Diesen Blog haben wir 11/2016 neu gestaltet und führen ihn im Team weiter. Das verspricht mehr Vielfalt - wie man wohl schon an unseren Gesichtern ablesen könnte.
Allen Besuchern - herzliches Willkommen und viel Vergnügen bei/mit unseren Gedichten!
Im SEPTEMBER 2017 setzen wir mit "Kölsch" von einer Kölner Poetessa die Mundart-Dichtung mit eingeladenen Gästen fort. Außerdem ergänzen wir bereits begonnene Serien, u. a. über "Verschwindende Wörter". Und sonst - mal sehn!

Dienstag, 28. Februar 2017

Tolle Tage (3/3) – Zum Aschermittwoch

Ernst Hanfstaengl (1840, Dresden - 1897, Capri): Aschermittwoch (1895, gemalt auf Capri)
Quelle: Auktion 2016; Liz.: gemeinfrei, steht zu vermuten (der Künstler verstarb vor über 100 Jahren)


Tolle Tage (3/3) – Zum Aschermittwoch
(oder: Narren in Katerstimmung)

Ins traute Heim zurückgekehrt
ist er in seiner bunten Tracht,
nachdem die allerletzte Nacht
so mächtig an der Kraft gezehrt:
dann hat es ihn schlicht umgehaun –
und eingeschlafen ist der Clown.

Hat er vorm Schlaf etwa bedacht,
wohin es ihn die Tage trieb?
Da doch das Hirn, schon wie ein Sieb,
kaum wahrgenommen, was er macht.
Die tolle Zeit geht grad vorbei,
und Rückschau halten – einerlei!

Längst Tagesstunden zählt die Uhr,
doch dämmert das Familienhaupt,
und weil an Selbstlauf keiner glaubt,
ist nun der Frau und Tochter Tour:
die sind auch bestens amüsiert
und lachen ziemlich ungeniert.

Dadurch entsteht natürlich Krach,
der unserm Schläfer kriecht ins Ohr.
Obgleich der sich zu schlafen schwor,
wird er nun unvermeidlich wach.
Da dämmert's ihm mit einem Mal:
vorüber ist der Karneval.

Denn es ist – Aschermittwoch!

© elbwolf (WH, 02/2017)

Aschermittwoch
© saxonia (StS)                                PC-Grafik, 02/2017

Montag, 27. Februar 2017

Tolle Tage (2/3) – Zur Fastnacht

Faslamsumzug (Schnorren), Foto vom 10. Februar 2007 *)
Urheber: Hammer des Thor; Quelle: wikimedia.commons; Liz.: CC 2.0


Tolle Tage (2/3) – Zur Fastnacht

Es tanzen die Masken bei Tag und bei Nacht,
Verführt von launischem Treiben,
Verkleidet in buntester Narrenpracht –
Nichts, außer Freude, darf bleiben.

Das Jetzt steht im Licht, das Morgen verblasst.
Im Heute stehn Zepter und Krone.
Im Reigen drehen sich Leichtsinn und Lust.
Es knallt die Konfettikanone.

Ein einziger Blick nur, ein Tanz, ein Kuss,
Ein Glas voll mit prickelndem Leben:
Das Jahr wird lang, voller Pflicht und  Verdruss.
Diese Nacht wird es einmal nur geben.

Das Wunder aus Schein und aus Pappmaché,
Es schwingt sich in höchste Gefilde;
Das Treiben wird lauter und ungehemmt –
Letztes Toben der närrischen Gilde.

© immergrün (A.W., 02/2017)

 
 Fastnacht / Faschingsdienstag
© saxonia (StS)                                PC-Grafik, 02/2017

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*) Fasnacht oder Fastnacht meint nichts anderes als den Faschingsdienstag, genauer: die Nacht vor Aschermittwoch. Andererseits werden die oft in einem Zuge mitgenannten Faslam-Masken-Umzüge wohl so veranstaltet, wie es ortsüblich ist. Mit Hilfe einer Feiertage-Übersicht ist nämlich schnell herauszufinden, dass Faschingsdienstag/Fastnacht 2007 auf den 20.02. fiel, also 10 Tage nach dem oben angegebenen Fototermin war – aber drollig ist das Bild ja nun allemal!
Über die eigenständige Bedeutung von Faslam stellt ein Wikipedia-Artikel fest, dass "ein Zusammenhang mit Fastnacht eher nicht hergestellt werden {kann}, denn der Faslam wird in einigen Orten bereits Anfang Januar gefeiert".

Sonntag, 26. Februar 2017

Tolle Tage (1/3) – Zum Rosenmontag

Johann Wilhelm Schreuer (1866-1933): Kölner Rosenmontagszug auf dem Marsplatz (1906; Detail)
Standort: Kölnisches Stadtmseum; Quelle: wikimedia.commons; Liz.: public domain



Tolle Tage (1/3) – Zum Rosenmontag

Närrisch zu gehts auf den Straßen –
hoch soll leben Narretei;
Menschenmengen sind dabei,
um sich riesig zu bespaßen.

Narren schwingen ihre Zepter –
stellen sich gekonnt zur Schau,
selbst der Faschingsruf "Helau"
kommt aus Kehlen der "Ägypter".

Dicht gedrängt und eng umschlungen
schunkelt man am Straßenrand;
völlig außer Rand und Band
die Gesänge – ungezwungen.

Stimmung: heiter, ausgelassen;
man verarscht mit schrägem Blick
beinah jede Politik –
das färbt ab auf Menschenmassen.

Bald ist wieder täglich Stöhnen,
heute wird noch nicht geflennt,
selber schuld, wer was verpennt –
lasst dem Müßiggang uns frönen!

© lillii (L-R, 02/2017)

Rosenmontag
© saxonia (StS)                                PC-Grafik, 02/2017


Mittwoch, 22. Februar 2017

Schildkröt–Nonsens (Teamwork vor Fasching)

Schildkröten gibt es seit 220 Mio Jahren in den Kalibern Zwerge, Normale und Riesen
links: Gelbgesprenkelte Flussschildkröten vom Amazonas (Foto: Charlesjsharp, 2015)
rechts: Pärchen Griechische Landschildkröten beim Turteln (Foto: Peter van der Sluijs, 2012)
unten: Aldabra-Riesenschildkröte von den Seychellen im Zoo Krefeld (Foto: FakirNL, 2014)
Quelle: wikimedia.commons; Fotos allesamt lizenziert nach CC 1.0 bis 4.0.



Der desensibilisierte Schildkröt
(nichts als Nonsens)

Ein Schildkröt war entsetzlich
Sensibel und verletzlich.
Er schafft sich einen Panzer an,
Und keiner kommt mehr an ihn ran.

Dann eines Tages zieht er los,
Die Welt herum, sie ist so groß.
Drei Tage bleibt er fern den Lieben –
Und wünscht, er wär daheim geblieben.

Wer ihn da sieht im Gras – der staunt:
Der Schildkröt ist nicht gut gelaunt,
Er zieht den Kopf ein und er denkt,
Er habe sich nun abgelenkt.

Doch unverhofft, wie meist im Leben,
(Es hat sich einfach so ergeben),
Erscheint sein Pfleger und Besitzer
Und nimmt ihn mit, den Panzerflitzer.

Der Schildkröt ist jetzt überglücklich,
Zufrieden wieder augenblicklich.
Er pfeift auf die Verletzlichkeit;
Sensibeln – das ist Schwerarbeit!

© A.W., 16.02.2017

Der unberechenbare Schildkröt
(Nonsens – was sonst)


In Griechenland lebt bei den Dardanellen
ein Schildkröt – einer von den seltnen schnellen!
Er wollte all die Leute abbestellen,
die nur aus Neugier sich zu ihm gesellen.

Er bräuchte irgend etwas um zu schellen,
denn schließlich kann er nicht wie Hunde bellen.
Sein Panzer aber hat so viele Dellen –
der könnte noch vom Draufhaun ganz zerspellen.

Dann tat ihn der Gedanke recht erhellen,
wie's ging, die Menge insgesamt zu prellen:
Der Schildkröt warf sich in die Meereswellen,
schwamm ohne Zwischenhalt auf die Seychellen!

Dort auf Aldabra konnte ich ihn stellen,
schlug ihn, nein: nicht in Hand-, in Beineschellen!

Wo wär der Flüchtige gut aufgehoben?
Hab ihn zurück nach Hellas abgeschoben!

© WH, 18.02.2017

Der aufklärungsbedürftige Schildkröt
(Nonsens – schlicht, aber echt)

Komm ich mal mit mir selbst nicht klar
und mag mich gar nicht leiden,
spiel ich den stolzen Adebar –
schon tut man mich beneiden.

Steh stolz auf einem Beine nur
und hab das Glück im Schnabel,
von Hochmut bei mir keine Spur
und mir geht’s gleich passabel!

Kein Panzer und kein dickes Fell,
ich klappere stets heiter,
die Welt ist rings um mich ganz hell,
der Frohsinn mein Begleiter.

Ich nenn dir, Schildkröt, deine Chance:
Besorg dir eine Rassel,
Erlern auf Pfoten die Balance
und ende dein Gequassel!

© L-R, 20.02.2017

Montag, 20. Februar 2017

Sterne zählen

Aufnahme eines Teiles des Sternenbandes der Milchstraße
über dem Glockenturm der Bergstadt Sankt Andreasberg im Oberharz. *)
Originalfoto + ©: Utz Schmidtko, Sternwarte Sankt Andreasberg e. V.
- mit Dank an den Ersten Vorsitzenden des Sternwarte-Vereins für die Möglichkeit, dieses Foto
einmalig und in nicht-kommerzieller Weise im Rahmen unseres Blogs verwenden zu dürfen -



Sterne zählen

Heut Abend geh ich Sterne zählen.
Die Nacht - so kalt, nur wenig Licht.
Der Mond ist eine schmale Sichel,
Er leuchtet hell, hat kein Gesicht.

Die vielen blitzenden Laternen,
Die hoch im Himmelsbogen stehn,
Sind fremde, ferne Galaxien.
Ob sie auch auf die Erde sehn?

So weit von uns wie wir von ihnen;
Unfassbares und unbeschränkt!
Der Sterne Zahl kann ich nicht nennen,
doch wird ihr Anblick mir geschenkt.

Ich seh die Sterne hoch da droben
Und schicke meine Wünsche hin.
So klein, ich Mensch, spür doch das Große,
das Glück, dass ich am Leben bin.

© immergruen (A.W., 01/2017)
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*) Ganz ähnlich heutigen kleinen Stadtkindern, die häufig schon denken, Milch würde aus irgendeiner Leitung fließen oder stamme allenfalls von der lila Milka-Kuh, haben immer mehr Menschen nie in ihrem Leben die Milchstraße am Himmel gesehen – als Folge einer stetig zunehmenden Grundausleuchtung auf Erden! In Sankt Andreasberg im Oberharz ist das anders, wie das großartige Foto zeigt, denn dieser Ort zählt zu den zehn (ihren Beleuchtungsverhältnissen nach) dunkelsten in Deutschland.

Samstag, 18. Februar 2017

Schnee & Glöckchen

Schneeglöckchen im Botanischen Garten der Ruhr-Uni Bochum – Blick durch eine Glaskugel
Foto: IvoBentele, 25.02.2016; Quelle: wikimedia.commons; Liz.: CC 4.0

Schnee & Glöckchen

Als Gott der Herr die Welt erschuf
mit Gräsern, Blumen, Mensch und Tieren,
auf dass sie alle harmonieren,
vernahm er einen Hilferuf.

Der Schnee, der klagte ihm sein Leid
und sprach – ganz traurig im Gemüte:
"Was du geschenkt in deiner Güte,
trägt jedes nun als buntes Kleid.

Doch wo bleibt die Gerechtigkeit,
denn alles ist so reich an Farben –
nur ich bin bleich und muss jetzt darben –
bin ganz erfüllt von Bitterkeit."

Der Herr gab sein Versäumnis zu,
doch um sich nicht noch mal zu quälen,
ließ er den Schnee gleich selber wählen:
"Schau dich gut um – nichts sei tabu!"

Wer teilte mit dem Schnee sein Kleid?
Er bat das grüne Gras, die Rose,
das Veilchen und manch Namenlose
um Farbe – niemand war  bereit!

Der Schnee setzt schließlich voll Verdruss
zum Glöckchen sich mit dem Weißröckchen;
das streichelt milde seine Flöckchen
und bietet den Versöhnungskuss.

"Falls Dir mein weißes Kleid genügt,
will ich es gerne mit Dir teilen;
Gemeinsam wollen wir verweilen
zur Winterzeit – und stillvergnügt."

© lillii (L-R)

Mittwoch, 15. Februar 2017

Eiszapfen

Eisgebilde in der Oswaldhöhle bei Muggendorf/Landkreis Forchheim, Fränkische Schweiz
Foto: Sounddiver, 27.01.2010; Quelle: wikimedia.commons; Lizenz: CC 3.0 *)

Eiszapfen

Eiszapfen schmelzen im Mittagslicht.
Stetige Tropfen auf grauen Beton
werden zu Stalagmiten,
wenn der Frost der Winternacht
zurückkehrt.
Tropfsteinhöhlen des Winters,
die an jedem Tag
ihre Gestalt verändern
und irgendwann
von den ersten durstigen
Sonnenstrahlen
aufgeschleckt werden
wie Erdbeereis
an einem Sommertag .

© A.W., (14.02.2017)
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*) Die Beschreibung im Gedicht schildert poetisch einen physikalischen Vorgang im städtischen Milieu. Das Bild zeigt Ähnliches in der freien Natur an einem sehr ausgefallenen Ort: In der fränkischen Oswaldhöhle bilden sich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt jedes Jahr diese Eis-Stalagmiten. Sie wachsen den Eiszapfen entgegen und verschwinden erst im Frühjahr gemeinsam im milden Luftzug, der dann durch die beidseitig offene Höhle streicht.

Sonntag, 12. Februar 2017

Haselkätzchen

Kätzchen am Haselnussstrauch in meines Nachbars Garten.
Eigenes Foto der Verfasserin – Aufnahme vom 06.02.2017.
 Die Kätzchen am Haselnussstrauch

Schön blühen die Kätzchen am Haselnussstrauch –
des Vorfrühlings liebliche Boten.
Die winzigen Blüten, die roten
erwarten nun einen belebenden Hauch …
im Herbst dann die nahrhaften Nüsse sich zeigen,
die Eichhörnchen graben sie ein unter Zweigen.

Ich schnitt einen Zweig ab vom Haselnussbaum
und hängte ihn gleich mir zu Hause
als Frühlingsgruß in meine Klause –
erfreute mich an diesem goldenen Traum.
Als ich nach zwei Tagen ihn zärtlich berührte
war ich die vom Goldregen listig Verführte.

Die goldgelben Wolken umhüllten mein Haupt,
gepudert war ich, leicht erschrocken:
ich wollt doch die Kätzchen nicht locken.
Nun hoff ich, dass niemand was anderes glaubt
und frage mich, wer führte hier denn Regie –
wars Fehlgriff nur oder ganz einfach Magie?

© lillii (L-R)

Freitag, 10. Februar 2017

Februar – ein Monatsbild

Gerard Horenbout u.a.: Breviarium Grimani, Monatsbild Februar (Buchmalerei/Pergament, 1490-1510)
Standort: Nationale Markusbibliothek, Venedig; Quelle: Wikimedia.commons; Gemeinfrei
Obwohl das landwirtschaftliche Jahr in früheren Zeiten bereits im Februar begann,
blieb in der warmen Stube, wer nicht unbedingt hinaus in die verschneite Welt musste.
*)


Februar – ein Monatsbild

In allen Formen des Kalenders
Trug er den Namen Februar.
Die Römer sind zwar Namensgeber –  
Er ist geblieben, was er war.

Mit seinen achtundzwanzig Tagen
Der kürzeste im Jahreslauf.
Doch legt im regelmäß'gen Zyklus
Er einen weit'ren Tag darauf.

Man nennt ihn Taumond, was verfrüht ist,
und Narrmond, weil der Winter lang.
Die Menschen sehnen sich nach Freuden,
Der kalte Winter macht sie bang.

Auch Hornung ist noch weit verbreitet:
Der Rothirsch trennt sich vom Geweih.
Geheimnis wird ihm angedichtet …
Und dann ist er ganz schnell vorbei.

Dann steht der Frühling vor den Toren.
Die weißen Glöckchen klingeln schon.
Liegt auch der Schnee noch auf den Fluren –
Sie sind des Frühlings erster Ton.

© A.W. (immergruen, 10.02.2017)

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*) Link auf eine populäre Darstellung des Februar in mittelalterlicher Zeit.

Freitag, 3. Februar 2017

Auf die dichtenden Frauen

Galerie der dichtenden Frauen bis zum Geburtsjahr 1900 *),
die in die Mustersammlung deutscher Gedichte "Kleiner Conrady" aufgenommen wurden,
unter ihnen Nelly Sachs, Nobelpreisträgerin 1966.


Auf die dichtenden Frauen!

Sie sind unter all diesen Männern der Feder
die leiseren immer schon, gestern wie jetzt,
und zieh'n mit Gefühlen – gesagt nicht zuletzt –
entgegen den Männern nicht ständig vom Leder!

Die Verse von Frauen, die lassen erbeben
gefühlvolle Männer – wie andres ja auch,
und seien sie leise, ja eher ein Hauch,
dann gliche das dem, wie sie selbst sind im Leben.

Drum lasst uns auf das, was sie schreiben, gut schauen:
denn ausbreiten wollen sie eigene Welt,
und hielten sie vor, was vielleicht nicht gefällt –
ist's trotzdem das Wort unsrer dichtenden Frauen!

©  elbwolf (WH, 01.02.2017)
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*) Die in der Galerie gezeigten Bildnisse sind Details größerer Fotos und Bilder und stammen überwiegend aus der lizenzfreien Sammlung wikimedia.commons. Lediglich für Seidel ist eine Bildpostkarte und für Schäfer ein Post in blog.seniorennet.bg vom 21.12.2014 die Quelle. Für weitere 4 Poetessen konnten keine lizenzfreien Bildnisse ermittelt werden - für sie existieren jedoch Wikipedia-Artikel mit diesen Links:
-
Gertrud Kolmar/Chodziesner
- Martha Saalfeld
- Elisabeth Langgässer 
- Paula Ludwig