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Jacques-Louis David (1748-1825): Die letzten
Augenblicke des Michel Lepeletier.
Gestochen von Pierre Alexander Tardieu (1793;
Detail);
via wikimedia.commons; gemeinfrei. |
Legende
Bei einer Reisevorbereitung geriet mir das Merianheft über
Korsika (2/1980) in die Hände. Dort fand ich ein vom deutschen Schriftsteller
und Historiker Ferdinand Gregorovius (1821-91) mitgeteiltes korsisches
Klagelied.
Gregorovius hatte 1852/53 drei Monate lang die Insel
durchwandert und seine Eindrücke 1854 in einer zweibändigen Ausgabe "Corsica"
beschrieben. Damals gab es noch die Vendetta, die Blutrache für erlittene
Beleidigung der Ehre oder der Familie. Eigenartigerweise stachelten die
weiblichen Familienmitglieder ihre Ehemänner, Brüder oder Söhne an, solche
Unbill nicht auf sich sitzen zu lassen – und schon war ein nicht enden
wollender Kreislauf in Bewegung gesetzt. Dafür beweinten sie aber auch jeden
heftig, der um sein Leben gekommenen war.
Ein solches – noch an die Antike gemahnendes – Klagelied
nach gewaltsam erlittenem Tod hieß Vôcero – im Unterschied zum Lamento
nach natürlichem Tod. Gregorovius notierte sich in den insgesamt 8 verschiedenen
Dialektgebieten Korsikas eine Reihe Vôcero und nahm sie auch in sein Buch auf.
Das hier von mir wiedergegebene Vôcero widerstand anfangs
meinem Verständnis, so dass ich mich länger mit ihm auseinandersetzte. Da ja
Gregorovius selber beim Sammeln der Lieder diese nach eigenem Ermessen
nachgedichtet haben musste, hielt ich es für statthaft, dem heutigen
Informationsbedürfnis noch ein wenig mehr entgegenzukommen und deutlicher die verwandtschaftlichen Beziehungen und Erwartungen auszudrücken.
Korsisches
Klagelied – nach Ferdinand Gregorovius
– Vôcero –
Klagelied im Dialekt von Niolo
der Maria Felice von
Calacuccia
auf den gewaltsamen Tod des letzten oder einzigen Bruders
Als ich spann an meiner
Spindel,
Hörte ich's wie Donner schallen:
War der Schuss aus einer Flinte;
Tat im Herz mir widerhallen,
Schien mir doch, als ob er riefe:
Lauf, dein Bruder ist gefallen.
In die Kammer schnell
gesprungen,
An das Fenster, das stand offen.
Hab' ins Herz den Schuss empfangen,
Schrie: er fiel zu Tod getroffen.
Selbst bin ich nicht auch gestorben
Um des einen, einzig Hoffen:
Muss mir eine Waffe kaufen,
Will in Hosen mich verkleiden,
Zeigen will ich nun dein Bluthemd.
Bleibt mir doch zu diesem Leiden
Niemand mehr, der seinen Bart sich
Nach der Rache könnte schneiden
Sprich, wen würdest du dir wählen,
Die Vendetta zu erwerben?
Deine Mutter? Liegt zu Tode;
Schwester Mari will sie erben,
liegt ihr Bruder doch im Grabe:
Der soll ohne Blut nicht sterben.
Nichts blieb dir von deinem
Stamme
Als die Schwester, diese eine,
Keine Vettern gleichen Blutes,
Nur die Waise, sie alleine –
Zu vollziehen die Vendetta
Ist sie besser noch als keine.
elbwolf (18.01.2020)
(für metrische Ausrichtung und besseres Verständnis
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Legende zu
einem Vorgang historisch-politischer Blutrache:
Als Lepeletier, der am 17. Januar 1793 für die Hinrichtung
Ludwig XVI gestimmt hatte, drei Tage darauf in seinem Stammrestaurant zu Abend
aß, stach ihn ein ehemaliger Soldat der königlichen Leibgarde für die
Zustimmung zur Hinrichtung des Königs nieder. Lepeletier verstarb kurz darauf. Als
Erstem gewährte ihm der Nationalkonvent ein Staatsbegräbnis im Pantheon.
Robespierre forderte in einer Rede: "Die Mörder Marats und Lepeletiers
müssen ihre schrecklichen Verbrechen sühnen, … müssen mit ihrem Blut für das
Blut unserer Brüder zahlen …"
Im Auftrag des Konvents malte David zwei Bilder, die die
Ermordung von Marat und von Lepeletier als zweier Helden der Revolution
stilisierten. Nach dem Sturz Robespierres ein Jahr später wurde Lepeletier aus dem
Pantheon entfernt, das ihm gewidmete David-Bild vernichtet. Erhalten ist nur
dieser Stich von Tardieu nach dem Gemälde.
Zum engerem Motiv der Blutrache fand sich sonst selbst
andeutungsweise kein Bild.
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