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Montag, 20. März 2017

Die vier Jahreszeiten – Einführung

Johann Nepomuk Hautmann (1820-1903): Skulpturen im Gartenparterre von Schloss Linderhof.
Die Vier Jahreszeiten: Frühling (Flora) | Sommer (Ceres?) | Herbst (Bacchus) | Winter
Eigene Fotos, Bearbeitung, Montage & ©: elbwolf, 11.05.2015, 13:20

Werke der bildenden Kunst mit dem Motiv der vier Jahreszeiten, …
… wie die hier abgebildete Skulpturengruppe aus Ludwig II Schloss Linderhof, gibt es in beträchtlicher Anzahl, die noch deutlich anwächst, wenn man weitere Kunstgattungen hinzunimmt – Malerei, Musik, Literatur. Nebenbei: Einen zusammenfas­sen­den Artikel hierüber sucht man sogar in der Wikipedia vergebens!

Auf diese Einführung folgen dann einzeln unsere Sonette zu den vier Jahreszeiten, denen die Bilder aus den gleichnamigen Jugend­stilzyklen Alfons Muchas von 1896 und 1897 beigegeben sind.
Zunächst aber sei aus einer kunstwissen­schaftlichen Studie 1) über die Linderhof-Plastiken und ihre Versailler Vorbilder das zitiert, was ein bildender Künstler alles in eine solche Motivserie hineinlegt und zu beachten hat.
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"Alle Linderhofer Steinskulpturen, mit Ausnahme der Monopteros-Venus, wurden nach Vorlagen aus Versailles geschaffen …
LeBrun ²) hielt sich mit seinen Entwürfen gerade bei diesen Figuren (der vier Jahreszeiten) am wenigsten an die Angaben Cesare Ripas ³), der alle vier … durch Frauen personifizierte … Bei LeBrun dagegen sind Winter und Herbst männliche Figuren. Ihre Gegenstücke in Linderhof sind dort die einzigen männlichen Figuren unter den Vierergruppen."

"Beim Frühling meint Ripa nicht viel Worte verlieren zu müssen, da die Figur selbsterklärend sei, denn durch Girlanden und Sträuße verschiede­ner Blumen, die sie trage, werde gezeigt, dass sich alle diese Pflanzen in dieser schönen Jahreszeit erneuerten. Der Frühling erscheint in Gestalt der mit einem Blumenkranz gekrönten Flora, die mit ihrer Linken einen Blumenkorb über der Hüfte trägt. Das dünne Kleid lässt die Brust frei. Der Mantel bedeckt ihre linke Schulter, den linken Arm, einen Teil des Rückens und ihren Körper von den Hüften abwärts. Ihr linkes Standbein ist teilweise unbedeckt; sie ist barfuss.
Beim Vergleich … Versailles und Linderhof fallen die Unterschiede der Physiognomien auf: In Versailles hat Flora ein klassisches, idealisiertes Gesicht, in Linderhof wirkt es porträthaft und natürlich."

"Auch bei der Figur des Sommers hielt sich LeBrun mehr an mittelalter­liche Monatsdarstellungen als an die Vorgaben Ripas, der diese Jahreszeit als ein mit Kornähren bekröntes junges Mädchen beschreibt, das er mit einer brennenden Fackel versieht, um die große Hitze, die die Sonne im Sommer verbreitet, anzudeuten. Allerdings könnte man auch hier, wie beim Winter, an eine Götterdarstellung denken, nämlich an die der Ceres, die mit ihren Attributen, den Getreidegarben, wie bei den Versailler Jahreszeiten-Brunnen, als Personifikation des Sommers dienen kann. In Versailles und Linderhof ist der Sommer eine junge Frau, die eine Sichel in ihrer erhobenen Rechten hält und eine aufgestellte Korngarbe mit ihrer Linken fasst. Geringe Unterschiede weist die Faltung der hochgeschlossenen und bis zu den Füßen reichenden Kleider auf."

"Die Versailler Figur des Herbstes in Gestalt des Bacchus … wirkt schlanker, weniger muskulös und hochgewachsener als die entsprechende Linderhofer Figur; die Hüfte über dem rechten Standbein ist in Versailles weniger ausgestellt. Bacchus stemmt seine Rechte in die Hüfte, in der erhobenen Linken hält er einen verzierten Pokal. Sein Haupt ist mit Weinlaub und Weintrauben bekränzt. Das Gewand schlingt sich um den erhobenen linken Arm und seine Hüften; es fällt in Linderhof hinter der Figur sehr breit zu Boden und dient zusammen mit dem ebenfalls stark vergrößerten Weinkörbchen neben dem rechten Standbein als kräftige technische Stütze. Der überquellende Weinkorb ist reich mit Weintrauben und eingesprengten Blättern gefüllt ..."

"Die Figur des Winters in Linderhof unterscheidet sich vom Versailler Vorbild vor allem durch das Gesicht und die Draperie: Der Mantel ist zwar in gleicher Weise um Körper und Haupt gewunden wie in Versailles, doch weniger reich an Falten und Verschlingungen und wirkt dadurch ärmlicher; er fällt hinter den Beinen bis zum Boden, die Holzscheite sind weggelassen. Das Gesicht des Alten ist in Linderhof viel hagerer; der Bart wirkt weniger gepflegt, die Barthaare strahlen zottelig nach allen Seiten aus, während sie an der Versailler Figur in mehreren sorgfältig gelegten lockigen Strähnen nach unten fallen … die Linderhofer Version [erweckt] gerade wegen eines etwas stärker gekrümmten Rückens, des ungepflegten Bartes, des einfacheren Mantels und der fehlenden Holzscheite stärker den Eindruck eines gebeugten, auch wegen seiner Armut frierenden Greises."

Verweise:
1) Rolf Kurda: "Garten- und Bau-Plastik unter König Ludwig II. Linderhof und Herrenchiemsee" (2009)
²) Charles LeBrun (1619-90) leitete die Arbeiten zur Ausstattung der Schlösser Vaux-le-Vicomte und Versailles und war einer der bedeutendsten und prägendsten Künstler des Stiles Louis XIV
³) Cesare Ripa (~1555-1622) verfasste 1593 ein ikonografisches Wörterbuch, das zu einer unerschöpflichen Quelle für Kunst und Literatur des Barock geworden ist.
 Anm.: Das Foto der Winter-Figur ist wegen der ästhetischen Wirkung der Montage vertikal gekippt
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Mehr an Auskünften und weitere Beispiele …
• liefert z. B. Seemanns Lexikon der Kunst (Bd.2, S.446/7):
"… der Wechsel der vier Jahreszeiten und deren regelmäßige Wiederkehr wurden zum Symbol der Zeit, der Vergänglichkeit und des Kreislaufes von Werden und Vergehen, von Leben und Tod." Obwohl das Thema schon in der Antike gestellt wurde, gab es erst ~1565 mit P. Brueghel d. Ä. umfassende Darstellungen jahreszeitlicher Landschaften.

Einzelne Skulpturengruppen ab dem Barock nennt die Wikipedia:
•• im Rokoko-Garten, Schloss Veitshöchheim, südl. Ovalkabinett (F. Tietz, 1765);
•• in Radebeul b. Dresden, Fontainenplatz, Rondell mit Figurengruppe Vier Jahreszeiten;
•• in Bremen-Schwachhausen, im Bürgerpark beim Park Hotel Bremen;

• Die Tradition der Jahreszeiten-Darstellung scheint im vergangenen 20. Jahrhundert weitgehend versiegt zu sein … oder doch noch nicht ganz?
•• am Marktplatz in Güglingen, Skulptur von P. Schelzle, 2007;  Liz.: CC 2.5
•• in Berlin-Schöneberg, Skulpturengarten AVK (J. Schmettau, 2008, Liz.: CC 3.0)

 In vielen Touristenführern über Dresden liest man eine peinliche Verwechslung: die Skulpturengruppe an der Treppe vom Schlossplatz auf die Brühlsche Terrasse stellt nämlich die Vier Tageszeiten Morgen, Mittag, Abend und Nacht dar (Schilling, in Stein gehauen 1868; in Bronze nachgegossen 1908).

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