Notabene:
Wir wollen in dieser Serie versuchen, einzelnen der
in der Einführung aufgezählten 12 Wörter
– nach und nach vielleicht sogar allen und weiteren auch noch – jeweils ein
Gedicht zu widmen, in dem das verschwindende
(oder gar schon verschwundene) Wort
nicht bloß in der Überschrift vorkäme.
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Emmanuel Joseph Raphaël (Manuel)
Orazi (1860-1934) – italienischer Maler und Lithograf:
Couple en tenue de soirée / Paar in
Abendkleidung (Art Nouveau, ~1910)
(Quelle: leprincelointain.blogspot.de)
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Verschwindende Wörter
(2) – Schwerenöter
Ein Schwerenöter ist der Peter:
er hat die Damen fest im Griff.
Beruflich ist er ein Vertreter –
darum hat er den nötgen Schliff.
Erzählt den Frauen von der Liebe,
dass ewig treu er ihnen bliebe.
Sein Glück versucht er ohn' Gezeter
bei einem Weib, das schnell begriff,
der Peter sei wohl kaum ein Steter:
sie überhört gekonnt den Pfiff.
Da steht er nun mit seinem Triebe –
nicht Liebe bietet sie, doch Hiebe.
Nun sinkt sein Liebesbarometer:
er heuert an auf einem Schiff
und spielt fortan als Jazztrompeter,
doch läuft der Kahn bald auf ein Riff.
Im Schlauchboot ohne Schaltgetriebe
träumt er noch immer von der Liebe.
./.
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Ratsherr Emanuel Burckhardt-Sarasin (1776-1844
?, Basel): ein liebhaber Concert.
Karikatur auf den
Veranstaltungsbetrieb im Basler Collegium musicum, ~1790;
Lavierte Tuschezeichnung; Quelle:
wikimedia.commons; gemeinfrei
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Verschwindende Wörter
(3) – Ohrenschmaus
Wie für die Augen eine Weide –
gibt es für Ohren einen Schmaus.
Dies wie ein Klang im schönsten Kleide,
dem gern gespendet wird Applaus.
Beim Ohrenschmaus die Seelen baumeln,
das Hören wird zum Hochgenuss;
geraten Sinne fast ins Taumeln –
wie auch bei einem Liebeskuss.
An Ohrenschmaus und Augenweiden
wird garantiert wohl niemand leiden.
© lillii
(L-R, 6. Mai 2017, durchgesehen)
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Nachgehakt:
Die Umgangssprache hat ab
etwa 1850 den "Schwerenöter"
in ihren Bestand aufgenommen – wie der Küppers im "Wörterbuch der
deutschen Umgangssprache" (S. 755; digitalisiert bei Directmedia, Dig. Bibliothek Bd. 36) vermerkt
und definiert:
Frauenschmeichler. Eigentlich einer,
dem man die Fallsucht wünscht; weiterentwickelt zur Bedeutung »verschlagener
Mann«, vor allem mit Bezug auf liebenswürdig-listigen Umgang mit Frauen. Er hat
eine Art »Fallsucht« auch insofern, als er vor Frauen einen »Kniefall« macht,
ihnen »zu Füßen liegt«.
Der "Ohrenschmaus" scheint sich
irgendwann eingebürgert zu haben, obwohl ihn lediglich das Online-Wörterbuch
Wortbedeutung.info als Eintrag führt, während der Duden und der
Küppers ihn ignorieren – aber verschwunden ist er nun wiederum aus der Sprache
auch (noch) nicht.
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