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John William Waterhouse (1849-1917): Diogenes (404-323 v.u.Z); Gemälde von 1882.
Art Gallery of New South Wales, Sydney; Via
wikimedia.commons; Public domain.
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Notabene
Die Fatrasie wurde schon im 13. Jh. von den Franzosen als
Nonsens-Lyrik kreiert, erhielt bald im Fatras eine Erweiterung, wurde nie ganz
vergessen und erfährt heutzutage so etwas wie eine Neubelebung.
Sie ist ein 11-zeiliges Gedicht, das in zwei
ungleiche Absätze (keine eigentlichen Strophen also) geteilt ist, durchgängig
mit nur zwei Reimsilben (a, b) auskommt und diesem Reimschema folgt:
aabaab babab
Zur
a-Reimsilbe werden also 4+2 Reimwörter, zur b-Reimsilbe 2+3 Reimwörter
gebraucht – eine Erschwernis, der ein Amateur-Poet wohl nur mit einem guten
Reimlexikon gewachsen ist.
Außerdem wird verlangt, dass im Anfangs-Absatz die Verse kurz sind (nur 5-Silber),
im Schluss-Absatz länger (5-7-Silber; Standard: 7). Die Rhythmik selbst scheint
freigestellt, wobei Regelmäßigkeit einem Gedicht meistens guttut. Die kürzeren
Verse haben daher 2 oder 3 Hebungen, die längeren des Schlussteils 3 oder 4 –
was Verfassern entgegenkommt, denen die Metrik "nicht liegt". Wir
verdeutlichen das bei unseren beiden Beispielen dadurch, dass wir ausnahmsweise
zu den Versen das volle "Kodierungsschema" angeben.
Inhaltlich muss eine heutige Fatrasie durchaus kein Klamauk sein, aber auch nicht
von jener obszön-skatologischen Art, wie einst üblich. Schon ab 15. Jh. wurde unterschieden zwischen "unmöglichen",
irrationalen Fatrasien/Fatras und "möglichen", die sogar
religiös-erbauliche Inhalte aufwiesen.
Die Literaturwissenschaft vermutet in Fatrasie/Fatras eine
der Wurzeln der modernen Dichtung und der absurden Literatur.
Spiele verfolgen Ziele
Gewisse Spiele
sind kleine
Ziele –
im
Menschenleben
wohl mehr
gefiele.
Im großen
Stile
gehts oft
daneben …
Und trotzdem
werden viele
es wiederholt
erstreben;
wenn sie auch
in dem Siele
nur hängen und
erbeben –
's erfordert
manche Schwiele.
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a:
u-u-u
a:
u-u-u
b:
u-u-u
a:
u-u-u
a:
u-u-u
b:
u-u-u
b:
u-u-u-u
a:
u-u-u-u
b:
u-u-u-u
a:
u-u-u-u
b:
u-u-u-u
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© lillii
(Luzie-R)
Diogenes in
der Tonne
Im
Schutz der Tonne,
erfüllt von Wonne –
Diógenes; denkt;
wozu denn Sonne,
ja selbst die Bonne –
dies alles nur drängt!
Wer in Weisheit sich versenkt,
belehrt selbst eine Nonne,
dass man's Leben ganz verschenkt,
marschiert man in Kolonne.
Alles – nur nicht ferngelenkt!
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a: u-u-u
a: u-u-u
b: u-uu-
a: u-u-u
a: u-u-u
b: u-uu-
b: -u-u-u-
a: u-u-u-u
b: -u-u-u-
a: u-u-u-u
b: -u-u-u-
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© elbwolf
(Wolfgang H.)
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PS:
Im nächsten Beitrag (auf Versbildner ab 9.2.19) behandeln wir
dann die Erweiterung der Fatrasie zum Fatras – und müssen dabei noch einiges
mehr an lyrischer Findigkeit aufbieten.
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