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Salvador Viniegra y Lasso de la Vega
(1862-1915): Erster Kuss von Adam und Eva
/ 1891 gemalt, mit besonders
langer Schlange, aber gänzlich ohne Apfel *) /
Scan nach einem Kunstbuch, 2008; via
wikimedia.commons; Liz.: gemeinfrei
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Wohin den nächsten Kuss?
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Villanelle erotica
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Wohin wohl wünschst du dir den nächsten Kuss?
Ach gäbst du mir nur deine Absicht kund –
Es wird auf jeden Fall ein Hochgenuss!
Drum nicht erneut die Lippen mir als Muss!
Was machte unser Unterfangen bunt –
Wohin wohl wünschst du dir den nächsten Kuss?
Empfändest du etwa dabei Verdruss,
Wählt ich der Brüste Knospen mir im Bund?
Es wird auf jeden Fall ein Hochgenuss!
Falls du die Grübchen bötest zum Entschluss,
dein Nabel dem vielleicht dagegen stund?
Wohin wohl wünschst du dir den nächsten Kuss?
Du senkst den Blick zu allem Überfluss …
Gäbst Deine Füße mir – aus welchem Grund?
Es wird auf jeden Fall ein Hochgenuss!
Nicht ganz so weit hinunt? Dann bleibt zum Schluss
Die Wahl begrenzt, doch diesmal ist sie rund!
Wohin wohl wünschst du dir den nächsten Kuss?
Es wird auf jeden Fall ein Hochgenuss!
© elbwolf, 26.04.2019
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*) … und außerdem: Löwenpaare zählen zu den paarungsfreudigsten
Großtieren!
Wer kennt zudem eine Eva, die mit ihrem Haupthaar Adam zugedeckt hätte, nicht
sich selbst?
P18 → Ausnahmsweise sei hier ein klickbarer Link
auf die Zeichnung Le faune à la
plume von 1990 beigegeben, die die in der Villanelle gestellte Frage auf
ihre Art beantwortet. Über den Autor, den französischen
Grafiker Bernard Perroud, ist nichts bekannt; man könnte in ihm einen
Nachfolger seines Landsmannes Bernard Montorgueil aus den
1930er Jahren sehen, von dem man gar nichts weiß. ← P18
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Noch einmal zur
Gedichtform der "Villanelle":
Die Villanelle kommt aus Frankreich. Sie behandelte zunächst den bäuerlichen
Alltag und Kirchenthemen in einfacher, direkter Sprache und
fröhlich-übermütiger Stimmung. Soweit man ihr Reimschema befolgt bzw. einhalten
kann, gehen mit ihr aber auch durchaus andere Themen abzuhandeln – wie hier oben
gezeigt wurde.
Im Deutschen wird als Versform
der jambische Fünffüßler in vollständiger (Zehnsilbler), übervollständiger
(Elfsilbler) Form oder aus beiden Formen gemischt bevorzugt. Entscheidend ist aber
das Reimschema, das der Hobby-Dichter kaum ohne ein gutes Reimlexikon wird
umsetzen können.
Die Villanelle besitzt 5
Terzette und 1 abschließendes Quartett, besteht also aus insgesamt 19
Versen, ABER sie hat mit nur zwei
Reimsilben a, b auszukommen!
Jedes Terzett hat die Form aba, das Quartett die Form abaa. Die Reimwörter
b verreimen also übergreifend die 6 Strophen miteinander!
Die beiden a-Reimwörter des 1. Terzetts, 1a und 2a haben die Aufgabe,
die Strophen mit einem Refrain auszustatten: der 1a-Vers wird als 3. Vers in
der 2., 4. und 6. Strophe, der 2a-Vers als letzter Vers in der 3., 5. und 6.
Strophe vollständig wiederholt wird.
Damit ist das Reimschema festgelegt
als:
1ab2a
/ ab1a / ab2a / ab1a / ab2a /ab1a2a
Die Anzahl unterschiedlicher a-Reimwörter verringert sich daher um die
3+3 in den "Refrain-Zeilen": es
werden für die 13 a-Verse nur 7 verschiedene a-Reimwörter gebraucht, während
die 6 b-Reimwörter natürlich alle verschieden sein sollten.
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