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Montag, 16. April 2018

Ein allerletztes Mal zum Frühling 2018 – Sonette in Alexandrinern

Frühlingswiese (mit Sumpfdotterblumen, Wiesenschaumkraut und
einer
Schlehdornhecke im Hintergrund); Aufnahme in der Gegend von Münster, NRW.
Autor: Guido Gerding, 3.5.2006; via wikimedia.commons; Liz.: CC BY-SA 3.0

 Frühling in der Zeit

Der Frühling zieht durchs Land, er treibt den Winter aus.
Ein leichter warmer Wind, der Himmel licht und blau,
die Wiese grün und bunt, sie wird zur Blütenschau.
Ich freu mich, wandere in diese Welt hinaus.

Die Kinder froh beim Spiel; sie toben vor dem Haus.
Den Bauern ziehts aufs Feld; sein Rad schlägt schon der Pfau.
Ganz nah ein Lied erklingt, wohl eine frohe Frau,
die ihren Raum nun schmückt mit einem Blumenstrauß.

So wie in jedem Jahr – der Winter musste gehn:
es ist das Spiel der Zeit, so wirds wohl weitergehn;
doch Garantie gibt’s nicht, wer kann die Zukunft deuten?

Die Ewigkeit im Blick, sie liegt in Gottes Hand;
wie auch das Weltgeschick – es hat schon lang Bestand.
Ich freue mich: ich leb, hör Glockenblumen läuten.

© Luzie-R. (lillii, im ST gepostet am 12.04.2018, überarbeitet)


Jahreszeiten ohne Frühling

Die Zeiten der Natur - das Frühjahr grad im Kommen -
die sind uns so gewohnt; doch setzen wir den Fall,
das ändert sich einmal: wir hören einen Knall
und statt des Frühlings folgt ... der Sommer, strenggenommen!

Was wär dran rätselhaft, was machte wie benommen?
Die Bäume stehn im Grün - wo blieb der Knospen Schwall?
Die Blumen schon verblüht - ganz ohne Widerhall
dahin die Farbenpracht, rings alles wie verschwommen.

Es gäbe allerdings doch etwas zu bedenken:
verschwände denn zudem noch eine Jahreszeit,
was bliebe uns zu tun, das Ganze einzurenken?

Käm stracks auf Sommerzeit der Winter wie im Fluge …
solch Wechseln heiß mit kalt – das ginge euch zu weit?
Ihr fühlt Gefahr noch nicht: sie ist schon im Verzuge!

© Wolfgang H. (elbwolf; im ST gepostet am 13.4.2018; bearbeitet)
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Nachbemerkung:
Sonette in Alexandriner-Versen waren einstmals vorherrschend, heute wagt sich wahrscheinlich nicht einmal jeder Sonette-Schreiber an die damit verbundenen doppelten Anforderungen: die, an das deutsche Sonett und die an den Alexandriner. Letzteres meint: gereimt und nicht geleiert – daher die Mischung vollständiger (also 12-Silber) und übervollständiger Alexandriner (d. h. 13-Silber).
Das zweite Sonett oben verfolgt z. B. die Absicht, das Sonett-Reimschema
abba – abba – {ccd-eed, cdd-cee, cdc-dee, cdc-ede, cde-cde}
so umzusetzen, dass die Terzette ohne Paarreimer auskommen und die 12-Silber-Verse (d) von 13-Silbern umfasst werden: (cdc – ede).
Interessant, dass die Verslehre von Stummer ein Beispiel bringt, dessen Dichter genau das Gegenteil anstrebt, nämlich möglichst viele 12-Silber, und er wählt ccd-eed! Wenn wir dort über alten Wortgebrauch und kleine Rhythmusfragen wegsehen, so ist es vor allem die vorbildliche Behandlung der Versmitte in allen Verszeilen, die ja den Pauseneinschub sichert! Deswegen sei dieses historische Sonett hier druntergesetzt, weil jeder von uns Sonett-Schreibern davon etwas lernen kann.
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Andreas Gryphius (1616-64):

Menschliches Elende

Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,
ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid,
ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.

Das Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen.
Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid
und in das Totenbuch der großen Sterblichkeit
längst eingeschrieben sind, sind uns aus Sinn und Herzen.

Gleichwie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt
und wie ein Strom verscheußt, den keine Macht aufhält,
so muss auch unser Nam, Lob, Ehr und Ruhm verschwinden.

Was itzund Atem holt, muss mit der Luft entfliehn,
was nach uns kommen wird, wird uns ins Grab nachziehn.
Was sag ich? Wir vergehn wie Rauch vor starken Winden.

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