Diesen Blog haben wir 11/2016 neu gestaltet und führen ihn im Team weiter. Das verspricht mehr Vielfalt - wie man wohl schon an unseren Gesichtern ablesen könnte.
Allen Besuchern - herzliches Willkommen und viel Vergnügen bei/mit unseren Gedichten!
Im NOVEMBER 2017 würdigen wir einen Mundart-Dichter aus dem Thüringischen früherer Zeit. Als eines der letzten (hier noch nie gezeigten) "Gedichte großen Formats" stellen wir die Sestine vor. Und sonst - mal sehn!

Donnerstag, 29. Juni 2017

Villon / im ehem. Greifenverlag (2) – Eroberung der Frau

Diese Folge aus Einleitung und vier Gedichten ist einem ehem. Verlag gewidmet,
dem Greifenverlag zu Rudolstadt und seinen Buchkünstlern,
anhand des historischen Romans "Villon, den ganz Paris gekannt"
von Autorin Johanna Hoffmann; illustriert von der Grafikerin Erika Müller-Pöhl
 
Illustration: Erika Müller-Pöhl, 1973 im Greifenverlag; zu Buchseite 143
– z. Z. sind keine weiteren Angaben verfügbar –  *)
 
Villon / im ehem. Greifenverlag
(2) – Eroberung der Frau
          (Canzone toscana)

Villon ist einundzwanzig grad geworden,
besteht an der Sorbonne den Magister –
und wird gar nicht so sehr vom Stolz ergriffen.
Die Lust bedrängt ihn, will schier überborden:
die er gewählt, für sie zieht er's Register.
Im Heiratsantrag – jedes Wort geschliffen!
Doch was die Spatzen pfiffen,
ist eben doch nicht bloß so ein Geknister …
Jetzt soll die stolze Kathrin sich entscheiden:
den Burschen nehmen oder lieber meiden?

Missfällt ihr doch sein Leben ab der Wiege,
Gerüche von der Straße, biedre Kleider;
sie tändelt, wartet drauf, dass er erlahme.
Bald greift die eingefädelte Intrige –
ein Adelsspross hat eben bessre Schneider,
gewinnt bald Herz und Geld der jungen Dame.
Das ist ja das Infame:
es macht Villon zum lebenslangen Neider.
Sein Ziel, die Frau der Träume zu erringen,
das wird er fortan niemals mehr erzwingen.

Wolfgang H. (elbwolf, Juni 2016; durchgesehen Juni '17)

*) Disclaimer
Der Blogger dieser insg. 5-teiligen Folge hat große Anstrengungen unternommen, den evtl. Rechteinhaber für die reproduzierten Illustrationen ausfindig zu machen, jedoch ohne Ergebnis. Er gibt hiermit seiner Überzeugung Ausdruck, dass es der Künstlerin lieber sein würde, dieser bescheidenen Ehrung auch ungefragt zuzustimmen, bliebe doch sonst nur die ungenannte Präsenz auf Wühltischen von Trödelmärkten.
Auf begründete Forderung hin würden die Abbildungen natürlich gelöscht.

Dienstag, 27. Juni 2017

Villon / im ehem. Greifenverlag (1) – Von der Wiege bis zur Bahre

Diese Folge aus Einleitung und vier Gedichten ist einem ehem. Verlag gewidmet,
dem Greifenverlag zu Rudolstadt und seinen Buchkünstlern,
anhand des historischen Romans "Villon, den ganz Paris gekannt"
von Autorin Johanna Hoffmann; illustriert von der Grafikerin Erika Müller-Pöhl
 
Illustration: Erika Müller-Pöhl, 1973 im Greifenverlag; zu Buchseite 39
– z. Z. sind keine weiteren Angaben verfügbar –  *)

Villon / im ehem. Greifenverlag
(1) – Von der Wiege bis zur Bahre
          (Canzone toscana)

Das Bübchen, das ihr planschen seht im Zuber,
gebändigt durch der Mutter ganze Kraft,
zeigt unbeugsam schon seinen starken Willen.
Die spätren Verse sind nicht für den Schuber,
sie hat er oft nur schnell zum Bund gerafft –
man liest ihn nicht im Kämmerlein, dem stillen.
Im Mund den Ruf, den schrillen,
geballte Faust, gestampft voll Leidenschaft.
So steht er, armer Eltern Sohn, zur Welt,
die ihm sein Leben lang in Ohren gellt.

Von da bis hin zum Schluss – gar viel Stationen,
die er durchmisst: er lernt mit Wissbegier,
spielt listig argen Schabernack den Reichen.
Wie es Begüterte den Armen lohnen,
klingt mal das Geld, mal droht der Fusilier;
den Häschern kann der Barde nicht entweichen.
Dann setzt er seine Zeichen
und reimt das Fassbare zur Verse Zier!
Was da zusammenkommt, wird nachmals Schatz
und bleibt – wie gnadenlos auch sei die Hatz.

Der Mann, hinabgesunken auf die Erde.
Er hockt dort stumm, gelehnt an eine Wand,
ist barfüßig und in zu kurzer Hose.
Er friert und denkt in seiner Sprache "Merde
was bin ich hungrig in solch reichem Land."
Hebt dann den Kopf, versteinert in der Pose:
Steht eine Herbstzeitlose,
holt ihn zum Mahl mit einem Wink der Hand. –
Paris verstößt ihn. Unbekannt der Flecken,
wo Gräser das Gebein des Barden decken.

Wolfgang H. (elbwolf, Juni 2016; durchgesehen Juni '17)

Illustration: Erika Müller-Pöhl, 1973 im Greifenverlag; zu Buchseite 321
– z. Z. sind keine weiteren Angaben verfügbar –  *)
*) Disclaimer
Der Blogger dieser insg. 5-teiligen Folge hat große Anstrengungen unternommen, den evtl. Rechteinhaber für die reproduzierten Illustrationen ausfindig zu machen, jedoch ohne Ergebnis. Er gibt hiermit seiner Überzeugung Ausdruck, dass es der Künstlerin lieber sein würde, dieser bescheidenen Ehrung auch ungefragt zuzustimmen, bliebe doch sonst nur die ungenannte Präsenz auf Wühltischen von Trödelmärkten.
Auf begründete Forderung hin würden die Abbildungen natürlich gelöscht.

Sonntag, 25. Juni 2017

Villon / im ehem. Greifenverlag – Einführung

Historischer Roman von Johanna Hoffmann mit den Illustrationen von Erika-Müller-Pöhl:
"Villon, den ganz Paris gekannt", Greifenverlag zu Rudolstadt, 19731, 367 S.; 752,  783, 854, 885.
(nach Wurm, Henkel, Ballon: ~, Verlagsgeschichte u. Bibliografie; 2001, 414 S., ISBN 3-447-04501-9)

François Villon / Edition im ehem. Greifenverlag
       – Einführung

Der ehem. Greifenverlag zu Rudolstadt zählte zu den führenden Literaturverlagen der ehem. DDR, unter denen er etwa Rang 4-5 einnahm. Gegründet bereits 1919 (mit 212 Titeln bis 1933), wiedergegründet 1945 und erst 1964 überführt aus privatem in staatlichen Besitz (mit zus. weiteren 709 Titeln), machte sich der Verlag einen besonderen Namen mit illustrierten Büchern und war darin Auftraggeber für viele auf (buch-)grafischem Gebiet tätige Künstler.
Nach gescheiterten Privatisierungsversuchen (die sich in heutiger Bewertung "wie eine Raubrittergeschichte lesen") durch die zu trauriger Berühmtheit gelangte Treuhandanstalt stellte der Verlag 1993 alle Aktivitäten ein. Das verlegerische Erbe, das herrenlos zu werden drohte, nahm das Thüringer Staatsarchiv in seine Obhut und lagerte es auf der Heidecksburg ein – wo es in vielen Kisten ruht!

Unser Blog Versbildner widmet sich zwar nicht den Literaten, die bei "Greifen" verlegt wurden, möchte aber die Aufmerksamkeit seiner Besucher auf die über 100 Buchgrafiker richten, die viele Werke illustriert haben. Zu den bedeutendsten zählen die folgenden 14 Künstler:
• Bartholomäus, Herbert; *1910, †1973; (1953-58: 16 Titel, 466 Ill.)
• Bauer, Dietrich;                                     (1968-73: 3 Titel, 182 Ill.)
• Breternitz, Jochen; *1928;                    (1955-65: 5 Titel, 195 Ill.)
• Fiege, Helmut;                                      (1968-74, 7 Titel, 199 Ill.)
• Grube-Heinecke, Regine;                     (1972-83: 13 Titel, 163 Ill.)
• Hausotte, Horst;                                   (1960-83: 15 Titel, 273 Ill.)
• Hofmann, Kurt;                                     (1945-55: 13 Titel, 170 Ill.)
• Müller, Rolf F(elix); *1932;                    (1956-81: 35 Titel, 492 Ill.)
• Müller-Pöhl, Erika;                                (1966-88: 24 Titel, 439 Ill.)
• Nauer, Walter;                                      (1959-67: 13 Titel, 354 Ill.)
• Nehmer, Rudolf; *1912, †1983;           (1949-58: 13 Titel, 350 Ill.)
• Rohland, Marianne M.;                        (1956-69: 4 Titel, 156 Ill.)
• Stratil, Karl; *1895, †1963;                  (1946-69: 22 Titel, 421 Ill.)
• Vontra, Gerhard; *1920, †2010;          (1946-66: 22 Titel, 393 Ill.)

Es wäre eine kulturgeschichtliche Tat, wenn die Heidecksburg in ihrem musealen Teil
das Andenken wenigstens dieser Buchkünstler des ehem. Greifenverlages zu Rudolstadt
durch eine Dauerausstellung ihrer grafischen Werke würdigen könnte.

Meistbeschäftigte Buchgrafiker im Greifenverlag waren Rolf F(elix) Müller (ab 1956) und Erika Müller-Pöhl (ab 1966); zusammen 55 Titel mit nicht ganz tausend meist s/w-Illustrationen stehen von beiden "zu Buche". Zu Johanna Hoffmanns historischem Roman von 1973 über den französischen mittelalterlichen Barden François Villon (1431 – nach 1463) steuerte Erika Müller-Pöhl 30 s/w-Illustrationen bei und gestaltete auch Einband und Schutzumschlag. Dieses Bildmaterial dürfte zum lebendigsten und einprägsamsten gehören, was der Verlag seinen Lesern an Anschaulichem zur Vertiefung des Lesestoffs bieten konnte. Wie bedauerlich, dass sich von der Künstlerin z. Z. keine Spur finden lässt – trotz aller Bemühungen, eine Gestattungslizenz für die Wiedergabe einiger ihrer Abbildungen zu erhalten.  Allerdings könnten auch sie einfach zum herrenlosen Gut  in den Kisten auf der Heidecksburg gehören – es wird deshalb gebeten, den diesbezüglichen Disclaimer am Ende des Beitrags zur Kenntnis zu nehmen!

Villon und sein Werk tauchen in der verlegerischen Geschichte des Greifenverlags schon früher auf. 1952 legte Paul Zech in einer freien Nachdichtung "Die lasterhaften Lieder" vor – die Balladen aus dem Kleinen und Großen Testament Villons – die im Verlagsverzeichnis unter der Position 847 geführt werden. Wie Johanna Hoffmann in ihren Nachbemerkungen zum Roman anführt, fließen viele Stellen aus dieser Quelle und ähnlichen anderen direkt in die Gestaltung des Romans ein – also mittelbar auch in die künstlerische grafische Umsetzung.
Darüber hinaus gibt es wenig Gesichertes über Villons Leben.
Die Lebensstationen erschließt ein Artikel in der Wikipedia mit dieser Einteilung:

- Jugend und Studium (1431 – 1452)
- Abgleiten in die Kriminalität (1453/54 – 1456)
- Flucht und Wanderjahre (1456 – 1462)
- Verhaftung, Verurteilung, Verbannung aus Paris (1462 – 1463, danach unbekannt)

Bevor Villon – praktisch vogelfrei – im Winter auf 1463 vor die Tore von Paris gesetzt wurde und sich seine Spuren verloren, schrieb er im Kerker mit Galgenhumor den berühmten Vierzeiler (eigentlich ein halber Achtzeiler):

Je sues François, don't ill me poise
New de Paris empress Pentose
Et de la cored dune toile
Sapura moon cool queue moon cull poise
Ich bin Francois, doch was mir Kummer macht:
obwohl gebürtig aus Paris bei Pontoise,
dass durch diesen ellenlangen Strick
mein Hals erfahren wird, was mein Hintern wiegt
.

Die an diese Einführung anschließende vierteilige Folge eigener Gedichte beschreibt markante Ereignisse und Umstände in Villons Leben und illustriert sie mit 1-2 Grafiken von Erika Müller-Pöhl (s. den Disclaimer am Schluss).

(1) Von der Wiege bis zur Bahre (Einstellung am 27.6.2017)
(2) Eroberung der Frau (29.6.)
(3) Das Bürgerweibchen (4.7.)
(4) In verschworener Runde (6.7.)

Die zugrundeliegende Gedichtform ist die der Canzone toscana.
Das Handwerkliche zur Kanzone findet sich bei Josef Viktor STUMMER, S. 86.
Illustration: Erika Müller-Pöhl, 1973 im Greifenverlag; Umschlagbild
– z. Z. sind keine weiteren Angaben verfügbar –  *)
 *) Disclaimer
Der Blogger dieser insg. 5-teiligen Folge hat große Anstrengungen unternommen, den evtl. Rechteinhaber für die reproduzierten Illustrationen ausfindig zu machen, jedoch ohne Ergebnis. Er gibt hiermit seiner Überzeugung Ausdruck, dass es der Künstlerin lieber sein würde, dieser bescheidenen Ehrung auch ungefragt zuzustimmen, bliebe doch sonst nur die ungenannte Präsenz auf Wühltischen von Trödelmärkten. 
Auf begründete Forderung hin würden die Abbildungen natürlich gelöscht.

Freitag, 23. Juni 2017

In deutschen Landschaften (3) – Dornburg


Notabene: Nicht: "Deutsche Landschaften" heißt es hier, sondern: "In deutschen Landschaften"! Natürlich werden die Gedichte unserer losen Folge sicher auch Orte, Bauwerke, Berge, Flüsse und Seen beschreiben – wichtiger aber sind Gedanken, Inspirationen, Gefühle und die Menschen, die unsere Gedichteschreiber bei ihren Aufenthalten dort erlebt haben!
Bronzeplastik, sog. Bacchantin (vor 1900), Rosengang im Barockgarten der Dornburger Schlösser.
Foto + ©: WH (elbwolf); Aufnahme vom 29.09.2011 – und damit leider nach der Rosenblüte! *)
Die Chemnitzer Fotografin Diana Mende al. "Erinnerungen" hat im Internet ein Foto eingestellt,
das man über die Fotocommunity "kostenfrei ansehen" kann – tun Sie das bitte, verehrter Besucher:
Dornburger Bacchantin während der Rosenblüte-Zeit

"In deutschen Landschaften … "
(3) – Dornburg zur Rosenblüte

Von Lindenblütenduft behangen,
In Rosenzauber eingefangen,
Von Abendsonne still gewärmt,
Von Schwalbenschreien schrill umlärmt.
Auf weiten Wegen Einsamkeit.
Ein Ruhequell in lauter Zeit.

Von vielen Füßen schon bewandelt,
Von kund'gen Händen zart behandelt;
Mit Farben üppig ausgestattet,
Von langem Sonnentag ermattet.
Die Varianten vieler Düfte
durchschweben laue Abendlüfte.

Wer ging schon vor mir diese Wege,
betrat die schmalen Gartenstege,
verweilte in den Rosenlauben,
die gut für Heimlichkeiten taugen?
Ich schau hinunter in das Tal.
Für mich gibt es ein nächstes Mal!

© A.W. (Juni 2017)

Kulturdenkmal Ensemble der drei Dornburger Schlösser in Dornburg/Saale in Thüringen
Foto & ©: Wolfgang Pehlemann; 2008; Quelle: wikimedia.commons; Liz.: CC-BY-SA 3.0
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*) Besonders zur Rosenblüte zeigen sich die Gärten, von denen sich ein weiter Blick über große Teile des mittleren Saaletals bietet, in schönster Pracht [DuMont, TB Weimar …]. Wir haben uns sehr bemüht, eine Gestattungslizenz für das Foto von Frau Mende zu erhalten. Die Fotocommunity hat uns leider mit keiner Form einer Kontaktvermittlung zur ©-Inhaberin unterstützt bzw. sie hat sich selbst dazu außerstande gesehen. Die Verfasserin des Gedichtes hat das besonders bedauert und gemeint: "Meine Erinnerungen hängen in diesen Laubengängen fest."

Dienstag, 20. Juni 2017

In deutschen Landschaften (2) – Im Münsterland


Notabene: Nicht: "Deutsche Landschaften" heißt es hier, sondern: "In deutschen Landschaften"! Natürlich werden die Gedichte unserer losen Folge sicher auch Orte, Bauwerke, Berge, Flüsse und Seen beschreiben – wichtiger aber sind Gedanken, Inspirationen, Gefühle und die Menschen, die unsere Gedichteschreiber bei ihren Aufenthalten dort erlebt haben!
Im englischen Park der Wasserburg Anholt; Durchblick auf die rückwärtige Schlossfassade.
©: die Verfasserin; Aufnahme vom 10.06.2017
 "In deutschen Landschaften … "
(2) – Im Münsterland rundum geschaut

Im Münsterland, dem Ort von altem Schlage,
lausch ich der Sprache meiner Kindertage:
dem wohlgepflegten Münsterländer Platt.
In Burgen, die die Gräfte rings umspülen,
sitzt noch der Adel fest auf den Gestühlen.
An Schloss und Burg seh ich mich niemals satt.

Da steht das Milchvieh noch auf fetten Weiden;
die Bächlein plätschern hin so ganz bescheiden,
und Schmetterlinge tanzen in der Luft.
Auf Bauernhöfen stehen alte Eichen
als Wächter; Blumen blühen ohnegleichen,
erfrischen Aug und Herz mit ihrem Duft.

Das Münsterland mit seinen weiten Feldern,
mit Bauernhöfen zwischen dunklen Wäldern –
ist immer eine große Reise wert.
Erholung finden auf den Wanderwegen,
bei Wind, bei Sonne oder auch bei Regen –
vielleicht bei einem Ausritt hoch zu Pferd.

Als Gott der Herr den Münsterländer formte,
gelang's ihm nicht, dass er nach sich ihn normte –
er ist von Anbeginn als stur bekannt.
Sein eigenartig willensstarkes Wesen
kann mit der Zeit, wer eingeweiht ist, lesen:
er ist ein liebenswerter Querulant.

Wenn diese Menschen sich jedoch vergnügen,
genießen sie ein Fest in vollen Zügen,
sie lieben durchaus die Geselligkeit.
Ob Ostern, Hochzeit, Schützenfest im Freien,
die Pingsterbrut, auch die kann sie erfreuen;
sie sind ein jederzeit zum Spaß bereit.

© L-R. (lillii, Juni 2017)
Gedenkstätten der Annette von Droste-Hülshoff b. Münster; Fotos & ©: WH (elbwolf), 17.07.2014
Wasserschloss Hülshoff / Büste der Dichterin im Park / Rüschhaus, Witwensitz der Mutter

Samstag, 17. Juni 2017

Fisch & Widder – zwei Sichten

Fußbodenmosaiken in der Galleria Umberto, Neapel: Fische und Widder
Foto & ©: IISistemone; 18.04.2011; Quelle: wikimedia.commons; Liz.: CC-BY-SA 3.0

Fisch und Widder
   Widder und Fisch
        – die eine Sicht

        – die andere Sicht

Ein Widder er, ein Fischlein sie,
das gibt höchst selten Harmonie.
Er stellt sich mit geschwellter Brust
zu ihrem Schutz, zu seiner Lust,
und angriffslustig senkt er dann
noch das Gehörn, der Supermann.
Sie schaut mit großem runden Blick.
"Was will er bloß?" – und weicht zurück.
|  Ein Widder er – trifft sie, den Fisch:
|  welch explosives Grundgemisch!
|  An ihrer stolz geschwellten Brust
|  erhofft er sich vollkommne Lust,
|  und er wird schwach, der starke Mann,
|  weil er rein gar nicht anders kann.
|  Er fragt sich nur mit großen Augen,
|  kann ihren Ansprüchen er taugen?
| 
Aus ihrem Maul entweicht kein Ton,
nur Blasen, und sie schwimmt davon.
Er kriegt sie einfach nicht zu fassen,
denn sie ist wendig und gelassen.
Wird er zu laut, lässt sie ihn stehn
und ihre Rückenflosse sehn.
Der Widder scharrt mit seinen Hufen.
Er ist der Boss, er lenkt die Kufen.

|  Befangen ist er, keinen Ton
|  bringt er hervor, und sie voll Hohn 
|  verbittet sich, dass seine Pranken
|  beginnen, sich um sie zu ranken!
|  Ach kläglich, wie er vor ihr steht,
|  drauf wartend, ob es weitergeht.
|  Sie schwimmt um ihn herum im Kreise,
|  und mustert, wie sie ihn verspeise ...
| 
Er ist es, der es besser weiß
und das um wirklich jeden Preis.
Sie lässt ihm seinen Glauben gern.
Mag er posieren, sie ist fern
mit den Gedanken, schwingt die Flossen,
er bleibt zurück und ist verdrossen.
In manchem Traum ist sie ein Hai –
Dann kommt er an ihr nicht vorbei.

|  Sie ist es, die genau eins weiß:
|  wie weit sie nämlich treibt den Preis.
|  Mag er doch ruhig daran glauben,
|  dass zwar sehr hoch gehängt die Trauben,
|  doch wenn er nur recht tüchtig spränge,
|  dann käme er auch ans Gepränge.
|  Er setzt nicht Hörner gegen Flossen –
|  die hätte er gleich jetzt genossen!
|
Mit Hörnern gegen ihr Gebiss?
Das schafft er nicht, das ist gewiss.
Doch kommt der Tag, ist es wie immer.
Sie ist ein stummes Frauenzimmer.

|  Im Traum erschien sie ihm als Lamm.
|  Er fühlte sich kein bisschen klamm
|  und legte all sein Wohl und Wehe
|  in eine Widder-Fischlein-Ehe.
| 
Ein Widder er, ein Fischlein sie –
gibt eben selten Harmonie

|  Ein Widder er, doch sie ein Hai –
|  da ging das Glück ganz schnell vorbei.
| 
© immergruen (A.W.)
|  © elbwolf (WH)
April - Juni 2017
(Erstveröffentlichung bei community.seniorentreff; hier abgeändert)

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PS (elbwolf):
Der Verfasser der rechten Seite bedankt sich bei der Verfasserin der linken sehr für die ausbaufähige Startidee. Leider konnte er sie trotz ihrer bekannten Gutmütigkeit nicht davon überzeugen, auch einmal ein Dialekt-Wort dort zu verwenden, wo er im entsprechenden rechten Part auf Widder reimen wollte mit … richtsch bidder. Aber nur so lange, bis ihm der Hai einfiel – ne wohr!

Dienstag, 13. Juni 2017

Variationen "in Klatschmohn"

Bilderfolge von den drei Stadien des Klatschmohns – Knospe, Blüte und Kapsel.
Autor & ©: Alvesgaspar, April 2010. Quelle: wikimedia.commons: Liz.: CC-BY-SA 3.0
Prämiierte Fotos auf Wikimedia Commons vom 21.03.2011

© immergruen (A.W., 2017):
 
(1) Klatschmohn – Schönheit und Fluch (Kanzonen)

In Unschuld, grün, so steht sie, noch geschlossen,
Ein kleiner roter Streif am untern Rand,
der Hoffnung gibt auf baldiges Erblühen.
Der Frühling ist für dieses Jahr verflossen
und sie die erste Knospe, die ich fand.
Die Blüte Mohn mit ihrem roten Glühen.
Ihr schiens gering an Mühen.
Mit Kraft durchstieß sie spröden Stein und Sand.
Bald wird sie nun ihr rotes Kleid entfalten.
Die Schönheit wächst sogar in Pflasterspalten.

Die Unschuld ist ihr leider nicht geblieben.
Die Schwestern auf dem großen Opiumfeld,
die haben ihren guten Ruf verloren.
Und jetzt gehört sie zu den bösen Sieben
zum Fluch für jene auf der ganzen Welt,
die sich allein dem Rausch der Sucht verschworen.
Schon tot sind die geboren.
Steht nach dem Kampf Verlierer oder Held?
Auch Tod und Schlaf sind ihm nach Schönheit eigen,
sind Fluch und Segen im Bedeutungsreigen.


(2) Die Klatschmohnblüte

Rot
wie ein Flamencokleid.
Gebauscht, gestuft,
in der Drehung
zum vollen Rund
geschwungen
und dann
in der Pose erstarrt.

So steht sie
auf ihrem Stängel.
Aus der Knospe gebrochen
heute am Morgen.
Zerbrechlich
und filigran.

Jetzt
holt sie Atem
für den Tanz mit dem Wind.
Sie breitet ihr Kleid
für ihn,
der sich ergötzt
an ihrer Schönheit
und sie dreht,
bis das Kleid
den Boden berührt
und in sich zusammenfällt.
 
Vergangen und gewesen.


(3) Der Klatschmohn

In seiner Art ist er bescheiden,
die Farbe voller Leidenschaft.
Sein Lebenswille ist beträchtlich
und sein Verhalten beispielhaft.

Er blüht an Rändern, unbeachtet.
Ich hol sein Rot mir gern ins Haus.
Mit Margeriten und mit Ähren
entsteht im Nu ein Sommerstrauß.

Die bunte Mischung aller Farben          
bringt mir den Sommer gänzlich nah.
Der Mohn und seine roten Kleider  
sind schön, wie ich sie selten sah. 

Klatschmohn im Innenhof des Kreuzgangs der Wallfahrtskirche Mariaschein, Graupen
(Bazilika Panny Marie Bolestné, Krupka, CZ) / Aufnahme: elbwolf (WH, 28.05.2017)