Unser Blog ist von Hobby-Poet*essen für Lyrik-Liebhaber, darunter auch für anspruchsvolle! Wir führen ihn im kleinen Team und - der Vielfalt wegen - mit persönlich eingeladenen Gästen.
Allen Besuchern - herzliches Willkommen und viel Vergnügen bei/mit unseren Gedichten und Bildern!
Ab Januar 2018 zeigen unsere Kalenderblätter Buchillustrationen von Renate Totzke-Israel. Heliane Meyer als Gast beginnt eine Serie balladenhafter Gedichte. Und wir selbst - mal sehn ...

Dienstag, 16. Januar 2018

Januar – Ein Monatsbild

Die Limburger Brüder: Monatsbild Januar; Miniatur in Tempera auf Pergament, aus
dem "sehr reichen Stundenbuch (Gebetbuch) des Herzogs von Berry" (1412-16);
heute im Musée Condé auf Schloss Chantilly; via wikimedia.commons; gemeinfrei.
./.
Darstellung eines Empfangs am Hofe des Herzogs aus Anlass des neues Jahres;
Zeugnis höfischer Maßlosigkeit und der aus den Niederlanden kommenden Moden.
Alle anderen ganzseitigen Bilder zeigen die für den Monat typischen Tätigkeiten vor
einer Landschaft, die durch die Jahreszeit geprägt ist – und ein historisches Schloss.

Januar – Ein Monatsbild

Kein Zweifel, wer von allen Herr am Hofe!
Der sitzt, mit Kappe und ganz blaugewandet,
auf einer langen Bank vor dem Kamin,
spricht mit dem Kirchenmanne im Talar –
ein andrer dürfte neben ihm nicht sitzen:
er ist des Königs dritter Sohn, von Berry
Herzog – ihn schert nicht seine Knollennase.

Denn prächtig ist sonst alles um ihn ringsum.
Jedoch der runde Wandschirm vor dem Feuer
zeugt von so ganz besondrer Schmeichelei
der Künstler, ihrem Mäzen auch zu gefallen:
Des Herzogs Kopf umgibt ein Schirm als Nimbus,
ein Heiligenschein, zu Lebzeit schon verliehen.
Hinzugefügt die weltlichen Insignien
am Baldachin – die Schwäne und die Bären
mitsamt den königlichen Lilien.

Der Tisch ist üppig für das Fest bereitet,
die Dienerschaft sorgt sich ums Wohl der Gäste:
zwei Schenken füllen Wein in goldne Becher,
der Brotverwalter schneidet sorgsam auf,
die zwei Servierer tranchieren schon den Braten.
Das prächtigste Gerät auf dieser Tafel:
des Herzogs Salzschiff, von Schwan und Bär gekrönt.

Gekleidet in das Farbenspiel des Hofes
versieht sein Amt der Zeremonienmeister:
"Approche – Herbei!" ruft er die Eingeladnen,
sich nunmehr ihrem Herrn zu präsentieren!
Der nimmt ihm Zugedachtes huldvoll an
und lohnt erwiesne Dienste gleichermaßen.
Den Seinen zeugt das von Gewogenheit –
Empfang zum neuen Jahr ehrt sie besonders.

Der Herzog stellt in eigener Person
den doppelköpfigen Gott Janus dar:
er blickt zurück, beurteilt, was vergangen,
und schaut nach vorn in ungewisse Zukunft –
wagt außer ihm das doch kein anderer.

© Wolfgang H. (01/2018)
------------------------------------------------------------
Anmerkungen:

○ Im Vergleich zu den 2017 auf unseren Monatsbildern verwendeten 12 Illustrationen des  "Breviarium Grimani" von 1490-1510 datieren die Bilder der drei Brüder Limburg fast ein Jahrhundert früher. Interessant zu fragen, ob diese Zeitspanne von 1412-16 bis etwa 1500 merkliche Veränderungen im Leben gebracht hat.
Falls uns das Schicksal gewogen bleibt, könnten wir im kommenden Jahr vielleicht die Monatsbilder des Leandro da Ponte genannt Bassano zeigen, dessen Serie in den Jahren1580-90 entstand – fast ein Jahrhundert später und damit näher an unsere Zeit.
Auf jeden Fall haben die Mühlen früher sehr viel langsamer gemahlen als heute!

○ Link auf eine umfängliche Beschreibung des Januar im "Stundenbuch"
● in der deutschen Fassung der Wikipedia
● und in einer originalen französischen Fassung.

○ Literatur: Heinrich Trost: Die Monatsbilder der Brüder von Limburg; Henschelverlag 1962 (Broschur); Reihe "Welt der Kunst"; antiquarisch/selten, Preis 5 - 20 €, aber dafür auch eingeklebte farbige Bilder und Beschreibungen aller Monate!

○ Die Verse sind diesmal fünfhebige ungereimte Akzentverse (s. Stummer, S. 45/46).

Freitag, 12. Januar 2018

Ballade-1: Schicksal (Heliane Meyer a. G.)

 Luigi Sabatelli (1772-1850): Radierung nach eigener Zeichung.
Die Pest 1348 in Florenz – wie bei Boccaccio im "Decameron" beschrieben.
Quelle: Wellcome Library no. 10124i; via wikimedia.commons; Liz.: CC BY-SA 4.0
Schicksal

Es trug sich zu am Hafen im schönen Genua,
als heimwärts kam Don Carlos, Isolde rief "Hurra!"
Wie groß war ihre Freude nach langer Trennungszeit,
denn Carlos war ein Seemann, die Reise lang und weit.

Zuhause schlief Carlino, der beiden kleiner Sohn,
sie freuten sich und sprachen zumeist im Flüsterton.
Das Kind war gut gediehen und ließ den Eltern Ruh,
sie lebten überglücklich und lachten immerzu.

Don Carlos schleppte Gaben für seine Lieben heim,
die Seide für Isolde, fürs Kindchen Honigseim.
Doch trug mit ihm das Schicksal den Schwarzen Tod ins Haus,
der raffte Klein Carlino und brachte Angst und Graus.

Verzweifelt war Don Carlos, Isolde siechte hin,
der Seemann rief zum Himmel und fragte nach dem Sinn.
Doch fand er keine Hilfe, der Priester winkte ab,
so stand Don Carlos weinend und einsam vor dem Grab.

Bald waren alle Straßen der schönen Stadt am Meer
vom Pestgestank durchdrungen und trostlos, grau und leer.
Da griff der Mann zur Maske und stellte sich dem Tod,
er half den schwer Erkrankten und linderte die Not.

Vergaß bei seiner Mühe nicht eigen Herzeleid,
sah Jahre lang Isolde im neuen Seidenkleid.
Carlino wuchs in Träumen zum schönen, stolzen Held,
ein Retter aller Kranken und Schwachen auf der Welt.

Es trug sich zu am Hafen im schönen Genua,
als jener Seemann Carlos dem Tod ins Auge sah.
Er lebte noch sehr lange, ertrug sein eigen Weh,
und fuhr sein ganzes Leben nie wieder über See.



 © Heliane Meyer (Erstveröffentlichung Juni 2014)
---------------------------------------------------------------
Legende:
In die Hafenstadt Genua, die zu den größten des Kontinents zählte und nach 1284 das westliche Mittelmeer beherrschte, hatten die eigenen Galeeren die Pest eingeschleppt. Nach den Angaben De Mussis kam nur ein Siebtel der Einwohner mit dem Leben davon; im Jahr 1348 gab es einige Monate lang einen Kampf ums nackte Dasein. Ein weiteres Zeugnis besagte: "Junge Leute starben früher als greise, besonders auch junge Frauen … und allgemein mehr Frauen als Männer." Dass junge und schöne Menschen bevorzugte Opfer der Pest wurden, versicherte auch Boccaccio. /nach: Klaus Bergdolt: Der schwarze Tod. Beck'sche Reihe, 20004/ 

Montag, 8. Januar 2018

Lehrer-Notstand

Wilhelm Busch (1832-1908): Lehrer Lämpel (aus: Max und Moritz, 1865); gemeinfrei

Lehrer-Notstand

Es fragt sich Lehrer Lampel,
woher kommt das Getrampel,
das störe ihn doch sehr!
Das kommt aus einer Klasse,
die ist voll Schülermasse,
ein Stuhl jedoch steht leer.
Es fehlt nämlich der Lehrer,
fürs Wissen der Vermehrer –
und das wiegt wirklich schwer.

Wie kriegt man auf die Schnelle
an diese freie Stelle
jetzt einen Lehrer her?
Den Einsteiger von Seiten
muss man erst aufbereiten –
sonst liegt der völlig quer.
Kaum wär dazu imstande,
ein Mensch aus fremdem Lande,
der radebrecht einher …

Die Politik will glänzen:
trotz Null an Kompetenzen
vermasselt sie's noch mehr.
Minister in der "Loge" –
Jurist! statt Pädagoge, *)
der bremst nur den Verkehr.
Die Inklusion stornieren!
Nicht jeden integrieren!
Ob der je lernt die Lehr'?

Sei drauf gefasst, Klein-Lisa,
dass dir verschwindet "Pisa"
auf Nimmerwiederkehr!

Wolfgang H., 1.1.2018
--------------------------------------------------------------------------------------
Der Verfasser ist sich mit vielen darin einig, dass dieses Thema jetzt
das allerwichtigste wäre, wichtiger als "Jamaika" oder irgendeine
andere "Farbkomposition" und auch die "Groko", denn das alles hält
kaum vier Jahre – Schulbildung aber ist auf das ganze Leben angelegt!

*) der neue MP Sachsens hat die Berufung eines gestandenen Pädagogen
als Kultusminister – nach nur 2-monatiger Amtszeit! – nicht erneuert,
sondern für das Amt einen Juristen ernannt, dessen pädagogische Erfahrungen
die eines Vaters von schulpflichtigen Kindern sein dürften: Hier mehr Infos!

Donnerstag, 4. Januar 2018

"Bräuche/Sagen meiner Münsterländischen Heimat" (4) – Das Dreikönigssingen


© Die Verfasserin
"Bräuche/Sagen meiner Münsterländischen Heimat"
(4) – Das Dreikönigssingen

Es gäbe ein Volk, das zu so was erkoren –
in Büchern von einst sei es schon prophezeit,
dass käme ein König, der Welten befreit –
dem würde als Retter ein "Heiland" geboren.

Im Morgenland hörten drei Weise die Kunde:
dem Knaben zu huldigen war ihnen recht,
Geschenke zu bringen, von Golde, ganz echt –
sie zogen drum aus noch in selbiger Stunde.

Das wird nun auch heute noch immer besungen
in gleicher Manier und von Türe zu Tor,
als Heilge-Drei-Könige stehn sie davor –
ihr Leute, hört zu diesen Mädchen und Jungen!

Luzie R., (2.1.2018; Erstfassung SP 5.1.2015)
---------------------------------------------------------


○ an ein Volkslied (Anfang des 18. Jh.):

Die heil'gen drei König' mit ihrigem Stern

Die heil’gen drei König’ mit ihrigem Stern,
die kommen gegangen, ihr Frauen und Herrn.
Der Stern gab ihnen den Schein;
ein neues Reich geht uns herein.

Die heil’gen drei König’ mit ihrigem Stern,
sie bringen dem Kindlein das Opfer so gern.
Sie reisen in schneller Eil’
in dreizehn Tag’ vierhundert Meil’.

Die heil'gen drei König' mit ihrigem Stern
knien nieder und ehren das Kindlein, den Herrn.
Ein' selige, fröhliche Zeit
verleih' uns Gott im Himmelreich!

○ und eine Volksweise (ebenfalls Anfang des 18. Jh.):





Montag, 1. Januar 2018

Kalenderblatt 01/2018 (Renate Totzke–Israel a. G.)


 
  2 0 1 8

  J A N U A R

- - - - - - - - - - - - - -


1
15
29
Mo


2
16
30
Di


3
17
31
Mi


4
18
1
Do


5
19
2
Fr


6
20
3
Sa


7
21
4
So


- - - - - - - - - - - - - -


8
22
5
Mo


9
23
6
Di


10
24
7
Mi


11
25
8
Do


12
26
9
Fr


13
27
10
Sa



14
28
11
So


- - - - - - - - - - - - - -


©  Renate Totzke-Israel für die
Illustrationen zu Branstners Buch
Die Ochsenwette, Hinstorff 1982³.
©  Wolfgang H.  für die Verse
 
Die Ochsenwette /indische Anekdote/

Ein armer Mann kam zum Wesir:
"Dies Huhn, mein Herr, das bring ich dir,
denn ich gewann's in deinem Namen!"
Dem Herrn erschien das nur gerecht –
wozu das Huhn dem armen Specht?
Die Sitten dürfen nicht erlahmen.

Des andern Tags kam unser Mann
zum Herrn, weil er ein Schaf gewann –
"Auch dieses Mal in deinem Namen:
auf den ich voll Vertraun gebaut".
"Was sich der Kerl doch alles traut:
mach weiter so, nicht lange kramen!"
Am dritten Tag erschien der Mann,
auf den der Herr sich gleich besann:
"Um was hast Du denn heut gewettet?"
"Um einen Ochsen ging der Streit,
doch war die Sach' vermaledeit –
dein Name hat mich nicht gerettet!

Nun bitte ich dich um das Geld,
denn ich hab nichts auf dieser Welt,
um deine Schulden zu begleichen!"
Jetzt erst erkannte der Wesir:
Verlust als Folge eigner Gier –
und ließ betroffen sich erweichen.
 

Samstag, 30. Dezember 2017

Versbildner-Team sagt "Prosit – auf 2018"

Fraktal-Feuerwerk (2014)                                                                          © Saxonia44 / StS


Silvesternacht

Eine Nacht
mild wie Frühlingsregen.
Ohne Frost,
ohne Sternengefunkel,
ohne Glockenklang,
ohne Besinnung
auf Vergangenheit
und Zukunft.

Mit lauten Getöse
platzen bunte Illusionen
im Dunkel der Nacht.
Beschwörung der Geister,
die wir riefen
und derer wir
nicht Herr werden,
weil wir ihr Wesen
nicht erkennen.

© Anne W.


Astronomische Uhr am Altstädter Rathaus, Prag
Foto: Krzysiu "Jarzyna" Szymański (2007)
via wikimedia.commons; Liz.: CC-BY-SA 2.5
Die Rathausuhr von Marburg zeigt Mitternacht
Foto: LudwigSebastianMicheler (2016)
via wikimedia.commons; Liz.: CC-BY-SA 4.0
 
Die Uhr und wir

… zu allen Zeiten

… zu Silvester

Die Uhr sie geht,
tickt leis und hell,
oft viel zu schnell –
und trotzdem seht:

Sie steht und steht
auf einer Stell',
ruft zum Appell,
wie mans auch dreht.

Die Tage fliehen
sie werden Jahre –
vorbei sie ziehen.

Das einzig Wahre:
lass dich nicht blenden!
Die Zeit wird enden.


© lillii ( L-R )

Die Zeiger drehn
sich immer weiter –
das ist gescheiter
und zu verstehn.

Und recht besehn
sind auch bereiter
und ziemlich heiter
wir selbst nach zehn.

Um Mitternacht
– die Zeiger oben –
ist es vollbracht.

Das Glas gehoben!
Dann läuft fürwahr
das neue Jahr!   

© elbwolf / Wolfgang H.
 -------------------------------------------------------------------------
Die beiden zweifüßig-jambischen "Auch"-Sonette
entstanden aus Anlass eines freundschaftlichen Wettbewerbs,
auf den sich die beiden Verfasser eingelassen hatten.