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Sonntag, 25. Juni 2017

Villon / im ehem. Greifenverlag – Einführung

Historischer Roman von Johanna Hoffmann mit den Illustrationen von Erika-Müller-Pöhl:
"Villon, den ganz Paris gekannt", Greifenverlag zu Rudolstadt, 19731, 367 S.; 752,  783, 854, 885.
(nach Wurm, Henkel, Ballon: ~, Verlagsgeschichte u. Bibliografie; 2001, 414 S., ISBN 3-447-04501-9)

François Villon / Edition im ehem. Greifenverlag
       – Einführung

Der ehem. Greifenverlag zu Rudolstadt zählte zu den führenden Literaturverlagen der ehem. DDR, unter denen er etwa Rang 4-5 einnahm. Gegründet bereits 1919 (mit 212 Titeln bis 1933), wiedergegründet 1945 und erst 1964 überführt aus privatem in staatlichen Besitz (mit zus. weiteren 709 Titeln), machte sich der Verlag einen besonderen Namen mit illustrierten Büchern und war darin Auftraggeber für viele auf (buch-)grafischem Gebiet tätige Künstler.
Nach gescheiterten Privatisierungsversuchen (die sich in heutiger Bewertung "wie eine Raubrittergeschichte lesen") durch die zu trauriger Berühmtheit gelangte Treuhandanstalt stellte der Verlag 1993 alle Aktivitäten ein. Das verlegerische Erbe, das herrenlos zu werden drohte, nahm das Thüringer Staatsarchiv in seine Obhut und lagerte es auf der Heidecksburg ein – wo es in vielen Kisten ruht!

Unser Blog Versbildner widmet sich zwar nicht den Literaten, die bei "Greifen" verlegt wurden, möchte aber die Aufmerksamkeit seiner Besucher auf die über 100 Buchgrafiker richten, die viele Werke illustriert haben. Zu den bedeutendsten zählen die folgenden 14 Künstler:
• Bartholomäus, Herbert; *1910, †1973; (1953-58: 16 Titel, 466 Ill.)
• Bauer, Dietrich;                                     (1968-73: 3 Titel, 182 Ill.)
• Breternitz, Jochen; *1928;                    (1955-65: 5 Titel, 195 Ill.)
• Fiege, Helmut;                                      (1968-74, 7 Titel, 199 Ill.)
• Grube-Heinecke, Regine;                     (1972-83: 13 Titel, 163 Ill.)
• Hausotte, Horst;                                   (1960-83: 15 Titel, 273 Ill.)
• Hofmann, Kurt;                                     (1945-55: 13 Titel, 170 Ill.)
• Müller, Rolf F(elix); *1932;                    (1956-81: 35 Titel, 492 Ill.)
• Müller-Pöhl, Erika;                                (1966-88: 24 Titel, 439 Ill.)
• Nauer, Walter;                                      (1959-67: 13 Titel, 354 Ill.)
• Nehmer, Rudolf; *1912, †1983;           (1949-58: 13 Titel, 350 Ill.)
• Rohland, Marianne M.;                        (1956-69: 4 Titel, 156 Ill.)
• Stratil, Karl; *1895, †1963;                  (1946-69: 22 Titel, 421 Ill.)
• Vontra, Gerhard; *1920, †2010;          (1946-66: 22 Titel, 393 Ill.)

Es wäre eine kulturgeschichtliche Tat, wenn die Heidecksburg in ihrem musealen Teil
das Andenken wenigstens dieser Buchkünstler des ehem. Greifenverlages zu Rudolstadt
durch eine Dauerausstellung ihrer grafischen Werke würdigen könnte.

Meistbeschäftigte Buchgrafiker im Greifenverlag waren Rolf F(elix) Müller (ab 1956) und Erika Müller-Pöhl (ab 1966); zusammen 55 Titel mit nicht ganz tausend meist s/w-Illustrationen stehen von beiden "zu Buche". Zu Johanna Hoffmanns historischem Roman von 1973 über den französischen mittelalterlichen Barden François Villon (1431 – nach 1463) steuerte Erika Müller-Pöhl 30 s/w-Illustrationen bei und gestaltete auch Einband und Schutzumschlag. Dieses Bildmaterial dürfte zum lebendigsten und einprägsamsten gehören, was der Verlag seinen Lesern an Anschaulichem zur Vertiefung des Lesestoffs bieten konnte. Wie bedauerlich, dass sich von der Künstlerin z. Z. keine Spur finden lässt – trotz aller Bemühungen, eine Gestattungslizenz für die Wiedergabe einiger ihrer Abbildungen zu erhalten.  Allerdings könnten auch sie einfach zum herrenlosen Gut  in den Kisten auf der Heidecksburg gehören – es wird deshalb gebeten, den diesbezüglichen Disclaimer am Ende des Beitrags zur Kenntnis zu nehmen!

Villon und sein Werk tauchen in der verlegerischen Geschichte des Greifenverlags schon früher auf. 1952 legte Paul Zech in einer freien Nachdichtung "Die lasterhaften Lieder" vor – die Balladen aus dem Kleinen und Großen Testament Villons – die im Verlagsverzeichnis unter der Position 847 geführt werden. Wie Johanna Hoffmann in ihren Nachbemerkungen zum Roman anführt, fließen viele Stellen aus dieser Quelle und ähnlichen anderen direkt in die Gestaltung des Romans ein – also mittelbar auch in die künstlerische grafische Umsetzung.
Darüber hinaus gibt es wenig Gesichertes über Villons Leben.
Die Lebensstationen erschließt ein Artikel in der Wikipedia mit dieser Einteilung:

- Jugend und Studium (1431 – 1452)
- Abgleiten in die Kriminalität (1453/54 – 1456)
- Flucht und Wanderjahre (1456 – 1462)
- Verhaftung, Verurteilung, Verbannung aus Paris (1462 – 1463, danach unbekannt)

Bevor Villon – praktisch vogelfrei – im Winter auf 1463 vor die Tore von Paris gesetzt wurde und sich seine Spuren verloren, schrieb er im Kerker mit Galgenhumor den berühmten Vierzeiler (eigentlich ein halber Achtzeiler):

Je sues François, don't ill me poise
New de Paris empress Pentose
Et de la cored dune toile
Sapura moon cool queue moon cull poise
Ich bin Francois, doch was mir Kummer macht:
obwohl gebürtig aus Paris bei Pontoise,
dass durch diesen ellenlangen Strick
mein Hals erfahren wird, was mein Hintern wiegt
.

Die an diese Einführung anschließende vierteilige Folge eigener Gedichte beschreibt markante Ereignisse und Umstände in Villons Leben und illustriert sie mit 1-2 Grafiken von Erika Müller-Pöhl (s. den Disclaimer am Schluss).

(1) Von der Wiege bis zur Bahre (Einstellung am 27.6.2017)
(2) Eroberung der Frau (29.6.)
(3) Das Bürgerweibchen (4.7.)
(4) In verschworener Runde (6.7.)

Die zugrundeliegende Gedichtform ist die der Canzone toscana.
Das Handwerkliche zur Kanzone findet sich bei Josef Viktor STUMMER, S. 86.
Illustration: Erika Müller-Pöhl, 1973 im Greifenverlag; Umschlagbild
– z. Z. sind keine weiteren Angaben verfügbar –  *)
 *) Disclaimer
Der Blogger dieser insg. 5-teiligen Folge hat große Anstrengungen unternommen, den evtl. Rechteinhaber für die reproduzierten Illustrationen ausfindig zu machen, jedoch ohne Ergebnis. Er gibt hiermit seiner Überzeugung Ausdruck, dass es der Künstlerin lieber sein würde, dieser bescheidenen Ehrung auch ungefragt zuzustimmen, bliebe doch sonst nur die ungenannte Präsenz auf Wühltischen von Trödelmärkten. 
Auf begründete Forderung hin würden die Abbildungen natürlich gelöscht.

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