Unser Blog ist von Hobby-Poet*essen für Lyrik-Liebhaber, darunter auch für anspruchsvolle! Wir führen ihn im kleinen Team und - der Vielfalt wegen - mit persönlich eingeladenen Gästen.
Allen Besuchern - herzliches Willkommen und viel Vergnügen bei/mit unseren Gedichten und Bildern!
Im April 2018 setzen wir unsere Serien (Kalenderblatt, Monatsbild und Ballade) fort und beenden die Gesangesfreuden. Eine bekannte Anekdote um Sokrates kommt als Gedicht. Wir philosophieren um Sinn und Inhalt des Lebens ... und sonst? Mal sehn!

Dienstag, 24. April 2018

April – Ein Monatsbild

Brüder von Limburg: Monatsbild April (Miniatur, Tempera/Pergament, 1412-16),
,,aus dem "sehr reichen Stunden(Gebet)buch des Jean de Valois, Herzog von Berry";
heute im Musée Condé auf Schloss Chantilly; via wikimedia.commons; gemeinfrei.
./.
Darstellung der für den Frühlingsmonat typischen Erbauungen und Lustbarkeiten
In der Ferne sichtbar des Herzogs eigene (seit 1385) Burg Dourdan;
es könnte sich aber auch um das Schloss Pierrefonds handeln.

April – Ein Monatsbild

Wald und Fluren sind nun schon ergrünt,
auf frischen Wiesen sprießen erste Blumen.
Vom Schloss sind auch die Herrschaften gekommen,
den Frühlingstag in der Natur zu genießen.
Zwei Mädchen pflücken Sträuße blauer Veilchen,

Herausgeputzt steht da die kleine Gruppe:
die Roben weisen auf die hohe Stellung;
ein jeder ist auf seinen Stand bedacht.
Ein blauer Mantel ist bestickt mit Kronen,
ihn trägt der Höchste dieser kleinen Runde.

Er, der Bräutigam, der sich der Braut verlobt:
Den Ring steckt er gerad auf ihren Finger,
bemüht, den Blick der Augen zu erhaschen.
Es ist eine Begegnung ganz unter sich,
und ist doch wie Zeremonie bei Hofe.

Nur unter seinesgleichen verband man sich,
Oftmals waren Kinder schon versprochen.
Es ging dabei um Macht und Einflussnahme,
auch die Familie wurde Politik …
und auf dem Hügel steht die Adelsburg!

© Luzie R.. (04/2018)
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Anmerkungen:

Das Monatsbild April vom Vorjahr 2017 verwendete als Illustration ein Bild aus dem "Breviarium Grimani" (1490-1510); ihm gegenüber entstand dieses Bild hier oben fast ein Jahrhundert früher. Was diese Zeitspanne von 1412-16 bis etwa 1500 gebracht hat, zeigt ein Bilder-Vergleich: April-Bild aus dem Grimani-Brevier!

○ Link auf eine umfängliche Beschreibung des April im "Stundenbuch"
● in der deutschen Fassung der Wikipedia
● und in einer originalen französischen Kurzfassung.

○ Literatur: Heinrich Trost: Die Monatsbilder der Brüder von Limburg; Henschelverlag 1962 (Broschur); Reihe "Welt der Kunst"; antiquarisch/selten, Preis 5 - 20 €, aber dafür auch eingeklebte farbige Bildern und Beschreibungen aller Monate!

○ Die Verse sind fünfhebige ungereimte Akzentverse (s. Stummer, S. 45/46).

Freitag, 20. April 2018

Ballade-4: Hassan ben Ali (Heliane Meyer a. G.)

Francesco Hayez (1791-1881): Die neue Favoritin (Haremsszene; 1866)
Privatsammlung Mailand; via The Yorck Project; public domain.
(Illustration in der engl. Wikipedia zu "Arabische Kultur")

Hassan ben Ali

Der greise Herr Hassan, ein Scheich aus El-Yaaver,
entfachte im Harem ein großes Palaver.
Verkündete leis und von Schmerzen gebogen:
„Wir fahren zur Kur, was ich lang schon erwogen.“

Man packte die Schränke, die Koffer, die Kisten,
die Frauen, die Burkas, die Klunker nach Listen,
bestieg samt dem Hofstaat den eigenen Flieger;
der kam dann nach Stunden in Piestany nieder.

Es harrten des Hadschi bereits Limousinen.
Vom herbstlichen Sonnenlicht golden beschienen
kutschierten sie zügig und ohne viel Worte
zum Balnea Spa, dem weit Besten vor Orte.

Dort warteten Diener in hübschen Livreen,
sie halfen dem Scheich, halbwegs aufrecht zu gehn.
Sechs Frauen, verschleiert, die schritten behände
im Gänsemarsch längsseits der marmornen Wände.

In kostbar erneuerten, riesigen Räumen
kann Hassan ben Ali vom Wüstenland träumen,
im Fango, so wird er, bei Allah, genesen:
Vom Auge wird jeglicher Wunsch abgelesen.

Die Frauen sind manchmal im Kurpark zu sehen,
wo zahlreiche Herren sie wachsam umstehen.
Sie schweigen mit Haltung, ich glaube, sie beten
zum Scheich und zu Allah und seinem Propheten.

Sind gänzlich in kostbaren Stoffen verborgen
zum Mittag, zum Tee und am helllichten Morgen.
Sie nehmen nicht Anteil am Kurgästeleben,
sind einzig dem eignen Kulturkreis ergeben.

Des nachts, wenn die Frauen im Schlafe versinken,
flitzt Hassan zur Bar, um dort Schampus zu trinken.
Genießt seine Freiheit mit glücklicher Miene,
schlürft Austern und kost eine dralle Blondine.

© Heliane Meyer
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Glossar:

   Burka (in Strophe-2): Die Burka ist ein Kleidungsstück, das der vollständigen Verschleierung des Körpers dient. Die Burka wird von vielen Frauen in Afghanistan und Teilen von Pakistan getragen. Das Tragen eines Ganzkörperschleiers hängt mit dem Umfang des als „Scham“ oder „Blöße“ definierten Bereiches zusammen. In westlichen Ländern wird unter „Burka“ mitunter fälschlich jede Form der Vollverschleierung verstanden. (nach Wikipedia)

   Piešťany (in Strophe-2): Die weltbekannte Kurstadt in der Slowakei wurde durch das Vorkommen von geothermalem Heilwasser und sulfathaltigem Heilschlamm berühmt. Der Schlamm aus Piešťany und das thermale Mineralwasser haben eine außerordentliche Heilwirkung bei Erkrankungen des Bewegungsapparates und sind einmalig nicht nur in Europa, sondern auch weltweit.

   sechs Frauen (in Strophe-4): Auch wenn die Polygamie im islamischen Kulturkreis nicht unumstritten ist, so erlaubt nach islamischer Rechtsauffassung der Koran die Ehelichung von bis zu vier Frauen sowie eine unbestimmte Zahl von Konkubinen. Eine Frau hingegen kann nur mit einem einzigen Mann verheiratet sein. Die Ehelichung von mehr als einer Frau ist nach islamischem Recht an hohe Anforderungen gebunden. Der Mann muss eine vollkommene Gleichbehandlung der Frauen gewährleisten; keine der Ehefrauen darf finanziell oder emotional bevorzugt werden. Der Mann muss darüber hinaus finanziell in der Lage sein, jeder seiner Ehefrauen einen eigenen Haushalt zu finanzieren. (s. Wikipedia)

Montag, 16. April 2018

Ein allerletztes Mal zum Frühling 2018 – Sonette in Alexandrinern

Frühlingswiese (mit Sumpfdotterblumen, Wiesenschaumkraut und
einer
Schlehdornhecke im Hintergrund); Aufnahme in der Gegend von Münster, NRW.
Autor: Guido Gerding, 3.5.2006; via wikimedia.commons; Liz.: CC BY-SA 3.0

 Frühling in der Zeit

Der Frühling zieht durchs Land, er treibt den Winter aus.
Ein leichter warmer Wind, der Himmel licht und blau,
die Wiese grün und bunt, sie wird zur Blütenschau.
Ich freu mich, wandere in diese Welt hinaus.

Die Kinder froh beim Spiel; sie toben vor dem Haus.
Den Bauern ziehts aufs Feld; sein Rad schlägt schon der Pfau.
Ganz nah ein Lied erklingt, wohl eine frohe Frau,
die ihren Raum nun schmückt mit einem Blumenstrauß.

So wie in jedem Jahr – der Winter musste gehn:
es ist das Spiel der Zeit, so wirds wohl weitergehn;
doch Garantie gibt’s nicht, wer kann die Zukunft deuten?

Die Ewigkeit im Blick, sie liegt in Gottes Hand;
wie auch das Weltgeschick – es hat schon lang Bestand.
Ich freue mich: ich leb, hör Glockenblumen läuten.

© Luzie-R. (lillii, im ST gepostet am 12.04.2018, überarbeitet)


Jahreszeiten ohne Frühling

Die Zeiten der Natur - das Frühjahr grad im Kommen -
die sind uns so gewohnt; doch setzen wir den Fall,
das ändert sich einmal: wir hören einen Knall
und statt des Frühlings folgt ... der Sommer, strenggenommen!

Was wär dran rätselhaft, was machte wie benommen?
Die Bäume stehn im Grün - wo blieb der Knospen Schwall?
Die Blumen schon verblüht - ganz ohne Widerhall
dahin die Farbenpracht, rings alles wie verschwommen.

Es gäbe allerdings doch etwas zu bedenken:
verschwände denn zudem noch eine Jahreszeit,
was bliebe uns zu tun, das Ganze einzurenken?

Käm stracks auf Sommerzeit der Winter wie im Fluge …
solch Wechseln heiß mit kalt – das ginge euch zu weit?
Ihr fühlt Gefahr noch nicht: sie ist schon im Verzuge!

© Wolfgang H. (elbwolf; im ST gepostet am 13.4.2018; bearbeitet)
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Nachbemerkung:
Sonette in Alexandriner-Versen waren einstmals vorherrschend, heute wagt sich wahrscheinlich nicht einmal jeder Sonette-Schreiber an die damit verbundenen doppelten Anforderungen: die, an das deutsche Sonett und die an den Alexandriner. Letzteres meint: gereimt und nicht geleiert – daher die Mischung vollständiger (also 12-Silber) und übervollständiger Alexandriner (d. h. 13-Silber).
Das zweite Sonett oben verfolgt z. B. die Absicht, das Sonett-Reimschema
abba – abba – {ccd-eed, cdd-cee, cdc-dee, cdc-ede, cde-cde}
so umzusetzen, dass die Terzette ohne Paarreimer auskommen und die 12-Silber-Verse (d) von 13-Silbern umfasst werden: (cdc – ede).
Interessant, dass die Verslehre von Stummer ein Beispiel bringt, dessen Dichter genau das Gegenteil anstrebt, nämlich möglichst viele 12-Silber, und er wählt ccd-eed! Wenn wir dort über alten Wortgebrauch und kleine Rhythmusfragen wegsehen, so ist es vor allem die vorbildliche Behandlung der Versmitte in allen Verszeilen, die ja den Pauseneinschub sichert! Deswegen sei dieses historische Sonett hier druntergesetzt, weil jeder von uns Sonett-Schreibern davon etwas lernen kann.
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Andreas Gryphius (1616-64):

Menschliches Elende

Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,
ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid,
ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.

Das Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen.
Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid
und in das Totenbuch der großen Sterblichkeit
längst eingeschrieben sind, sind uns aus Sinn und Herzen.

Gleichwie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt
und wie ein Strom verscheußt, den keine Macht aufhält,
so muss auch unser Nam, Lob, Ehr und Ruhm verschwinden.

Was itzund Atem holt, muss mit der Luft entfliehn,
was nach uns kommen wird, wird uns ins Grab nachziehn.
Was sag ich? Wir vergehn wie Rauch vor starken Winden.

Donnerstag, 12. April 2018

Lebenssinn und Lebensinhalt

Hamlet, mit Yoricks Schädel; /5. Aufzug, 1. Auftritt *)/
Zeichner: Henry Courtney Selous (1803-90; Zeichnung ~1868?)

Lebenssinn

Manch einer möchte dauernd
den Lebenssinn ergründen,
und fragt sich dann, erschauernd,
worin wird das noch münden.

Wer kann schon Wahrheit künden,
sei Suchen selbst beständig –

erst wenn Gedanken zünden,
dann wird der Sinn lebendig,

Gesucht wird meist vergeblich.
Der Sinn ist: einfach "leben";
nimm's leicht, dann wird erheblich
Gewinn sich draus ergeben.

Dein Leben, leicht ob schwer,
nimm's an, wie's ist: leger.

© Luzie -R. (lillii, 9.3.2018)


Lebensinhalt

Wer wollte es dir denn verübeln,
dass du den Lebenssinn ergründest,
mit anderen, die auch so grübeln,
zu diesem Zwecke dich verbündest.

Ist man mit weiteren im Bunde,
verfällt man nicht so schnell in Trance;
das wäre eine gute Kunde
und gäbe dir manch neue Chance.

Verbringst du Zeiten auch mit Suchen,
erfüllst du trotzdem dir dein Leben
und kannst es als Erfolg verbuchen,
denn schließlich wird sich eins ergeben:

Dein Dasein hat zum Lebenssinn,
dass du es ausfüllst mit Gewinn!

© Wolfgang H. (elbwolf; 10.3.2018)
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Anmerkung:
Beide kleinen Gedichte sind in der Art des englischen Sonetts abgefasst, weisen aber weniger Versfüße auf. Zudem ist die Reimstellung mit Kreuzreimung in allen drei Quartetten und immer neuen Reimsilben einfach auszuführen. Es wäre aber ein Anreiz gegeben, die Gedichtinhalte in die vollständigen Sonettformen umzuschreiben, deren Reimschemata deshalb hier angefügt sind:

altitalienisch: abababab – cdecde         (nur jambische Elfsilber)
englisch:       abab – cdcd – efef – gg
deutsch:       abba – abba – {ccd-eed, cdd-cee, cdc-dee, cdc-ede, cde-cde}

*) Die Stelle, auf die sich die IIlustration bezieht, lautet:
Erster Totengräber. … Dieser Schädel da war Yoricks Schädel, des Königs Spaßmacher.
Hamlet. Dieser? (Nimmt den Schädel.)
Erster Totengräber. Ja, ja, eben der.
Hamlet. Ach, armer Yorick! – Ich kannte ihn, Horatio, ein Bursche von unendlichem Humor, voll von den herrlichsten Einfällen. Er hat mich tausendmal auf dem Rücken getragen, und jetzt, wie schaudert meiner Einbildungskraft davor! Mir wird ganz übel. Hier hingen diese Lippen, die ich geküsst habe, ich weiß nicht wie oft. Wo sind nun deine Schwänke, deine Sprünge, deine Lieder, deine Blitze von Lustigkeit, wobei die ganze Tafel in Lachen ausbrach? Ist jetzt keiner da, der sich über dein eigenes Grinsen aufhielte? Alles weggeschrumpft? Nun begib dich in die Kammer der gnädigen Frau und sage ihr, wenn sie auch einen Finger dick auflegt: so ’n Gesicht muss sie endlich bekommen; mach sie damit zu lachen! – Sei so gut, Horatio, sage mir dies eine.
Horatio. Und was, mein Prinz?
Hamlet. Glaubst du, dass Alexander in der Erde solchergestalt aussah?
Horatio. Gerade so.

Sonntag, 8. April 2018

Die drei Siebe des Sokrates

rechts: Sokrates, Philosoph und Lehrer von Platon;
links: Zuordnung nicht eindeutig - Aeschines oder Xenophon.
.                                                         ▼ Figur des Sokrates •1•
Raffael (1483-1520): Die Schule von Athen (1509, Detail).
Wandfresko in den Stanzen des Vatikan; via The Yorck Project; gemeinfrei

Gewidmet den Besuchern und Anhängern
der Kleinen Kneipe (KK)
im Forum der Seniorentreff.Community,
die am 8. April 2002 eröffnet wurde,
heute also 16 Jahre besteht und moderiert wird
von der ST-Freundin Chris aus Franken. (•4•)

Die drei Siebe des Sokrates

Einst sprach ein einfacher Athener Bürger
den Sokrates, den jeder kannte, an,
um etwas, das ihm auf dem Herzen lag,
dem hochberühmten Manne mitzuteilen.
Ob er gelegen käme – schien ihm nichtig,
dass man ihm zuhörte – dagegen wichtig!

Der Weise unterbrach seine Gedanken
und wandte dem Besucher sich dann zu,
hob geichsam wie in Abwehr eine Hand,
um, wie es schien, den Ankömmling zu zügeln.
"Halt ein! Hast du die Rede durch drei Siebe
gesiebt, zu sehen, was am Ende bliebe?

Du scheinst gar das Verfahren nicht zu kennen?
Das erste Sieb lässt nur das Wahre durch –
Erfundenes hängt in den Maschen fest.
Hast du das so geprüft, statt loszureden?
Ach nein – du hast es irgendwo erfahren …
Was wird das zweite Sieb da erst gewahren?

Das prüft als nächstes nämlich jetzt auf Güte.
Es ist doch gut, was du erzählen willst?"
"Nein … leider eher schon das Gegenteil."
"Dann geht das dritte Sieb nicht einzusparen:
was du mir mitzuteilen bist erbötig,
das sollte dringlich sein, ja eher – nötig!"

"Notwéndig ist es eigentlich nicht wirklich … "
"An deiner Rede, meinst du also selbst,
ist nichts, das wahr noch gütig oder drängt?
Dann solltest du's am einfachsten begraben!
Wir würden uns ganz nachhaltig entlasten,
wenn wir uns damit gar nicht erst befassten!"

© Wolfgang H. (elbwolf; März 2018)
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•1• Sokrates wurde um 470 v. Chr. in Athen geboren und 399 v. Chr. zum Tode durch Vergiften (Schierlingsbecher) verurteilt. Er gilt als Urvater der Philosophie. Da Sokrates selbst keine Schriften hinterlassen hat, verdanken wir seine Überlegungen  und Ideen vorwiegend den Mitteilungen seines Schülers Platon, darunter wohl auch diese auf uns überkommene Legende. Es war leider für mich nicht zu ermitteln, wer die verbreitete Standardversion der "3 Siebe" als Erster ins Deutsche übertragen und editiert hat.
•2• Wer sich näher mit dem philosophischen Gehalt auseinandersetzen möchte, findet Anregungen in den beigelinkten Arbeitsblättern.
•3• Es zeigt sich, dass diese "philosophische Schnurre" sehr verbreitet ist und vor allem Rechtsanwälte darauf zu stehen scheinen und als Motto in ihren Kanzleien verwenden – wohl hoffend, von ihrer Klientel damit Wahrheit, Güte und Notwendigkeit (für die rechtliche Auseinandersetzung) einfordern zu können.
•4• Die Freunde der KK haben Sokrates' 3 Siebe zu einem ihrer Lieblingstexte erkoren, vielleicht weil sie im Reben- und Hopfensaft das Wahre, Gute und auch das Notwendige sehen!?

Mittwoch, 4. April 2018

Der Gesang (3) – Sopranistinnen, die "BBW" der Musik

Mitte: Montserrat Caballé (*1933, Barcelona) auf dem Festival
in Aix en Provence 1980 in der Rolle der Sémiramide von Rossini.
links: Anna Aglatova; Martina Serafin 2015 als Tosca;
rechts: Denise Leigh; Stephanie Blythe 2013 am Metropolitan Opera House.
(alle Abb. in Ausschnitten; via wikimedia.commons; Details s. Anhang!)

Der Gesang (3) – Sopranistinnen,
               die BBW *) der Musik

Was wäre ohne sie die Opernbühne?
Die Sopranistin ist wie stets Garant
für volles Haus und darum oft bekannt
als wohlbeleibte Dame, durchaus kühne
Beherrscherin von heißem Minnesang –
gleich fühlt sich manch Tenor ums Herze bang.

Wenn sie erst lieblich lässt die Stimme klingen
aus wohlgeformtem Leib und voller Brust,
fühlt angeregt sich des Verehrers Lust,
mit ihr vereint ein Liebeslied zu singen.
Die zwei vereinen sich drauf im Duett –
erst auf der Bühne, dann im Kabinett.

Das Publikum erlebt sie auf den Brettern;
sie als Soubrette, ihn als stolzen Held,
und beider Oberkörper brustgeschwellt,
wenn sie die Arien herunterschmettern:
sie treffen selbst die höchsten Töne rein –
erweichen muss das einen Marmelstein!

Der Sopranistin ist die Kunst zu eigen,
dass ihre Stimme andere entzückt
und deren oft profanen Alltag schmückt,
wie Zuhörer mit Ovationen zeigen.
Ich schließe mich mit Beifall einfach an –
und singe selbst so gut ich eben kann.

Luzie R. (lillii, 2.4.2018)


Nach einer Zeichnung von Olaf Iversen (1902-59) zu:
W. Deneke: "50 Jahre jung verheiratet", Hesse & Becker Verlag, 1938, Leipzig.
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Nachweise für die Aufnahmen + Autoren/© + Liz.:
  • Aglatova: 9.9.2014; Franz Johann Morgenbesser, Wien; CC BY-SA 2.
  • Serafin: 6.7.2015; Christian Michelides (Opernfestival St. Margarethen); CC BY-SA 4.0
  • Caballé: 1980; germanuncut77; CC BY-SA 2.0
  • Leigh: 5.9.2009; Garry Knight; CC BY-SA 2.0
  • Blythe: 21.12.2013; Ralph Daily; CC BY-SA 2.0
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Wir fanden es unwiderstehlich, die Iversen'sche Zeichnung zum Schluss anzufügen: Es handelt sich um … keine Operndiva, die gerade zu einer Arie anhebt, vielmehr um eine erboste Hausfrau, die den betrunken heimkehrenden Gatten an der Haustür mit einem Riemen (wegretuschiert!) in der Hand erwartet. Eine Gestattung können wir leider nicht beibringen, da der ehem. Simplizissimus-Zeichner und der Buchautor lange verstorben sind und Buchverlag wie Satirezeitschrift nicht mehr existieren. Aber ein Buchexemplar ist in unserem Besitz.
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*) Die Abkürzung BBW steht für "Big Beautiful Women" (wohlbeleibte schöne Frauen) und ist die Benennung für eine Subkultur im Internet, bei welcher das Augenmerk auf die Attraktivität von übergewichtigen Frauen gerichtet wird.

Sonntag, 1. April 2018

Kalenderblatt 04/2018 (Renate Totzke–Israel a. G.)



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©  Renate Totzke-Israel
(Illustration zu Branstners
Die Ochsenwette, 1982³)
 ©  Wolfgang H. (Verse)

Ein Geizhals begleicht eine Rechnung /japanische Anekdote, Nr.41/
Zwei Händler bieten ihre Waren
als Nachbarn auf dem Markte feil.
Der Kaufmann gibt sich welterfahren,
der Fischkoch bruzzelt alldieweil –
doch zeigen beide im Gebaren,
dass Geiz bestimmt ihr Seelenheil.

Zu Mittag geht der Kaufmann essen,
setzt sich zur Pfanne dicht beim Koch,
isst Brot und schnuppert selbstvergessen
den Duft, der aus dem Fischpott kroch.
Der Koch schreibt Rechnung zu ermessen,
wieviel des Dunstes jener roch.
Und reicht sie dann – auf gut Gelingen –
dem Kaufmann für genoss'nen Duft.
Der lässt ins Kästchen Münzen springen;
schwenkt dieses kraftvoll in der Luft:
"Hörst du die Münzen lieblich klingen",
fragt er den Fischkoch. "Ach du Schuft!

Bloß Duft genoss ich von den Fischen
zu meinem mitgebrachten Brot;
Hör du den Münzenklang, den frischen,
der ist von gleichem Korn und Schrot.
Da liegt kein Unterschied dazwischen:
wie stets ist das Geschäft im Lot!"