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Hans Georg Lewerenz
(1915-2006): Der Laufsteg.
Foto&©: Onkel
Walter, 12.04.2008; Liz.: CC BY-SA 3.0
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Notabene:
Das lyrische Genre der Epigramme beansprucht
öffentliche Meinungsfreiheit, weil es sich per se gegen jedwede
Anschuldigungen behaupten kann, wie fortgeschritten moderne Maulkorb-Verteilungs-Systeme
auch bereits wieder gediehen sein mögen.
(1) Christine von Schweden (1626-1689):
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"Die Natur macht die Frauen
verschieden – die Mode macht sie gleich."
'Die Mode mache alle Fraun zu Gleichen'
–
lässt das nicht jede Frau sofort erbleichen?
Und auch die Männer wären längst
verblichen,
wenn von Natur die Fraun sich alle
glichen.
(2) Wilhelm Busch (1832-1908):
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"Enthaltsamkeit ist das Vergnügen
an Dingen, welche wir nicht kriegen."
Enthaltsamkeit ist nichts auf lange
Sicht!
Auch macht ein einfach Ding kein recht
Vergnügen.
Warum mit Brosamen denn sich begnügen
–
verlockend sind nur Dinge von Gewicht.
(3) Jean-Baptiste Molière (1622-1673):
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"In der Ehe geht – wie auch sonst
– Zufriedenheit über Reichtum."
Zufriedenheit herrscht dann in einer
Ehe,
wenn auch bei Kassen-Ebbe keiner
schmollt;
Man tritt sich oft genug noch auf die
Zehe,
vor allem, wenn der Rubel reichlich rollt.
(4) Chinesische Sprichwort-Weisheit:
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"Liebenden schmeckt sogar das
Wasser süß."
Selbst Wasser schmeckt so süß wie
Limonade,
ist einer ausreichend genug verliebt –
und wer die Liebe eher schon versiebt,
dem schmeckt selbst Limo nur wie
Wasser: fade!
(5) Søren Aabye Kierkegaard
(1813-1855):
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"Die Ehe ist und bleibt die
wichtigste Entdeckungsreise, die der Mensch unternehmen kann."
Was Kierkegaard bei Ehereisen fand,
dient heute nicht einmal als Episode:
entdeckt wird vor der Ehe alles Land,
selbst sie kommt ja schon langsam aus
der Mode.
(6) August Strindberg (1849-1912):
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"Sollte es wirklich einmal zu einem
Kampf zwischen den Geschlechtern kommen, dann werden die Frauen siegen, weil
die Männer die Frauen mehr lieben, als die Frauen die Männer."
Die Männer werden doch nicht
unterliegen –
und Frauen im Geschlechterkampfe
siegen?
Das fürchten Männer, die den Fraun
nicht trauen,
denn mehr als Männer lieben Fraun, scheints,
Frauen.
(7) Napoleon Bonaparte (1769-1821):
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"Fähigkeiten sind nichts ohne
Möglichkeiten."
Die eignen Fähigkeiten werden schwach,
steht es mit Möglichkeiten mehr als
zach.
Doch stehen solche oft auch längst
bereit,
nur sind dann Fähigkeiten nicht so
weit.
Das dachte Bonaparte als Stratege –
doch stand er auch privat sich nicht
im Wege
und fand der Möglichkeiten endlos
viele,
wo er mit Fähigkeiten kam zum Ziele.
(8) Joachim Günther (Ingenieur in den
1970ern, Chemnitz):
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"Der Mann bleibt für sinnliche
Liebe länger attraktiv als fähig, die Frau länger fähig als attraktiv."
Da ist ein Punkt, wo einstellt sich
Balance
und Paare fürs Begehren sich genieren.
Dabei ergäbe sich die Riesen-Chance,
Begierden einmal 'umzudefinieren'.
© elbwolf (WH, 24.8.2019)
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Die hier epigrammatisch kommentierten und sämtlich
bekannten Aphorismen 1-7 wurden der Sammlung "Wassermann", Neumann
& Göbel Verlagsgesellschaft (Köln) unter den folgenden Kalenderdaten entnommen:
21.1., 13.2., 19.2., 6.4., 26.6., 10.7. und 8.9.
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Dieser Beitrag zeigt Epigramme in ihrem heutigentags gebräuchlichsten
Format des Quartetts aus 5-füßigen (meist jambischen) Versen in den Reimungen
aabb, abab, abba. Diese formale Seite tritt aber hinter den Inhalt zurück, der
sich mittels ironischer Formulierungen eines speziellen merk- oder kritikwürdigen
Umstands annimmt.
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