitig ab die Läuse
und waren mangels Läusen froh,
als sie gefunden einen Floh.

Foto+©: MielDeAbejas (Chile, 2007): Tischfußball;
via wikimedia.commons; Liz.: CC BY 3.0
(7)
Zehn Kicker rasen übern Rasen
denn mit dem Ball ist nicht zu spaßen:
sie zielen auf der andern Tor –
dort steht ein Gegner noch davor.
(8)
Zweiunddreißig Crews hat das Turnier,
doch sage ich mir mit Gespür:
einunddreißig reisen ab
mit im Gepäck nicht einem Cup!
- - - - -
Die folgende aktuelle Pressemitteilung
Zitat (in deutschen Medien seit 25.06.2018, z. B. bei ZEIT ONLINE)
"Es gibt keinen denkbaren Plan für eine nationale Lösung.
Wir reden über eine Fiktion."
Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.
erschien mir so "ulkig", dass ich diesen Klapphornvers zugebe:
(9)
Herr Röttgen redet ungern von Fiktionen,
er will vor dem Undenkbaren uns schonen:
Die "nationale Lösung" – wurde nie geplant?
"Wir schaffen das" – wem hatte das nicht gleich geschwant!

© Wolfgang H., 26.06.2018
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Legende:
Klapphornverse (eigentlich ~strophen) wurden 1878 erfunden und gehören seitdem zur deutschen Ulk-Lyrik. Sie haben das Reimschema "aabb", bestehen also aus zwei Paarreimern. Ein ideales Szenario stellt im Vers-1 die Akteure vor, die in Vers-2 eine Aktion ankündigen, die ihnen in Vers-3 durch die Finger rinnt und in Vers-4 gegen sie wendet oder endet wie das Hornberger Schießen.
Der Ulk-Effekt verstärkt sich, weil missliches Reimen, ungleiche Rhythmik, Pseudo-Wortschöpfungen und abstruse Logik ausdrücklich erwünscht sind.
Unter den Klapphornversen gibt es Spitzenreiter, von denen wohl diesem abschließend zitierten ein vorderster Platz gebührt:
(10; Autor unbekannt)
Zwei Knaben gingen durch das Korn,
der Zweite hat den Hut verlor'n.
der Erste würd' ihn finden,
ging er statt vorne hinten.

In diesem Sinne …
… sind meine eigenen Verse (1-9) eher Beispiele für unterschiedliche Szenarien und/oder Effekte und nicht "Geistesblitze" – ein Geistesblitz ist (10)!
Verse (5) spiegeln das oben erwähnte Ideal-Szenario wieder, das als "Hornberger Schießen" endet.
Bei eigenen Versuchen sollte man durchaus forsch und unbedarft "rangehen", denn:
die folgenden lyrischen Misstöne sind in Klapphornversen willkommen:
○ falsche Reimwörter (1; fragten/raten), (4; Trompete/Flöte), (7; Rasen/spaßen), (8; Turnier/Gespür);
○ krause Worterfindungen (2; Meechen), (3, verausgegabt);
○ bedenkliche Satzkonstruktionen (2; jede als dieselbe), (8; mit … nicht einem Cup);
○ abstruse Logik (1; Verse 3/4), (10; Verse 3/4);
○ Verstöße gegen die Rhythmik, insb. an Versanfängen: finden sich so gut wie überall!

Donnerstag, 12. Juli 2018

Juli – Ein Monatsbild

Brüder von Limburg: Monatsbild Juli (Miniatur, Tempera/Pergament, 1412-16),
aus dem "sehr reichen Stunden(Gebet)buch des Jean de Valois, Herzog von Berry";
heute im Musée Condé auf Schloss Chantilly; via wikimedia.commons; gemeinfrei.
./.
Darstellung der für den Monat Juli typischen landwirtschaftlichen Tätigkeiten.
Die Szene spielt sich in der Nachbarschaft von Château du Clain in Poitiers ab, 
an dem sich schon die Wandlung von der Burg zum Schloss widerzuspiegeln beginnt.

Juli – Ein Monatsbild

Mit Juli beginnt die zweite Jahreshälfte.
Das Korn ist reif und muss geschnitten werden.
Die Weizenähren leuchten golden auf.
Bauern, in leichter Kleidung, sind bei der Arbeit.
Mit Sicheln statt mit Sensen wird gemäht;
der Schnitt ist diesmal höher angesetzt,
und somit bleibt genügend Stroh fürs Vieh.

Das gemähte Korn liegt noch auf dem Boden.
Später wird es zu Garben aufgebunden.
Mohn- und Kornblumen säumen alle Wege.
Auf der nahen Wiese beginnt die Schafschur.
Eine Frau und ein Mann halten das Tier.
Mit speziellem Werkzeug beginnt die Schur.
Die Wolle sammelt sich zu beider Füßen.

Die Frau ist nicht als Bäuerin gekleidet –
Haube und Schleppe entsprechen einer Dame;
vielleicht ist das aber eher ein Idealbild.
Ein Bächlein trennt die Felder voneinander.
Es mündet in den ausgedehnten Schlossteich.
Eine Zugbrücke spannt sich bis zum Burgtor.
Welch eindrucksvolles Bild der Vergangenheit!

© Luzie R.. (07/2018)
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Anmerkungen:

Das Monatsbild Juli vom Vorjahr 2017 verwendete als Illustration ein Bild aus dem "Breviarium Grimani" (1490-1510); ihm gegenüber entstand dieses Bild hier oben fast ein Jahrhundert früher. Was diese Zeitspanne von 1412-16 bis etwa 1500 gebracht hat, zeigt ein Bilder-Vergleich: Juli-Bild aus dem Grimani-Brevier!

○ Link auf eine umfängliche Beschreibung des Juli im "Stundenbuch"
● in der deutschen Fassung der Wikipedia
● und in einer originalen französischen Kurzfassung.

○ Literatur: Heinrich Trost: Die Monatsbilder der Brüder von Limburg; Henschelverlag 1962 (Broschur); Reihe "Welt der Kunst"; antiquarisch/selten, Preis 5 - 20 €, aber dafür auch eingeklebte farbige Bildern und Beschreibungen aller Monate!

○ Die Verse sind fünfhebige ungereimte Akzentverse (s. Stummer, S. 45/46).

Montag, 9. Juli 2018

Was Zeus erlaubt ist … (Replik auf "Kugelmenschen")

Annibale Carracci (1560-1609): Jupiter und Juno (1597), Galerie Farnese, Rom.
Fresco in der Serie "Götterlieben"; Quelle, Urheber unbekannt; Public domain.

 Was Zeus erlaubt ist …
(Replik auf den vorhergehenden Beitrag "Kugelmenschen")

Was wäre, wenn der Göttervater
sich hätte mehr zurückgehalten
und nicht mit allerhand Theater
die Kugelmenschen aufgespalten?

Dann kullerten wir zweifelsohne
bis heut und fürderhin so weiter
und sähen sicher im Padrone
für Menschen keinen Wegbereiter.

Doch war es Zeus nicht zuzutrauen,
dass er im Fall von langer Weile
auch hätte auseinand'gehauen
die Kugelmenschen in vier Teile?

Und dann? Auf einem Beine springen;
nur eine Hand zum Lasten tragen –
wem würde das wohl schon gelingen,
wer wollte solches Dasein wagen?

Ihr seht, wie sorgfältig Zeus-Vater
für uns hat alles eingerichtet
und selber spielte den Berater,
der Zweier-Spiele unterrichtet.

elbwolf, 23.6.2018
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Anmerkung:
Unter dem folgenden Link bietet die engliche Ausgabe von Wikipedia den gesamten Freskenzyklus der "Götterlieben" im Detail und in Übersichten.

Donnerstag, 5. Juli 2018

Kugelmenschen (Pantun)

Kugelmenschen – moderne Nachahmung in der Art antiker Vasenmalerei
Trotz häufiger Verwendung auf Webseiten ist eine Urheberschaft nicht zu ermitteln.*)

Kugelmenschen (Pantun)

Anfangs nur war Mann und Frau ein Wesen,
mit vier Händen, Beinen wohl bedacht –
als Geschöpfe einfach auserlesen –
kugelförmig; und sie hatten Macht.

Mit vier Händen, Beinen wohl bedacht
gingen sie behände durch ihr Leben,
kugelförmig, und sie hatten Macht;
und schon ewig Götter nach ihr streben.

Gingen sie behände durch ihr Leben,
ward sodann dem Zeus die Macht zu groß;
und schon ewig Götter nach ihr streben –
gab daher Befehl zum Todesstoß.

Ward sodann dem Zeus die Macht zu groß;
trennt er diese Art mit Donnerkeil;
gab daher Befehl zum Todesstoß.
Jede Hälfte sucht seither ihr Teil.

Trennt er diese Art mit Donnerkeil;
weil er seine Übermacht will schützen.
jede Hälfte sucht seither ihr Teil,
um den andern Teil zu unterstützen.

Weil er seine Übermacht will schützen,
deshalb suchen Männer sich nun Fraun,
um den andern Teil zu unterstützen
und sich gegenseitig zu vertraun.

Deshalb suchen Männer sich nun Fraun,
wollen wieder eins sein in der Liebe.
um sich gegenseitig zu vertraun;
wunderbar wär es, wenn es so bliebe.

Wollen wieder eins sein in der Liebe.
als Geschöpfe einfach auserlesen.
Wunderbar wär es, wenn es so bliebe:
Anfangs nur war Mann und Frau ein Wesen.

© Luzie-R (lillii, 22.06.2018)

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*) Eine Bildsuche mit Yandex liefert etwa 60 Nachweise für die Verwendung dieser Abbildung, darunter die folgenden (aufrufbaren) auf Blogspot: methodeprismao.blogspot.com, corazoneslagrimasysonrisass.blogspot.ru, vuelaunalechuza.blogspot.com .

Anmerkung:
Die Kugelmenschen sind mythische Wesen der Antike. Sie erscheinen nur in einem Mythos, den Platon in seinem fiktiven, literarisch gestalteten Dialog Symposion von dem berühmten Komödiendichter Aristophanes erzählen lässt. Der von Platon erfundene Mythos soll die Macht des Liebesgottes Eros erklären, indem er den Grund für die Entstehung des erotischen Begehrens aufdeckt. (nach wikipedia).

Detaillierter wird dort ausgeführt:
Die Art des Vereinigungsstrebens der Zweibeiner hängt davon ab, zu welchem der drei Geschlechter sie einst gehörten: zu den rein männlichen Kugelmenschen, zu den rein weiblichen oder zu denen mit einer männlichen und einer weiblichen Hälfte. Je nach dieser ursprünglichen Beschaffenheit eines Kugelmenschen weisen dessen getrennte Hälften jetzt eine heterosexuelle oder homosexuelle Veranlagung auf. Damit erklärt Platons Aristophanes die Unterschiede in der sexuellen Orientierung. Nur die aus den zweigeschlechtlichen Kugelmenschen, den androgynoi, entstandenen Menschen sind heterosexuell. (zit., ebd.)

Sonntag, 1. Juli 2018

Kalenderblatt 07/2018 (Renate Totzke–Israel a. G.)


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©  Renate Totzke-Israel
(Illustration zu Branstners
Die Ochsenwette, 1982³)
 ©  Wolfgang H. (Verse)

































Ganz ungewöhnlich gefallen  /persische Anekdote/
Ein Reisender kam zu Beginn der Nacht
in einen Ort und suchte mit Bedacht
ein Schlafquartier, das er auch fand.
Ein Hauswirt gab ihm kurzerhand         
im Erdgeschoss ein freies Zimmer.
"Willst du es haben?" – "Ja doch, immer!"

Dem Wirt schien später dann in tiefer Nacht,
dass oben eine Männerstimme lacht.
"Das könnte bloß der Fremde sein,
nur schläft der unten ja allein;
der Hausfrau ihr Bereich ist oben:
die Sache dünkt mir recht verschroben!"
Er geht hinauf ins Zimmer, sieht den Gast:
"Sag mir, was Du hierselbst verloren hast!"
"Nun denn, ich drehte mich im Schlaf   
und fiel dabei herauf – kreuzbrav!"
"Von unt' nach oben? Nicht hinunter?
Was du erzählst, geht kaum noch bunter!"

"Ich lach ja selbst aus eben diesem Grund!"
"Das reicht mir aber jetzt, infamer Spund",
so spricht der Wirt und wirft mit Kraft
den Gast hinab, "das ist geschafft:
Soeben fielst du wieder richtig!"
Die Frau bleibt unerwähnt, weil nichtig!