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Samstag, 25. November 2017

Mundart-Verse (8) – Südthüringer Itzgründisch (Arthur Schmid †; Günter Langhammer als Gast)

Notabene: Fortsetzung der losen Folge von Gedichten, die ihre Verfasser/Innen in Mundart geschrieben haben. Der Begriff mag für Sprachwissenschaftler etwas unscharf sein – hier steht er für Gedichte, die man in solcher "Würze" nur in "Regionalsprachen" findet. Auch sind sie den formalen poetischen Auflagen durch das Hochdeutsche weit weniger (oder nicht) verpflichtet.
Für Unkundige, die gar manches Mal "begriffsstutzig" sein würden, gibt es eine hochdeutsche Übertragung oder eine Reihe von Worterklärungen.
Sonneberger Panorama im Herbst, Aufnahme: 10.10.2008.
Urheber: Holger Mohaupt; Quelle: wikimedia.commons; Liz.: CC BY-SA 3.0


Arthur Schmid (Heßberg b. Hildburghausen; 1898-1952)


Die Hauptsach
(Quelle: siehe die nachfolgend angegebene Anthologie, S. 113)

Guck! Namm dirsch net so arg ze Harzn:
Es wärd schö widdr warn.        
Es gitt halt net bloß süße Mandl,
es gitt ah bittre Karn!

Denn siehste, wenn ichs racht bedenk
un mei Betrachtns hah:
Es greuft än jedn von uns armn
Karl manchmal richtig ah!

Ich mään: Es hat a jeder was,
was  ne so richtig wörcht!
Ich aber denk: Nu grade net!
Nu grad wärd sich net gförcht!

Was hilfts denn ah? M'r könne uns
gekümmer un gehärm;
un wenn m'r alles zammeschlagn
un 's gitt än Heidenlärm:

Davoh, da ändert sich doch nix!
Mir müssn annerscht mach!
Vonn inne raus – v'rstehste mich? –
da wärds ä annre Sach!

Drüm sag ich: Namms net gar so arg!
Es wärd schö widder warn:
Die Hauptsach bleit, daß du net bloß
ä Schaln hast – ah än Karn.
Schau! Nimms dir nicht so sehr zu
Es wird schon wieder werden.   \ Herzen:
Es gibt halt nicht bloß süße Mandeln,
es gibt auch bittre Kerne!

Denn siehst du, wenn ich's recht bedenk
und meine Ansicht habe:
Es setzt einem jeden von uns armen
Kerlen manchmal richtig zu!

Ich meine: Es hat jeder was,
das nicht so richtig läuft!
Ich aber denke: Nun erst recht!
Jetzt grade wird sich nicht gefürchtet!

Was hilfts denn auch? Wir können uns
bekümmern und härmen;
und wenn wir alles zusammenschlagen
und 's gibt einen Heidenlärm:

Davon, da ändert sich doch nichts!
Wir müssen 's anders machen!
Von innen raus - verstehst du mich? -
da wird’s eine andere Sache!

Drum sage ich: Gib nicht so viel drauf!
Es wird schon wieder werden:        / bloß
Die Hauptsache bleibt, dass du nicht eine Schale hast – auch einen Kern.

Anm.: siehe den Disclaimer am Ende des gesamten Beitrags!


Günter Langhammer (Haselbach, jetzt OT von Sonneberg; geb. 1937)


Wos mir ells ham
(Quelle: Anthologie, S. 134)

Was wir alles haben


Wir ham uns en Winter eigefange
un in weiße Gefriertruhn gesperrt.
Er liefert uns fresche Erdbeer un junge Erbsen raus
und Fläsch, Fläsch, sehr viel Fläsch.
Jetzt brauchen wir en Weihnachtsbroten nimmer
vursch Fanster zu hänge, deß er sich ja hält.

Wir ham en Bach a neis Bett gegossen.
Es is schnurgerod un aus Beton.
Jetzt brauchen mer kä Angst mehr zu ham,
deß Hochwasser die Wies ieberschwemmt.
Die drei Kopfweiden stunne ower im Wag.

Wir ham uns Farbfernseher gekäft.
Jetzt brauchen wir ner nuch auf Tasten zu drecken
un sahn, wenn se in Amerika boxen un in
                                                  Japan Fußball spieln.
Unnern Spartplatz mißten se meh
un die zwee Tor reparier.

Mir ham's besser.
Ower hammersch ah schänner?
den Winter eingefangen


Fleisch
Weihnachtsbraten
vors Fenster zu hängen

dem Bach ein neues Bett
schnurgerade
keine Angst

standen aber im Wege

gekauft
nur noch ~Tasten zu drücken
und sehen

Unsern Sportplatz müssten
                              \ sie mähen

Wir haben es besser.
Aber haben wir's ~ schöner?

© Günter Langhammer; Wiedergabe erfolgt mit ausdrücklicher Erlaubnis des Autors!

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Die Autoren unseres November-Beitrags haben uns auch viele Jahre nach der Erstveröffentlichung ihrer Verse noch etwas zu sagen – kluge Worte wirken eben lange nach!
Leider sind manche Spuren der Dichter – bis eben auf die durch das gedruckte Buch übermittelten – verblasst. Für eine Mundarten–Anthologie, verlegt 1990 im Greifenverlag (s. Abb.!), konnte der Mitarbeiter der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Erforscher thüringischer Mundarten, Heinz Sperschneider (1927-2009), damals schon als Herausgeber nur wenige Lebensdaten erheben.

Arthur Schmid (1898-1952) war in Heßberg bei Hildburghausen ansässig. Er war Lehrer an verschiedenen Schulen in der Umgebung. Ihn führt der heutige  Thüringer Literaturrat im Verzeichnis seiner Autoren mit einer ansehnlichen Reihe von Werken auf.

Günter Langhammer wurde 1937 im heutigen OT Haselbach der Kreisstadt Sonneberg geboren. Er war Fachlehrer für Deutsch, ging 1990 in Vorruhestand. Er veröffentlichte Beiträge in itzgründischer Mundart, meist in Anthologien, zuletzt in einer von 2007, die in Sonneberg erschien, und 2014 in einem Band des Arbeitskreises "Mundart Südthüringen e.V." Der Thüringer Literaturrat führt Günter Langhammer ebenfalls in seinem Autorenverzeichnis.
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Einen Überblick über die Verbreitungsgebiete der thüringischen Mundarten, darunter des Itzgründischen um Hildburghausen und Sonneberg, gibt ein Beitrag in der Wikipedia wieder. Namensgeber für diesen mainfränkischen Dialekt ist die Itz, ein rechter Nebenfluss des Mains in Thüringen und Oberfranken; gesprochen wird der Dialekt in den Tälern der Itz und ihrer Zuflüsse.

Disclaimer
Die Betreiber von "Versbildner" erklären, dass angesichts der beiden Umstände – (1) der Greifenverlag hörte 1992 nach Insolvenz auf zu exstieren und sein Verlagsarchiv wurde auf der Heidecksburg/Rudolstadt eingelagert und (2) der Anthologie-Herausgeber Sperschneider verstorben ist – eine Gestattung für das erste der zwei wiedergegebenen Gedichte nicht beizubringen war. "Versbildner" würde aber auf einen berechtigten Anspruch hin das Gedicht unverzüglich von seiner Webseite entfernen – wenn auch mit Bedauern.

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