Unser Blog ist von Hobby-Poet*essen für Lyrik-Liebhaber, darunter auch für anspruchsvolle! Wir führen ihn im kleinen Team und - der Vielfalt wegen - mit persönlich eingeladenen Gästen.
Allen Besuchern - herzliches Willkommen und viel Vergnügen bei/mit unseren Gedichten und Bildern!
Im Oktober 2018 setzen wir unsere Serien (Kalenderblatt, Monatsbild, Ballade) fort. Wir bringen erstmals Odenstrophen in Gestalt von Versen der Sappho von Lesbos -
und sonst? Mal sehn ...

Sonntag, 21. Oktober 2018

Dichter im Auf- und Abschwung (Limerick-Ballade)

Jean-Baptiste Camille Corot (1796–1875):
Orpheus führt Eurydike aus der Unterwelt (1861);
The Museum of Fine Arts, Houston; gemeinfrei

Dichter im Auf- und Abschwung
(Limerick-Ballade)

Ein Dichter kommt manchmal zur Meinung,
man sei schon bei seiner Beweinung,
und hält ihn für tot
oder schrecklich marod –
dann tritt er sogleich in Erscheinung.

Doch leicht geht das gar nicht zu machen,
es hindern ihn stets solche Sachen:
ein fehlendes Thema,
für Reime kein Schema –
rein nichts will so richtig mal krachen!

Das Thema liegt schließlich am Wege
und meist nicht nur eins: ein Gelege –
man muss sich nur bücken!
Vor lauter Entzücken
wird unser Poet richtig rege!

Er sucht nach dem passenden Wort,
er prüft und er wirfts wieder fort,
um dann zu erfinden
in langem Sich-Winden
ein neues – das holt er an Bord.

Die Reime sind wahrlich ein Fluch;
der Dichter entnimmt sie dem Buch –
egal, ob man's merkt:
der Vers scheint gestärkt,
und meistens gelingt der Versuch.

Der Dichter kommt endlich zum Dichten:
das Werk, das er hofft zu verrichten
durch emsiges Schreiben
soll dauerhaft bleiben …
der Nächste schon - ätsch – wird's zernichten.

elbwolf, 09/2018
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Nach dem ersten Posten an anderer Stelle kam es zu einem
Meinungsaustausch mit verschiedenen Lesern, denen ich
mit weiteren Limericks antwortete:

Du meinst, dass die Dichter viel denken?
Wie wollen sie Dichtung sonst lenken?
Die Vielfalt alleine
hilft nicht auf die Beine –
da könnt' man die Dichtung sich schenken!

Ein Reim, der nicht reimt, den ich fresse,
der wäre sofort für die Esse!
Ein wenig mehr Kunst
und nicht blauen Dunst –
das sag ich an Reimers Adresse!

Natürlich sind kreuzlahme Oden
bei manchen Poeten in Moden:
geschmückt mit viel Federn,
doch leider ganz ledern –
dem Fass haut's heraus seinen Boden!  

Mein Dichter tut erst einmal schauen,
erst dann geht er heimlich was klauen,
er nimmt nur das Beste,
lässt andern die Reste –
er will sich den Text nicht versauen!

Parodie gilt als beste Intrige!
Sie legt man dir nicht in die Wiege:
Lern sicher zu treffen,
statt lauthals zu kläffen:
Was ist schöner als heimliche Siege?

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Oktober – Ein Monatsbild


Brüder von Limburg: Monatsbild Oktober (Miniatur, Tempera/Pergament, 1412-16),
aus
dem "sehr reichen Stunden (Gebet)buch des Jean de Valois, Herzog von Berry";
heute im Musée Condé auf Schloss Chantilly; via wikimedia.commons; gemeinfrei.
./.
Darstellung der für diesen Monat typischen Tätigkeit: Aussaat des Wintergetreides.
Zu sehen ist der Louvre, seit König Philippe Auguste die königliche Residenz.

Oktober – Ein Monatsbild

Die Ernte ist für dieses Jahr beendet.
Das Feld wird für die Wintersaat gerichtet.
Der Bauer zieht die Egge übers Land;
sie ist mit einem großen Stein beschwert:
das Erdreich wird so tiefer aufbereitet.

Die Arbeit ist im obern Feld getan;
zum Schutz der Saat sind Netze ausgespannt.
Auch eine Vogelscheuche schreckt die Vögel
vom Picken im bestellten Felde ab.
Erstmals zeigt ein Maler, wie Mensch und Tier
im Lichte stehn und lange Schatten werfen.

Auch dieses Bild zeigt bäuerliches Leben
vor einem Schloss, das Fluss und Wehren schützen.
An seinen Mauern flanieren Bürgersleute –
die Nutznießer bäuerlichen Fleißes.

© Luzie R. (10/2018)

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Anmerkungen:

Das Monatsbild Oktober vom Vorjahr 2017 verwendete als Illustration ein Bild aus dem "Breviarium Grimani" (1490-1510); ihm gegenüber entstand dieses Bild hier oben fast ein Jahrhundert früher. Was diese Zeitspanne von 1412-16 bis etwa 1500 gebracht hat, zeigt ein Bilder-Vergleich: Oktober-Bild aus dem Grimani-Brevier!

○ Link auf eine umfängliche Beschreibung des Oktobers im "Stundenbuch"
          ● in der deutschen Fassung der Wikipedia
          ● und in einer originalen französischen Kurzfassung.

○ Literatur: Heinrich Trost: Die Monatsbilder der Brüder von Limburg; Henschelverlag 1962 (Broschur); Reihe "Welt der Kunst"; antiquarisch/selten, Preis 5 - 20 €, aber dafür auch eingeklebte farbige Bildern und Beschreibungen aller Monate!

○ Die Verse sind fünfhebige ungereimte Akzentverse (s. Stummer, S. 45/46).

Samstag, 13. Oktober 2018

Menschen und Jahreszeiten (Sapphische Odenstrophen)

Amanda Brewster Sewell (1859 – 1926): Sappho, 1891.
via wikimedia.commons; Public Domain.

Sappho von Lesbos (~630 – ~570 v.u.Z), die vorgebliche Künderin lesbischer Liebe, wie drastisch gemalt etwa von Édouard-Henri Avril, schenkte uns vor 2700 Jahren die nach ihr benannten Versformen, die heute – wie alle (antiken) Odenformen – wieder an Bedeutung gewinnen. Ihren sog. kleiner Odenvers kann man sich als vom fünffüßigen Trochäus kommend vorstellen, bei dem ein Daktylus den mittleren Fuß ersetzt. Das spornt beim Deklamieren an, ist aber beim Schreiben des Versschlusses eher schwierig.
 

Menschen und Jahreszeiten
                  Sapphische Odenstrophen

 Jahre würden eintönig sein und langsam
nur vorübergehen, doch schürt ein Wechsel
um uns Aufruhr: ungleiche Jahreszeiten
           fordern den Menschen.

Frühlingswinde wirbeln die blauen Bänder
durch die Lüfte. Unverhofft lassen Düfte
ahnen: rasch beleben sich nun die Fluren –
           zeigen ihr Maigrün.

Sommerwärme legt sich um Blatt und Blüte.
Ähren zieren biegsame schlanke Halme.
Mild der Regen – lässt er doch Körner wachen:
           Künder vom Reifen.

Eingebracht die Ernte an Korn und Früchten.
Herbstlich zaust der Sturm an der Bäume Kronen;
bunt gefärbtes Laub rieselt unaufhaltsam.
           Wallende Nebel …

Glitzerraureif zaubern die Winterfröste.
Baum wie Feld – beraubt ihres grünen Kleides.
Unter weißer Schneedecke ruht, was blühte,
           harrend des Neuen.

Schöner könnten Jahre doch gar nicht werden –
unterscheidbar jedes von allen andern.
Unser Sinnen – vorwärtsgerichtet, frei von
           vielerlei Zwängen.


©  Wolfgang H. (elbwolf, 27.09.2018)

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Der Verfasser hat sich vier Poeten als Schöpfer jahreszeitlicher und daher meist auch gleichzeitig liedhafter Dichtung zu Vorbildern für inhaltlichen Reichtum und treffende Wortwahl genommen. Für jeden sei nachstehend eine beispielhafte Strophe angeführt:

Eduard Mörike (1804-75)
Er ist's (1829/32)
 
Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
 
Johann Peter Hebel (1760-1826)
Sommerlied/4: Grüne Saaten! (1833/34)

Aus dem zarten Blatt enthüllt sich
Halm und Ähre, schwanket schön,
Wenn die milden Lüfte wehn;
Und das Körnlein wächst und füllt sich.
 
Joh. Gaudenz v. Salis-Seewis (1762-1834) Herbstlied (1782/86)
 
Bunt sind schon die Wälder,
gelb die Stoppelfelder,
und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen,
graue Nebel wallen,
kühler weht der Wind.
 
Gottfried August Bürger (1747-94)
Winterlied (
1772/73)

Der Winter hat mit kalter Hand
Die Pappel abgelaubt;
Und hat das grüne Maigewand
Der armen Flur geraubt;
Hat Blümchen, blau und rot und weiß,
Begraben unter Schnee und Eis.
     

Dienstag, 9. Oktober 2018

Der Wind erzählte (Sonett)


Philipp Otto Runge (1777-1810): Die Hülsenbeckschen Kinder (1805/06)
Kunsthalle Hamburg; via wikimedia.commons & The Yorck Project; gemeinfrei


Der Wind erzählte

Der Wind erzählte von vergangnen Tagen,
als ich im Spiel die Zeit so ganz vergaß;
mit Kindern spielend lag im Wiesengras –
es überkam mich wonniglich Behagen.

Die Mädchenkleider fein mit Schillerkragen,
die einst geschneidert wurden noch nach Maß:
sie wurden lange schon der Motten Fraß –
wie hat man damals sie so gern getragen.

Ein neuer Wind weht heut uns um die Ohren.
Die Jahre gingen hin grad wie im Flug;
wir wurden noch in alter Zeit geboren.

Sind wir deswegen weiser oder klug?
Das Altsein, das gehört für mich zum Guten;
jetzt lieb ich Ruhe – brauch mich nicht zu sputen.

© lillii ( Luzie -R.)

Freitag, 5. Oktober 2018

Schreibt wieder Vagantenverse!

Ribton-Turner, C. J. (Charles James): Der Poet zwischen seinen beiden "Musen".
Aus dem Buch "A history of vagrants and vagrancy, and beggars and begging" (1887)
(©-Beschränkungen sind nicht bekannt)

Schreibt wieder Vagantenverse!
Mir schwebte vor ein klein Gedicht,       
das man noch schreiben müsste;            
nichts schmälerte der Muse Sicht,         
falls sie mich demnächst küsste.            

Ich schnupperte mal hier, mal dort,        
und drehte manche Runden;                  
es trieb mich um und weiter fort,             
glich einem Vagabunden.                        

Doch halt, war das nicht der Begriff,      
die Sache zu gestalten,                            
da gab es Strophen recht mit Pfiff,         
die in den Ohren hallten.                          

Wie hießen sie denn ganz genau …      
ja – Verse der Vaganten!                         
Vom Himmel holten die das Blau,          
die wahren Unbekannten.                        

Ihr "Gaudeamus igitur"                             
wies lebensfrohe Wege,                           
erschien bald als Verjüngungskur –       
falls man das Frohsein pflege.                

Wer fühlt in sich den Verseschmied,     
nutzt seine eignen Gaben?                     
Wer dichtet ein Vagantenlied,                 
wie wir's im Sinne haben?                       

© elbwolf, 14.09.2018
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Legende zu den Vagantenversen:

Vagantenverse hießen zunächst die 7-füßigen Langverse (Septenare) selbst, die aus "Anvers" und "Abvers" bestanden. Je zwei Septenare bildeten im Paar eine Vagantenstrophe. An- und Abvers jeder Verszeile wurden (1) mit deutlicher Sprech-Pause zusammengefügt ("Diärese" genannt; bezeichnet mit "||"); konnten (2) beide entweder trochäisch oder jambisch sein und hatten (3) als Reimpaar zunächst nur in den Abversen einen Endreim (symbolisch "b"):
troch.:  -u-u-u-|| b:-u-u-u            (3 vollst. +1 unvollst. || 3 vollst. = 7 Versfüße → 13 Silben)
jamb.:   u-u-u-u-|| b:u-u-u-u        (4 vollst. || 2 vollst. +1 übervollst. = 7 Versfüße → 15 Silben)


Später wurden die Langverse (4) an der Diärese-Stelle geteilt und zweizeilig angeschrieben; ihre Anvers-Zeilen konnten (5) ungereimt bleiben oder eigene Endreimung (symbolisch "a") bekommen. Im letzteren Fall (6) war der aus dem früheren Reimpaar entstandene Vierzeiler dann kreuzgereimt:
          trochäisch:        a: -u-u-u-||                     jambisch:          a: u-u-u-u-||      
                                   b: -u-u-u                                                  b: u-u-u-u         
                                   a: -u-u-u||                                                a: u-u-u-u-||      
                                   b: -u-u-u                                                  b: u-u-u-u          

Anm.:
Mit "||" wird allgemein eine "Di(h)ärese" bezeichnet, d. h. ein Einschnitt im Vers, an dem die Enden eines Wortes und des Versfußes zusammenfallen
.

Montag, 1. Oktober 2018

Kalenderblatt 10/2018 (Renate Totzke–Israel a. G.)



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So

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©  Renate Totzke-Israel
(Illustration zu Branstners
Die Ochsenwette, 1982³)
 ©  Wolfgang H. (Verse)


Nur das tun, was in der Liste steht! /mongolische Anekdote/
Ein Lama ritt zu Pferd und seine Schüler
die gingen nebenher – da stolperte das Tier;
die Mütze fiel dem Mann vom Kopf, der aber
ritt weiter, fragte nur: - Wer hob die Mütze auf?
- Ja niemand, Herr! – Dann wird es aber Zeit:
wenn was herabfällt, hebt man's wieder auf!

Ein Schüler lief die Mütze holen, tat auch
den Dung dazu, den dort das Pferd verlor.
Der Lama stülpte das Gebrachte über,
wobei der Pferdedung ihm in das Antlitz fiel.
- Ach seid ihr dumm! Man hebt das Nöt'ge auf,
was unnütz ist, natürlich liegenbleibt!
Die Schüler, ratlos, baten nun den Meister:
- So schreibt in eine Liste jedes einzel Ding,
das aufzuheben lohnenswert sein würde!
Der Lama tats, doch nach geraumer Zeit fiel er
erneut vom Pferd herunter in ein Loch.
Was gab die Liste nun für einen Rat?  

Man zog dem Meister unten in der Grube
die Kleider aus und ließ ihn liegen dort im Kot:
in jener Liste stand nur was von Kleidung,
er selber kam darin natürlich gar nicht vor.
Erst als der Lama schrieb: "den Meister auch!"
hob man ihn nun - genau laut Liste - auf.