Diesen Blog haben wir 11/2016 neu gestaltet und führen ihn im Team weiter. Das verspricht mehr Vielfalt - wie man wohl schon an unseren Gesichtern ablesen könnte.
Allen Besuchern - herzliches Willkommen und viel Vergnügen bei/mit unseren Gedichten!
Im DEZEMBER 2017 würdigen wir den verdienten Mundart-Dichter Herbert Andert aus der Oberlausitz. Zum Jahresabschluss danken wir unseren Gästen und Helfern und geben allen gute Wünsche mit für 2018. Und sonst - mal sehn!

Dienstag, 30. Dezember 2014

Korb der Wunder


Gerard Dou (1613-1675): Stillleben (Detail, ~1635); Standort: Tokio; Liz.: gemeinfrei

Korb der Wunder
Wenn grade, wie in diesen Tagen,
so reichlich die Geschenke quollen
wird kaum es irgendjemand wagen,
gleich über Unnützes zu grollen –
was scheinbar glänzt wie oller Zunder,
füllt ziemlich schnell den „Korb der Wunder“.

Den schieben mitleidvolle Hände
mit Nachsicht unbemerkt zur Seite
und hinter möglichst dicke Wände,
damit kein Missmut sich verbreite.
Dort schmort er nächstens hin, der Plunder,
stupide glotzend wie ’ne Flunder.

Doch später kann man es erleben,
wie manche ohne zu bedürfen,
im Streben nach Besitztum eben,
im Korbe immer wieder schürfen.
Zum Schluss fand noch der Letzt-Erkunder
ein Fläschchen Wein, jedoch Holunder.

Ja, sich ums rechte Schenken sorgen,
kennt man nicht nur vom Hörensagen:
wer aufschiebt stets, hat nichts für morgen
und muss bis ganz zuletzt sich plagen.
Erfolg ist dann auch meist kein runder –
Drum macht so was ja kein Gesunder!


elbwolf, 30.12.2014

PS: Ich danke hier in aller Stille einem Bekannten, der
sicher nicht genannt sein möchte, für den Anblick eines
ganzen Korbes voller „kaltgestellter Geschenke“ – 
für mich die „Anregung“ zur obigen kleinen Satire.

Sonntag, 28. Dezember 2014

Zum Kaffee Dresdner Stollen (Sachsen-Genüsse 3/4)

Urheber: Gürgi, 16.03.2008; Quelle: wikimedia/commons; Liz: gemeinfrei.
Worauf Kenner verweisen: „Wer allerdings die Bräuche kennt / isst niemals Stollen vorm Advent!“

Sachsen-Genüsse (3/4):
Zum Kaffee Dresdner Stollen
Kulinarisches Scherzgedicht

"Liebste, bitte nicht gleich grollen –
Was ich gern hätt’ sagen wollen,
Ist natürlich ein Klischee,
Doch verfolgt mich die Idee
Stets zur Zeit vorm ersten Schnee:
Dass wir nämlich den Kaffee,
Nicht so einfach trinken sollen,
Ohne unsern Dresdner Stollen!"

"Kenn’ ich längst den ganzen Dreh –
Bin nicht schwer ja von Kapee.
Aber stets Rosinen wollen,
Nie Respekt auch Mandeln zollen?
Deshalb kaufte ich zwei Stollen
Für uns beide Anspruchsvollen.
Und dazu koch ich Kaffee – 
Schau, grad fällt der erste Schnee!"

© elbwolf (2014)

Links zum Stöbern:
• Der Dresdner Stollen gehört zur „Sächsichen Küche
• Die Rezepte-Wiki gibt das Rezept für den Christstollen nach Dresdner Art
• Zur Geschichte des Dresdner Stollens

Dienstag, 23. Dezember 2014

Mittagessen auf Böhmisch Art (Sachsen-Genüsse 2/4)

Foto-©: elbwolf
Privat gedeckt – der Sauerbraten wäre sonst nie so „massiv“, es gäbe Rotkohl und andere Knödel.

Sachsen-Genüsse (2/4):
Mittagessen auf Böhmisch Art
Kulinarisches Scherzgedicht

Zu Mittag kochen? Nicht gleich stöhnen -
Man kann den Tag ganz anders krönen:
Ein Sachse, der alteingesessen,
Wird’s Mückentürmchen nicht vergessen.
Auf Böhmisch Art recht stramm zu essen,
Empfindet keiner als vermessen.
Es ist auch nicht sehr viel zu löhnen,
Lässt man dort mittags sich verwöhnen.

So kommt’s, dass Sachsen dann in Scharen
Ins Ausland Mittagessen fahren.
Bestellt wird was vom Delikaten:
Die Knedliky mit Sauerbraten;
Beim Bier ist unter Kandidaten
Meist Staropramen angeraten.
Die Böhm’sche Art macht welterfahren –
Ist man sich nach der Tour im Klaren!

© elbwolf (2014)

Links zum Stöbern:
• Das Berghotel Mückentürmchen
• Der Sauerbraten und seine regionalen Zubereitungsvarianten
• Die 147 Sauerbraten-Rezepte auf der Web-Seite von „Chefkoch.de“
• Rezept für den Lendenbraten = Svíčková  der tschechischen Küche:
  (in vielem die direkte Entsprechung zum deutschen Sauerbraten)
• Die Böhmische Küche im Überblick
• Die Böhmischen Knödel (knedlíky) im Überblick
• Einige bekannte tschechische Biere im Bild

Sonntag, 21. Dezember 2014

Frühstück mit Quittenmarmelade (Sachsen-Genüsse 1/4)

Foto-©: elbwolf
Dezenter Hinweis: Früchte nur zum Anschauen auf den Tisch stellen, keinesfalls zum Hineinbeißen!


Sachsen-Genüsse (1/4):
Frühstück mit Quittenmarmelade
Halb zungenbrecherisches Scherzgedicht

Ödes Frühstück nachgerade –
Auf dem Tisch fehlt Marmelade!
"Sag mal", frage ich bei Gitten,
"Waren da nicht diese Quitten?"
„Doch, die haben ausgelitten,
Sind zu Stücken längst zerschnitten,
Aufgekocht zu Marmelade,
Ohne die das Frühstück fade!“

"Ah, dann hast du in der Lade
Allerlei an Marmelade?"
"Sicher", klingt's darauf von Gitten,
"Da brauchst du nicht lang zu bitten!
Hole dir ein Glas von Quitten,
Schmecken bestens, unbestritten."
"Göttlich, diese Marmelade –
Nichts ist ihr für mich zu schade." 

© elbwolf (2014)

Links zum Stöbern:
• Die Quitte als Symbol für Liebe, Glück, Fruchtbarkeit, Klugheit, Schönheit, Beständigkeit und Unvergänglichkeit.
• Quitten in der Verwendung als Lebensmittel.
• Eine Auswahl an Quittensorten.
Rezept für Quittengelee als feiner Brotaufstrich.
Rezept für Quittenmarmelade.
• Beim Googeln nach "Quittenkonfitüre extra" gehen Euch die Augen über!

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Jahresend-Melodei (à la Ach, wie ist’s möglich dann)

Eduard Schulz: Die Welt im Kleinen: zwölf Bilder aus dem Kinderleben – ein Familienbuch; Text von Emil Rittershaus; Flemming, Glogau 1867. Illustration „Im Winter“; Liz.: gemeinfrei.
Jahresend-Melodei – à la Ach, wie ist’s möglich dann
Parodie auf Wilhelmine v. Chezy’s „Ach, wie ist’s möglich dann“ (1824);
Melodie mit den Noten i. d. Bearbeitung durch Friedrich Wilhelm Kücken (1827).


Ja, das scheint nicht nur so,
Wie schnell das Jahr entfloh,
Und jetzt Dezember ist,
Wer glaubte das!
Einzig das Fest steht aus
Eh es mit Mann und Maus
Dann auf ein Neues geht –
Was schließlich sonst.

In mancher Winternacht
Rieselt es weiße Pracht,
Draus man den Schneemann baut,
Wie sich’s gehört!
Sein rundes Rübchen schaut,
Falls es nicht wieder taut,
Selbst noch den Februar –
Sag ich voraus!

Wär ich so’n Flöckchen auch,
Brächt’ mich der Windeshauch,
Setzt’ mich sehr leicht und sanft
Auf seine Nas.
Aber ein kleiner Patsch
Wischt weg den ganzen Matsch;
Wer wird da traurig sein –
Nein, ich bin’s nicht.

© elbwolf (10.12.2014)

Links zum Stöbern
1. Das Familienbuch von Schulz/Rittershaus als komplettes pdf-Dokument
2. Die Dichterin Helmina von Chézy (1783 –1856) und ihre Affären
3. Noten und Volltext zu „Ach, wie ist’s möglich dann“
4. Hinreißende zeitgenössische Illustrationen auf Postkarten zu „Ach, wie ist’s möglich dann“
5. Alles über den Schneemann sowie Herkunft/Verwendung des Wortes

Montag, 1. Dezember 2014

Dezember – ein Monatsbild (Fraktal-3/99)

Fraktal 03/99 „Weihkugel“     |       © saxonia44 ipse fecit

Dezember
Wieder will ein Jahr nun gehen.
Wer da immer viel gemacht, / Fragt sich deshalb mit Bedacht,
Wie die Dinge jetzt wohl stehen, / Was denn weiter sollt’ geschehen.
Mancher ist dann aufgebracht, / Und beginnt höchst unbedacht
Künftig alles schwarz zu sehen. / Dass wir richtig uns verstehen –
Nichts ist Schicksals Zaubermacht!
(Zweireimige Dezime)

./.

Kleine weltliche Dezember–Agenda

Zählung
Wer von den Monatsnamen alle richtig kennt,
Der müsste sich nicht sonderlich besinnen:
Der zehnte war’s, jetzt zwölfter Monat! – nur verpennt,
Als man einst früher ließ das Jahr beginnen.

Namensgebung – teils vor, teils nach der „christlichen Umwidmung“
Schon immer wartete Germanien auf die Wende,
Wenn auch nur diesmal fürs zu kurz gewordne Tageslicht.
Im Julmond findet dieser Niedergang sein Ende;
Das andere – meist Julklapp, was man sonst uns noch verspricht!

Bauernregeln
Gibt es schon zum Weihnachtsfest den vielen Schnee,
Hoppelt mal der Osterhas’ durch grünen Klee –
Hat die Birke im Dezember noch viel Saft,
Fehlt dem Winter dieses Mal es wohl an Kraft.

Christkinder
Nur nicht auf der Stelle jetzt den Kopf verloren,
Weil es vorgeblich ein einziges nur gibt –
Jeder, der am vierundzwanzigsten geboren,
Heißt drum so und wird sein Leben lang geliebt.

Sylvester – Tag der großen Schwüre
Gar kein Kavaliersverbrechen
Ist, Sylvester zu versprechen,
Was man eben so verspricht
Und am Ersten wieder bricht.

Nachhilfestunde im buchstäblich letzten Moment
(oder: welche unsäglichen Wissenslücken man vor Neujahr noch stopfen sollte)
• Wie lautet der volle Namenszug des elegantesten (männlichen!) aber nur kurzzeitig Verteidigungsminister der Bundesrepublik gewesenen Politikers?
Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg.
Na? Bei Benamsungen sollte man sich nicht EINZELN mit Nikolaus oder Sylvester bescheiden – richtig!
• Hat das Jahr 52 Wochen, denn das gäbe nur 52*7= 364 Tage, oder hat es nicht?
→ Im Prinzip schon, aber nicht jedes Jahr, denn: Fällt der 29. (wie in 2014!), 30. oder 31. Dezember auf einen Montag, werden die Tage ab Montag der ersten Kalenderwoche des Folgejahres zugeschlagen. Nach der DIN-Norm endet dann das laufende Jahr mit dem letzten Dezember-Sonntag und hat per Definition (!) 52 Kalenderwochen.
Na? Präzise Bürokratie gibt es nicht nur in Brüssel – richtig (und 2014 hat 52 KWn)!
• Ist es am 15. Dezember länger hell in München oder in Hamburg? Und wer oder was ist die Ursache davon?
→ Das kann man sich leicht merken: wo sitzen die dicksten Schädl? Richtig - in München!
Dort ist es von 7:54 bis 16:21 hell, bei den Fischköppen dagegen nur von 8:29 bis 16:00.
Na? Ursache ist die größere Entfernung von M. zum Nordpol (mit der Polarnacht um diese Jahreszeit; daher beziehen die Münchner ihre Kälte auch lieber aus den nahen Alpen)!

Sonntag, 23. November 2014

Reise nach Timbuktu oder Vergebliche Anstrengung

Urheber: Brocken Inaglory; Fata Morgana in der Mojave-Wüste (23.05.2007);
Quelle: wikimedia/commons; GNU-Lizenz für freie Dokumentation, ab Version 1.2


Reise nach Timbuktu oder Vergebliche Anstrengung
Eine etwas andere Fata Morgana

Die Neuigkeiten gaben Anlass zur Besorgnis,
Und das seit längrem schon, denn einfach jeder Plan,
Den man bisher zu Stuhl gebracht, verwandelte
Sich ins genaue Gegenteil der Absicht – wurde
Zu Fata Morganen.
Zwar sah es weiterhin so aus von großer Ferne,
Als wäre vieles noch recht ordentlich im Lot –
Doch Kunde über Misswirtschaft und Korruption
Ward lauter, machte unaufschiebbar eine Reise
In dies Timbuktu.

Der Möglichkeiten fortzukommen sind nicht viele,
Und schnell fällt die Entscheidung für ein Wüstenschiff.
Im Passgang schaukelt das Kamel durchs Dünenland,
Oasen liegen kaum auf seinem Weg, sind meistens
Nur Fata Morganen.
Die Karawane setzt des nachts sich in Bewegung,
Nachdem tagsüber wegen Hitze alles ruht.
Die Pfade durch das Sandmeer sind ganz ausgedünnt;
Vom letzten Brunnen sind es an dreihundert Meilen
Noch bis Timbuktu.

Besonderheiten dann am Pfad: die Tamarisken
Verkünden, dass das letzte Wegstück nun erreicht.
Bald glaubt man zu erkennen dieses Häusermeer,
Das lediglich verdächtig flirrt beim Näherkommen –
Wie Fata Morganen!
Dann die Ernüchterung in heißer Mittagsstunde:
Die Karawane ist der Wüste zwar entfloh’n
Doch hat sie leider ihr erklärtes Ziel verfehlt:
Das könnte nämlich vieles sein, da vorn im Glaste,
Nur nicht Timbuktu!

© elbwolf (21.11.2014)

Anmerkungen /(1) nach Wikipedia, bearb.; (2) nach Meyers Gr. Konv.-Lexikon, Bd. 19, S. 556-557)/:
1. Fata Morgana kommt aus dem Italienischen und bedeutet Fee Morgana, ein Name aus der im Mittelalter in ganz Europa verbreiteten Artussage. Morgana bewohnte die mystische und für Sterbliche unerreichbare Insel Avalon.
Eine Fata Morgana oder Luftspiegelung ist ein optischer Effekt, der auf der Ablenkung des Lichtes an unterschiedlich warmen Luftschichten basiert. Es handelt sich hierbei um ein physikalisches Phänomen und nicht um eine visuelle Wahrnehmungstäuschung bzw. optische Täuschung (wie das bei UFOs der Fall sein könnte).
2. Timbuktu ist eine Handelsstadt am Südrande der Sahara, in unfruchtbarer Umgebung, 15 km nördlich vom Niger. Die Stadt wurde um 1100 u. Z. von den Tuareg gegründet.
Der deutsche Forschungsreisende Barth konnte als erster Europäer umfangreiche Beobachtungen machen, ohne um sein Leben fürchten zu müssen, und berichtete darüber in seinen „Reisen in Zentralafrika“ (1857).
Es war wohl immer eine Kunst, bis nach Timbuktu zu kommen, aber eine noch größere, heil wieder heimzukehren.
PS - Ehe man mich ausfragt:
Ich habe mir natürlich Gedanken gemacht, warum meine Reise eben eine „vergebliche Anstrengung“ war und bin tatsächlich auf etwas gekommen – das Kamel war schuld!
Für die Reise hatte ich mir meinen Sitz zwischen die beiden Höcker montieren lassen und nehme nun an, dass ich durch das Schaukeln grade mal wieder eingedöst war, als das Luder (mit Verlaub!) an irgendeiner Dünenecke in die falsche Richtung abgebogen ist. Deshalb habe ich beschlossen, für einen Neuanlauf nur ein Dromedar zu verwenden: das hat nur einen Höcker und an dem muss man sich beim Reiten ständig festhalten. Das beschäftigt einen dermaßen, dass man gar nicht eindösen kann. Bis dann in Timbuktu grüße ich alle erst einmal zünftig mit
Salam alaikum!

Samstag, 15. November 2014

Kein leichter Weg auf den Parnáss!

Platte mit Apollon und den Musen auf dem Parnass, Urbino Mitte 16. Jh.
Standort: Kunstgewerbemuseum Berlin, Inv. Nr. K 1990; Quelle: wikimedia/commons
Vom Urheberrechtsinhaber FA2010 als gemeinfrei (weltweit geltend) veröffentlicht 2009

Der Parnass ist ein 2.455 Meter hoher Gebirgsstock in Zentralgriechenland, an dessem südwestlichen Fuß Delphi liegt. In der griechischen Mythologie ist der Berg Apollon geweiht und die Heimat der Musen, der Göttinnen der Künste. Deswegen gilt der Parnass als Sinnbild und Inbegriff der Lyrik.
Nach dem Parnass ist in Paris der Montparnasse benannt. /nach Wikipedia/

Kein leichter Weg auf den Parnáss!

Träumer! Du hegst vielerlei an Gedanken,
Siehst sie zu Bildern sich formen vor dir.
Willst dann in Worte sie kleiden, umranken,
Wünschst, dass sie blieben als dein Souvenir.

Tänzer! Du scheinst durch die Zeilen zu schweben,
Stolpre nur nicht, wenn du schreitest fürbass.
Lass diese Verse doch rhythmisch erbeben,
Leite hinauf sie zum Berge Parnass.

Verseschmied! Such nicht voll Hast nach den Reimen,
Oftmals sind die nämlich spärlich gesät,
Wählerisch magst du nicht sein, nur schnell leimen –
Ahnst nicht, wie bald so ein Vers dir missrät.

Schmeichler! Du schmierst eine Kelle voll Honig
Jedem ums Maul, lobst ihn über den Klee.
Süße ist Labsal, doch schmeckt sie bon-bonig,
Weckt falsche Hoffnung Poeten in spe!

Kritiker! Wahr’ dir die Freiheit beim Urteil,
Wollen und Können – wäg’ beides gerecht;
Spende auch Beifall für manches an Kurzweil;
Hohn gib nur preis, was tatsächlich zu schlecht.

Schließlich: Verleger! Was seid ihr so pinglig?
Gönnt doch dem Dichter mal einen Versuch.
Dem ist sein Anliegen meistens sehr dringlich –
Ihr tragt dagegen schon längst bestes Tuch!

Nachwelt? Ja, die ist besonders penibel,
Misst am Gesamten vergangenes Ding.
Flicht ihren Lorbeer nicht immer plausibel –
Niemand erachtet sie deshalb gering!

© elbwolf (2009; Neufassung 14.11.2014)

Anmerkung für Neugierige:Die Verse sind im
unvollständig-vierfüßigen Daktylus geschrieben
.

Sonntag, 9. November 2014

Nicht länger nur Wunschbild


P.-A. Renoir (1841-1919): Kahnfahrendes Paar (wohl Renoir mit seiner späteren Frau Aline), ~1881
Standort: Boston; Quellen: commons/wikimedia via Google Art Project dito The Yorck Project (Nr. 8243)
Liz.: gemeinfrei / public domain in countries with a ©- term of life of the author plus 90 years or less.
Ein Mann sieht sich unerwartet seinem Wunschbild von Frau gegenüber.
Renoir gibt das auf einzigartige Weise wieder und bleibt uns gegenwärtig.



Ich, Ich, Ich? – Du!

Ich
stell mir dich im Kopfe vor,
Wie ich dich gern erlebt;
Mein wacher Geist schon oft beschwor;
Seit langer Zeit erstrebt.

Ich zeichne dir die Bilder auf,
Die sämtlich nur gedacht,
Und die mir bisher stets zuhauf
Versuchung eingebracht.

Ich form für dich die Worte all,
Die durchweg ungesagt,
Mir sprudeln in so großem Schwall,
Obwohl sie recht gewagt.

Du stehst auf einmal da vor mir,
Sprichst mich ganz zärtlich an;
Was ich erhofft, kommt nun von dir
Und schlägt mich in den Bann.

elbwolf (2010 – ’14)
anfangs u. d. T. "In den Bann geschlagen"

Samstag, 8. November 2014

Dresdner Brückenbau (I – vorher )


Der Bauplatz der künftigen Waldschlösschenbrücke in Dresden
Autor: Steffen Kaufmann, 1.6.2003. GNU-Liz. f. freie Dokumentation ab Vs. 1.2
Hinweis: Wichtig der (sonst nur störende) Pfahl mit dem Schild „Landschafts-
schutzgebiet“!
Im Hintergrund rechts: der Wachwitzer Fernsehturm.
 Brückenbau-Ballade (I – vorher)
Limerick-Folge

Die Stadt ist ganz deutlich geprägt
Vom Fluss, der sie mittig zersägt.
          Einst standen die Rufer
          An beiden der Ufer –
Doch Kahnfahrt nicht jeder verträgt ...

Die Lösung dafür ist sehr alt,
Lässt heute wohl jedermann kalt:
          Man baut nämlich Brücken,
          Um ’nüberzurücken –
Erfreut sich der Bögen Gestalt.








So war das in früherer Zeit:
Man löste Probleme gescheit!
          Heut sucht man voll Tücke         
          Gesetze mit Lücke –
Und bricht dann vom Zaune den Streit!

Zwei Teams machen ziemlich auf stur:
Das erste entwirft „Hardware“ pur
          Und denkt an nichts weiter.
          Das zweite – gescheiter –          
Befürchtet Verlust von Kultur.

Schematischer Vergleich:Waldschlößchenbrücke
mit anderen Stadtbrücken, s o. „Blaues Wunder“
Vom Urheber „GmD“ 10.11.2005 als gemeinfrei (weltweit) veröffentlicht!







Das Welterbe hatte gelockt –
Wird ALLES nun wieder verzockt,
          Der Kampf um den Titel
          Ein vergeblich’ Kapitel?
Die „Erben“ sind sämtlich geschockt!

Derweil wuchten quer durch die Au
Die „Technos“ den stählernen Bau:
          Verkehr hat zu fließen –
          Wen könnt’ das verdrießen,
Was soll kulturelle Beschau?

Im Nu gab’s gefährlich Gemenge
Aus Weitblick und angstvoller Enge.
          Selbst Hufeisennase
          Verfiel in Ekstase …
Ein jedes erhielt tüchtig Senge!

Das Volk, das ja stets nur der Lümmel,
Zog rein man ins Schlachtengetümmel:
          Ohne richtige Kunde
          Ging’s zur Abstimmungsrunde –
Drauf nippt es bedeppert am Kümmel.

Der Titel? War umgehend futsch.         
Die „Technos“, die dachten: „Gut-Rutsch!"
Jetzt her diese Brücke,
Verkehrsader-Krücke!
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Und hatten gewonnen den Putsch!

Elbwolf (2009; 2013)


PS: Und so lief der Bau – oder auch nicht:
Erster Spatenstich am 29.11.2000 durch den damaligen Oberbürgermeister
2004 Aufnahme der Kulturlandschaft Dresdner Elbtal in das Weltkulturerbe
Verzögerung des Baubeginn bis zum 19.11.2007
  Das UNESCO-Komitee beschließt im Juni 2009 die Aberkennung des Weltkulturerbe-Titels
Am Morgen des 26.08.2013 wird die Brücke für den Verkehr freigegeben.


Blick auf den Brückenbogen der noch im Bau befindlichen
Waldschlösschenbrücke.
Autor: Karelj; 19.7.2012; GNU-Liz. f. freie Dokumentation ab Vs. 1.2






Dresdner Brückenbau (II – nachher )

Fußgängermonopol vor der Verkehrsfreigabe, 24./25.8.2013;
Foto+ ©: Dr. Bernd Gross; Liz. CC 3.0,
 


Der Verkehr rollt über die Dresdner Waldschlösschenbrücke,
Momentaufnahme 25.7.2014; Foto+©: elbwolf












Brückenbau-Ballade (II – nachher)
Limerick-Folge

Ja nachher … ist jedermann schlauer!
Ums Welterbe gab es schon Trauer
          Explodiert sind die Kosten
          Um erkleckliche Posten,
 Doch heut’ sind nur wenige sauer.

Der Betrachter kneift Augen ganz schmal,
Hält die Form dieses Baus für banal …
          Er wartet auf Züge …
          Doch sieht zur Genüge,
Dass nur Autos hier queren das Tal!

Doch etwas hat wirklichen Witz!
Du fährst bis um neun einen Flitz
          Mit „50“ hinüber.
          Nach neun wieder rüber
Mit „30“ – sonst trifft dich der Blitz!

Der Grund ist die Hufeisennase
Mitsamt ihrer flatternden Blase -
          Zwar sah sie noch niemand
          Doch lohnt sich solch Vorwand:
Kassiert wird mit wahrer Emphase!

Zehntausend ist’s so schon ergangen!
Wir anderen sollten nicht bangen:
          Es kommt uns’re Zeit,
          Wo alles bereit,
Auch uns in die Tasche zu langen!

So könnten in kommenden Jahren
All die, die ganz einfach nur fahren,
          Bezahlen – wie schlau –
          Den teueren Bau!
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Das wollte ich euch noch verklaren.

Elbwolf (2014)

Foto: elbwolf, 25.07.2014
Der Pferdefuß:
Wo hinten die Brückenbögen aufsetzen, stehen die beiden sog. „Traffi Tower“ und finden etwa alle 5 Minuten ein Opfer zum Blitzen. Jeder dieser „Abzocker“ kostet knapp 50.000 €, beide verursachen im Jahr etwa 800.000 € Unterhaltskosten.
Hochgerechnet macht die Stadt etwa 3 Mio. €/Jahr Plus an dieser einen Stelle! Ihre 32 Mio. € Eigenanteil an den Brückenbaukosten von insg. 181 Mio. € hätte sie nach etwa 10 Jahren wieder herein, aber nur, wenn weiter so munter geblitzt wird!
Ist das etwa kein Pferdefuß? (Quelle: nach „Bild“ vom 3.9.2013)