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Freitag, 21. Juli 2017

Herz-Schmerz (1) – zu oft verreimt …

"Vogel Selbsterkenntnis" im Tiroler Volkskunstmuseum (Innsbruck, ehem. Franziskanerkloster)
Foto & ©: Javier Carro, 26.08.2006; Quelle: wikimedia.commons; Liz.: CC BY-SA 3.0
Eines der berühmtesten aber allegorisch rätselhaften Exponate (~ 17. Jh.) des Museums.
Der Vogel meint: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" (Kant)

 "Herz-Schmerz" (1) – zu oft verreimt …
       (… eine unter vielen Lyrik-Sünden!)

Was reimt sich eigentlich auf was?
Das regelt meistens ein Erlass,
gemäß dem reimt nur dies auf das!
Selbst wer schon war auf dem Parnass,
der reimt nicht einfach frisch vom Fass:
die Füße werden zu schnell nass!

Was ist ein abgedroschner Scherz?
Wenn einer trägt der Liebe "Schmerz"
als Weh der ganzen Welt im "Herz"!
Als wenn da einer trüg den Nerz
nicht hals-wärts, sondern unterm Sterz – 
den Dreiklang macht die zweite Terz! 

Was fängt sich sonst im Wörter-Sieb?
Was wär dir denn so gar nicht "lieb" – 
wenn stets sich jemand um dich "trieb"?
Den setzest du schon aus Prinzip
schach-matt mit gut gezieltem Hieb 
und hörtest nie mehr sein Gepiep! 

Dir wird allmählich jetzt bewusst,
was hier zu lesen du gemusst,
empfändest du als starken "Frust", 
der ziemlich dämpft der Sinne "Lust".
Ach sei ein bisschen mehr robust
und nimm zum Ausgleich was zur Brust! 

Ein Reim ist immer gut und schlicht, 
egal, wovon er zeugt und spricht. 
Wie sehr auf ihn du auch erpicht – 
du wahrst auf jeden Fall Gesicht,
machst du dir eins zur steten Pflicht:
vermeidest strikt den Pfui-Reim "nicht"! 

© elbwolf (WH, Fassung Juli/2017)
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Nachgehakt:
Der herausragende Sprachpfleger J. V. Stummer (1910-81, Linz) warnt in seinem Standardwerk "Vers – Reim – Strophe – Gedicht" vor dem Bilden schlechter Vollreime und zählt auch die total "abgenützten Reime" dazu (S. 73), insbesondre also ein Vorkommen solcher Reimwörter in Paarreimen – wie oben provokant bis nervtötend dargestellt.
Andererseits findet sich bei Stummer (Diskussion der Sonett-Struktur, S. 121) die Aussage, dass dort "die Reime nicht weiter als drei Zeilen voneinander entfernt sein" sollten. Das ist zwar auf die beiden Sonett-Terzette gemünzt, aber doch ganz offensichtlich ohne Abstriche verallgemeinerungsfähig! Hieraus ließe sich ein Notnagel für die Doch-Noch-Herz-Schmerz-Reimung ableiten: wenn die Reime nur weit genug voneinander entfernt stünden, würden sie kaum als aufeinander (direkt bzw. unmittelbar) Bezug nehmend wahrgenommen.
Machen wir doch, geneigter Leser, gemeinsam die Probe aufs Exempel:

Wenn einer trägt der Liebe Schmerz 
nicht nur herum wie einen Scherz,
als wenn er trüge einen Nerz
nicht halswärts, sondern unterm Sterz – 
der fühlt das Weh der Welt im Herz.
Den Dreiklang macht die zweite Terz.

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