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Lieber Simplizissimus –
Hundert Anekdoten;
Kleine Bibliothek Langen,
Bd. 43. Verlag Albert Langen, München 1908.
(Zur Zeit in keinem
Online-Antiquariat im Angebot!)
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Lieber Simplizissimus –
Hundert Anekdoten (1908)
An einer der
Stellen, wo ich nun schon viele Jahre ostdeutsche Bücher vor dem Untergang
rette und in neue Leserhände weitergebe, kam mir ein handliches Büchlein in die
Hände, dessen massiver dunkler Leineneinband sofort verriet:
etwas Älteres, so um
1900!
Es war der erste
Titel einer Serie von damals bereits 5 Titeln gleichen Namens: "Lieber
Simplizissimus" – Verlag von Albert Langen München 1908. Langen hatte 1896
die wichtigste satirische Wochenschrift Deutschlands gegründet, im gleichen
Jahr, wie Hirth & v. Ostini "Die Jugend".
In diesem ersten
Simplizissimus-Sammelbändchen waren 100 Anekdoten vereint, unter denen ich mit
vollen Händen zu schöpfen gedachte, um sie dem Versbildner-Publikum vorzulegen,
garniert jeweils mit einem Epigramm, das dem scharfen Text eine noch schärfere Spitze
aufsetzen sollte.
Oh weh!
Sie waren in etwas
über hundert Jahre stumpf geworden, die alten Witze. Mehr noch, sie waren
geradezu gefährlich geworden! Sie haben sich in Beispiele für Dünkel,
Rassismus, Sexismus und ähnliche Abscheulichkeiten verwandelt, die ihre
Verbreiter zum Objekt amtlicher Beobachtung machen könnten oder der
#me-too-Bewegung in die Hände spielen würden.
Mit einem Wort, ich
hatte ziemliche Mühe, 3 – 4 Simplizissimus-Witze in die Neuzeit
herüberzuretten, ohne gleich selbst Kopf und Kragen zu riskieren.
Und das für etwas,
das einst als "Witz" auf die Welt gekommen war!
Epigramme auf
Simplizissimus-Witze von 1908
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Motto: Ein Witz, wie
schnell ein Witz kein Witz mehr ist – und gefährlich!
(1)
Die Beichte /S.14, etwas gekürzt/
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| Ein Mann hatte seine beträchtlichen Sünden gebeichtet,
| schien dem Pfarrer aber immer noch bedrückt. Der fragte:
| "Mein Sohn, hast du noch etwas hinzuzufügen?"
| "Ja, eins schon, Herr Pfarrer: ich bin a Biehm."
| "Nun," sagte der Pfarrer, "eine Sünd' ist
das net, aber eine
| Schweinerei schon!"
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Nur gut, dass unser Biedermann bloß "Biehme",
denn wenn er gar als Ungarmann erschiene
(befasst von Kindesbeinen nur mit Schweinen),
wär heut ein weitrer los von allen Leinen.
(1) Polizeiliches
Führungszeugnis /S.143, umgetitelt!/
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| In einer kleinen Garnisonsstadt mit Sitte und Gottesfurcht
| beschuldigte man eine junge Dame mit Namen X., gegen
| die guten Bürgertugenden verstoßen zu haben. Bei ihrem
| Prozess wurde folgendes Führungszeugnis verlesen:
| "Das Zimmer der X. war wie bei einer Dirne ausgestattet
–
| so befanden sich an den Wänden die Bilder von Offizieren
| sämtlicher Waffengattungen der hiesigen Garnison."
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Nur fühlt der Leser sich auch durchs
Gericht betrogen:
das hatte leider überhaupt gar nicht
erwogen,
dass all die Herren vorher auch schon blankgezogen!
Und das ist sicher nicht "erstunken
und erlogen"!
(3) Fachmännischer Rat /S.123/
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| Jochen will heiraten, traut sich aber nicht recht. Er fragt
| seinen verheirateten Freund Hinrich:
| "Du kennst dat nu, sall ick heirohde"!
| "Du? Heirohde? Dohn et – un du laachst dich
kapot!"
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Solche Auskunft ist ein wirklich guter
Rat,
jetzt ist Jochen klar – er soll es ruhig machen!
Wer nun aber keinen seiner Freunde bat,
denkt, es gäbe in der Ehe nichts zu
lachen!
(4) Columbus /S.133, erweitert/
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| Fragt Durchlaucht seinen Sekretär: "Lese da eben, äh,
von
| diesem, äh, Christoph Columbus. Kommt mir bekannt vor,
| äh, wirklich bekannt! Was war der Mann doch
eigentlich?"
| "Columbus war ein großer Entdecker, Durchlaucht!"
| "Ah, sehr richtig! War das nicht der, welcher, äh, die
Eier
| nach Europa gebracht und gezeigt hat, äh, wie man sie
| auch auf die Spitze stellen kann?"
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Heute stellt Columbus keine Eier auf die
Spitze!
Heutzutage kröche der in jede kleine Ritze!
Heute stürzt den Dämlack lieber man von
seinem Sockel,
als Vernichter indigener Völker – dieser
Gockel!
© versemacher (für die Epigramme)
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Und so sah eine Nummer der Satirezeitschrift im Original aus:
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